Aus dem Museum

Das Wohnzimmer (Teil 1): Ein erster Eindruck

Herzlich willkommen zu unserer neuen Blogserie, in der wir immer einen Monat lang einen Raum unseres neuen Ausstellungsteils vorstellen. Verschiedene an der Ausstellung beteiligte Teammitglieder beleuchten einmal in der Woche aus unterschiedlicher fachlicher Perspektive die neuen Ausstellungsräume. Im September stand die Küche im Mittelpunkt, im Oktober dreht sich alles um das Wohnzimmer der WBS 70-Wohnung, welche Sie seit September im DDR Museum besichtigen können.
(04.10.2016)

Das Wohnzimmer ist der größte Raum in der gezeigten Plattenbauwohnung, wie sollte es auch anders sein. Am Ende des langes Flures angelegt, mit der Küche durch eine Durchreiche verbunden, erwartet Sie der Wohnraum mit der wohl größten Themenvielfalt. Auf den ersten Blick jedoch sind Sie zunächst einfach nur in einem fremden Wohnzimmer...

Das Sofa (sehr gemütlich!) befindet sich in der Mitte des musealen Zimmers und ist der authentischen Carat – Schrankwand zugewandt. Und wenn man dann auf diesem Sofa sitzt und seinen Blick schweifen lässt, wirkt die Umgebung gemütlich und erlauben Sie mir die Wortschöpfung „DDR-gewöhnlich“. Einer meiner liebsten Überraschungen der Ausstellung befindet sich dann direkt vor Ihnen im MuFuTi, dem „Multifunktionstisch“. Ein eingebettetes Tablet ermöglicht es Ihnen, sich Fernsehsendungen des gleichen Tages (5. März 1984) aus Ost und West anzusehen. Ich bin schon oft gefragt worden, warum ausgerechnet dieser Tag gewählt wurde, kenne die Antwort und ich bin mir sicher, dass die Kuratorin dieses kleine Geheimnis in ihrem Blogbeitrag über das Wohnzimmer aufklären wird!

Hinter den Schranktüren und in den Schubladen der Schrankwand befinden sich die vielen unterschiedlichen Themen, die es zu entdecken gilt. Dafür braucht man schon ein bisschen Zeit, die es sich aber zu investieren lohnt. Und werfen Sie unbedingt auch einen Blick in die Bar (in der Schrankwand), sie ist ein beliebtes Fotomotiv, zu Recht!

Von Dessau nach Berlin-Mitte

Das nachgestellte Wohnzimmer ist einem durchschnittlichen Wohnzimmer Mitte der 1980er-Jahre nachempfunden und mit vielen originalen Objekten aus der DDR ausgestattet. Hierzu zählen neben einer Carat-Schrankwand, einem Multifunktionstisch sowie verschiedene Flaschen alkoholischer Getränken ebenso die Fensterrahmen, eine Balkontür, der Heizkörper und die Lichtschalter samt Kabelverkleidung. Da diese Elemente der Grundausstattung einer WBS70-Wohnung zunächst nicht in der Sammlung des DDR Museum vorhanden waren, mussten sie anderweitig organisiert werden. Dafür wurden verschiedene Wohnungsbaugenossenschaften und Stadtverwaltungen in mehreren Bundesländern kontaktiert, um möglichst originale Einrichtungselemente von noch unsanierten Plattenbauwohnungen zu erwerben. Da jedoch die meisten Plattenbauten mittlerweile saniert sind, gestaltete sich dies durchaus problematisch. Schließlich gelang es jedoch, einen Plattenbau in Dessau ausfindig zu machen, der kurz vor der Sanierung stand und aus dem sämtliche Einrichtungselemente gerettet werden konnten, die es braucht, um eine Wohnung aus DDR-Zeiten originalgetreu einzurichten. Zusätzlich zu Heizkörpern und Türen konnten eine Badewanne sowie Fußbodenleisten oder einen Sicherungskasten samt Verkleidung in unseren Sammlungsbestand aufgenommen und in die Ausstellung integriert werden.

Eine Schrankwand mit überraschendem Inhalt

Das größte Objekt im Raum ist ein wahrer Einrichtungsklassiker der DDR: die Schrankwand »Carat« . Diese konnte beliebig zusammen gestellt werden, da die Elemente wie Bar oder Vitrinen einzeln erhältlich waren. So gab es hier zumindest ein kleines bisschen Spielraum für eine individuelle Einrichtung. Als Ausstellungselement gibt das Möbelstück Informationen dazu, wie schwierig sich die Wohnungssuche in der DDR gestaltete und welche Möglichkeiten sich der DDR-Bevölkerung boten, das Wohnungsamt zu umgehen. Außerdem werden innerhalb der Schubladen und Schranktüren Themen wie Feiern, Gesellschaftsspiele, Drogenkonsum, Grund- und Luxusgüter sowie Westfernsehkonsum behandelt.

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