Was bleibt von der DDR?

»Sandmann, lieber Sandmann…«

Das Sandmännchen ist der allabendliche Begleiter vieler Kinder vor dem Schlafengehen. Seit 1959 nimmt es sie mit auf seine Abenteuer, die in um die ganze Welt und in ferne Galaxien führen. Der kleine Mann ist eine der DDR-Erfindungen, die bis heute Klein und Groß begeistern. (17.11.2021)

Von der Märchenfigur zum Kindheitshelden

Es gibt wohl kaum einen größeren »Wendegewinner« als das kleine Sandmännchen, das am 22. November 1959 erstmals im Deutschen Fernsehfunk (DFF) ausgestrahlt wurde. Angelehnt ist er an die Sandmannfigur der Gebrüder Grimm und das bekannte Märchen »Der Sandmann« von Hans Christian Andersen. Innerhalb von zwei Wochen wurde die Fernseh-Figur entwickelt, da der westdeutsche Sender Freies Berlin die Einführung eines Sandmännchens zum 1. Dezember 1959 ankündigte. Der stellvertretende Intendant des DFF, Walter Heynowski, richtete deshalb am 4. November eine Hausnotiz an die Programmleitung »Kinder-Jugend-Frauenfernsehen«, die zu unverzüglichen Gegenmaßnahmen aufrief.

Es gelang Bühnen- und Kostümbildner Gerhard Behrendt innerhalb dieser kurzen Zeit eine Sandmännchenfigur zu entwickeln und sie in aufwändiger Stop-Motion-Technik in Szene zu setzen. Harald Serowski verantwortete die Kulissen und die verschiedenen Fahrzeuge des Männchens, das bereits im Sommer 1960 seine endgültige Form mit 24 cm Größe, Spitzbart und Zipfelmütze erhielt. Wolfgang Richter sollte in nur einer Nacht die Melodie des Sandmann-Liedes komponiert haben. Der Wettlauf mit dem Westen konnte auf dem Gebiet des Kinderfernsehens gewonnen werden. Der Ost-Sandmann wurde Kult.

Adventskalender mit Sandmännchen und seinen Freunden aus dem Märchenwald

Sandmann schon 1956 im Radio auf Sendung

Bereits 1956 ging das Sandmännchen im DDR-Radio auf Sendung. Drei Jahre später entwickelte der DFF den »Abendgruß« zu einer aufwendigen Fernsehproduktion weiter. Schon die erste Ausstrahlung war ein voller Erfolg, denn die Kinder verspürten sofort Zuneigung zum Sandmännchen, das ihnen das Zubettgehen erleichtern und Schlafsand in die Augen streuen sollte. Als es zum Ende der ersten Folge selbst an einer Straßenecke einschlief, führte das zu unzähligen Briefen betroffener Eltern und deren Kinder, die dem Sandmännchen ihr Bett anboten. Die Vorstellung eines obdachlosen Sandmanns wurde nie wieder genährt. Für viele Kinder war der kleine Sympathieträger von nun an aber Bestandteil des Abends und der »Abendgruß« festes Ritual vor dem Schlafengehen.

Schwarz-Weiß-Postkarte mit Sandmännchen

Das sozialistische Sandmännchen

Der kleine Mann verfügte über einen großen Fuhrpark diverser moderner Fahrzeuge und Fluggeräte, mit denen er die ganze Welt bereiste – und sogar das Weltall. Zwar genoss er die Reisefreiheit, doch er kehrte stets in seine geliebte DDR zurück, deren Ideale er den Kindern nahebringen wollte. Er besuchte die Grenztruppen der Nationalen Volksarmee (NVA), grüßte Arbeiter beim Bau der hochgepriesenen Plattenbauten und begeisterte die Kinder für die Pionierorganisation, Ernteeinsätze und Leistungssport. Von der Ideologie war auch der Sandmann nicht frei, wenngleich es nur 30 eindeutig parteiideologisch gefärbte Episoden gab. Auf diese Weise wurden auch schon die Kleinsten mit politischen Inhalten der Zeit in Berührung gebracht.

Eines seiner vielleicht spannendsten Abenteuer führte das Sandmännchen in den Weltraum: Der Kosmonaut Sigmund Jähn, der erste Deutsche im All, nahm ihn 1978 mit auf seine Expidition, wo das Sandmännchen Puppenhochzeit mit der sowjetischen Braunbär-Fernsehpuppe »Mascha« feierte. Eingebettet in die Geschichten des Sandmännchens war der »Abendgruß«, der einen in sich geschlossenen kurzen Film mit anderen DDR-Puppenstars zeigte. 

Blechteller »Sandmännchen im Mondauto«

Das Sandmännchen als internationaler Star

Der Sandmann war schon zu DDR-Zeiten ein Exportschlager. In Dänemark, der Schweiz und in Griechenland erfreute er sich ebenso großer Beliebtheit. 1966 wollte auch der Westdeutsche Rundfunk Lizenzen für die Vor- und Abspänne des Sandmanns einkaufen. Doch die DDR sagte trotz der Aussicht auf Deviseneinnahmen ab. Denn wie sollte den Kindern erklärt werden, dass der Sandmann auch beim Klassenfeind »zu Hause« war?

Das West-Sandmännchen konnte mit dem liebevoll gestalteten Mann aus der DDR nie mithalten. Sogar im Westen wurde für den »Abendgruß« gerne mal der ostdeutsche Fernsehfunk eingeschaltet. Als der Sandmann deshalb 1991 zusammen mit dem DFF verschwinden sollte, brach ein Sturm der Entrüstung aus. Unterschriften wurden gesammelt und Demonstrationen abgehalten, um den Ost-Sandmann zu bewahren. Bereits 1990 hatte es die Zeitung »Junge Welt« vorausgesagt: »Wenn sie in diesem Land an einem Mann scheitern können, dann ist es der Sandmann.« Sie sollte Recht behalten. Der Osten blieb und der Westen machte Platz – zumindest im Kinderfernsehen. Zuerst wurde er im MDR und ORB ausgestrahlt. Heute läuft »Unser Sandmännchen« im MDR und im RBB und seit 1997 auch im KiKA. Neben Wiederholungen werden auch neue Rahmenhandlungen mit dem Sandmann produziert. Mittlerweile ist das Sandmännchen gesamtdeutscher Kult.

Puzzle »Sandmann im Palast der Republik«

Die Puppe aus dem Erzgebirge

Entwickelt wurde die populäre Figur von Gerhard Berendt. Er gab ihr sein typisches Erscheinungsbild: ein kindliches und greisenhaftes Aussehen vereint. Unser Exemplar des Sandmanns befindet sich noch im Originalkarton. Die Größe der Puppe mit blauem Mäntelchen und blauer Mütze entspricht der Originalgröße von 24 cm. Den Sack mit dem Schlafsand hat es unter dem Arm. Die Figur wurde von Erich Schönherr im Erzgebirge hergestellt und stammt aus dem Jahr 1964.

Sandmännchen-Puppe mit Verpackung

Noch mehr Informationen zum Sandmännchen, seinen Fahrzeugen, Abenteuern und Geschichten gibt es hier auf der offiziellen Sandmann-Website

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