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Sozialismus im Kleinen - ein Brigadebuch vom EAW

Brigadebücher sind nicht wirklich selten, aber man kann aus Ihnen manchmal mehr „Geschichte“ ablesen als aus vielen Lehrbüchern. Anfang Januar 2014 bekamen wir die Gelegenheit, ein solches Brigadebuch einer kleinen Entwicklungsabteilung des VEB Elektro-Apparate-Werke (EAW) Berlin-Treptow „Friedrich Ebert“ als Spende zu bekommen. von Sören Marotz (24.01.2014)

Brigadebücher sind nicht wirklich selten, aber man kann aus Ihnen manchmal mehr „Geschichte“ ablesen als aus vielen Lehrbüchern. Anfang Januar 2014 bekamen wir die Gelegenheit, ein solches Brigadebuch einer kleinen Entwicklungsabteilung des VEB Elektro-Apparate-Werke (EAW) Berlin-Treptow „Friedrich Ebert“ als Spende zu bekommen. Das 3-bändige „Werk“ entstand im Zeitraum von 1971-1988 und bildete das Leben innerhalb einer Brigade lückenlos ab.

Klaus Gohdes, Jahrgang 1938, hatte uns zur Übergabe „seines“ Brigadebuches eingeladen, was wir dankend annahmen. Er war als Dipl. Ing für Kunststofftechnik ab 1968 am Institut für Regelungstechnik (später zum EAW gehörig) beschäftigt. Ab 1971 war er Abteilungsleiter und damit auch für das Brigadebuch gesamtverantwortlich. Interessant war auch, dass er seinerzeit nicht in die SED eingetreten war, weil die Parteiversammlungen wohl zu viele Abende „gefressen“ hätten.

Nichts desto trotz hatte er das Ziel, die Auszeichnung „Kollektiv der sozialistischen Arbeit“ für seine Brigade (8-9 Kolleginnen und Kollegen) zu erhalten. Von daher wurden von allen Mitgliedern der Brigade „Leistungen“ jeglicher Art im Brigadebuch verzeichnet (kulturell, betrieblich, politisch, ...). Jedes Brigademitglied musste Beiträge schreiben, was sie hier auch vorbildlich taten, schließlich schaute ab und an auch mal der Parteisekretär rein. Der Vertrauensmann hatte die Bücher unter seiner Obhut.

Als Brigadeleiter konnte Klaus Gohdes auch über die Prämienauszahlung mitentscheiden, zum Beispiel die Prämie bei Alkoholismus oder beim Nichtspenden für die vielen Sammelaufrufe verringern. Letztlich ging die Rechnung für viele auf, auch wenn Sie nur eine Mark spendeten, dafür aber die volle Jahresendprämie von bis zu 1000 Mark bekamen.

Eine Kollegin (Petra Hermann) stellte 1976 einen Ausreiseantrag, woraufhin sie aus der Entwicklungsbrigade genommen und in die Produktion „strafversetzt“ wurde. Ihr Name, der auf einigen Listen schon eingetragen war, wurde im Brigadebuch durchgestrichen. Interessanterweise entwarf die Brigade auch eine Kunststoffplakette für die Weltfestspiele 1973, die im VEB Plastikwerk Berlin im Spritzgussverfahren hergestellt wurde. Eine ähnliche haben wir in der Ausstellung.

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