Sternstunde der Demokratie: Die Wahlen zur ersten demokratischen Volkskammer am 18. März 1990

Heute vor zwanzig Jahren, am 18. März 1990 genau um 18.00 Uhr schlossen in der ganzen DDR die Wahllokale. Insgesamt 11 604 418 Wähler hatten sich zwischen 24 Parteien und politischen Vereinigungen entschieden.
von Dr. Stefan Wolle (18.03.2010)

Heute vor zwanzig Jahren, am 18. März 1990 genau um 18.00 Uhr schlossen in der ganzen DDR die Wahllokale. Insgesamt 11 604 418 Wähler hatten sich zwischen 24 Parteien und politischen Vereinigungen entschieden.

Die Wahlbeteiligung lag bei 93,38 Prozent. Doch nicht allein die hohe Wahlbeteiligung machten den 18. März 1990 zu einer Sternstunde der Demokratie. Es war die erste freie Wahl in der DDR. Mehr noch: Es war für die große Masse der Wähler die erste echte Wahl überhaupt. Man musste schon vor dem Ersten Weltkrieg geboren worden sein, um am 6. September 1932 an den letzten freien Reichstagswahlen teilgenommen zu haben. Fünfzig Jahre lang wurde der bürgerliche Parlamentarismus von Nazis und Kommunisten verhöhnt und als Kasperletheater diffamiert, das lediglich dazu diene, die wirtschaftliche Macht der Konzernherren zu verschleiern. In der DDR fanden alle zwei Jahre Volkswahlen statt, doch es gab weder ein Volk zu wählen noch eine echte parlamentarische Vertretungen. Immerhin waren die Wahlen sehr nervenschonend. Es gab keine Hochrechnungen, keine Elefantenrunden, keine Koalitionsverhandlungen. Das Resultat von etwa 99,99 Prozent war festgelegt. Die allmächtige SED hielt alle Fäden in der Hand. Trotzdem wurde selbst diese Pseudowahlen noch einmal kräftig gefälscht - sofern man überhaupt Falschgeld fälschen kann.


Damit war am 18. März 1990 Schluss. Die Friedliche Revolution des Herbstes 1989 schuf an diesem Tag eine neue staatsrechtliche Legitimität. Eine rasch zusammen gezimmert Koalition aus CDU, Demokratischer Aufbruch (DA) und der auf die bayerische CSU orientierten DSU errang mit 48,04 Prozent faktisch die absolute Mehrheit. Dies war ein Votum für die deutsche Einheit, aber auch eine Absage an alle Träume von einem dritten Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus. Die vereinigten Oppositionsgruppen aus der DDR traten als Bündnis 90 an und kamen auf 2,9 Prozent. Die Helden der Revolution durften nach Hause gehen.


Auch die SPD brach mit 21,88 Prozent recht kläglich ein. Schuld war ihre unentschlossene Haltung zur deutschen Einheit. „Was wirtschaftlich falsch ist, kann nicht politisch richtig sein" hatte Oskar Lafontaine gesagt. Das wollte damals niemand hören. Die Weichen waren in Richtung Einheit gestellt. So waren die ersten freien Wahlen zur Volkskammer zugleich die letzten.

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