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„Stasi raus!“ Die Eröffnung der neuen Dauerausstellung des Stasi-Museums

Der Komplex des ehemaligen Stasi-Hauptquartiers in Lichtenberg gehört zu jenen mythischen Orten historischen Geschehens, von denen Berlin überreich ist. Anlässlich des 25. Jahrestages des legendären Sturms auf die Stasi wurde dort am Vorabend des Jubiläums die neue Dauerausstellung des Stasi-Museums eröffnet. Dies ist Anlass für einige Bemerkungen eines der damals Beteiligten.
von Dr. Stefan Wolle (16.01.2015)

Der Komplex des ehemaligen Stasi-Hauptquartiers in Lichtenberg gehört zu jenen mythischen Orten historischen Geschehens, von denen Berlin überreich ist. Anlässlich des 25. Jahrestages des legendären Sturms auf die Stasi wurde dort am Vorabend des Jubiläums die neue Dauerausstellung des Stasi-Museums eröffnet. Dies ist Anlass für einige Bemerkungen eines der damals Beteiligten.

Die Banalität des Bösen

„Milde Meeresluftmassen bleiben weiterhin wetterbestimmend“ versprach der Wetterbericht für den Abend des 15. Januar 1990. Vereinzelt sollte es Sprühregen geben und die Temperaturen auch nachts nicht tiefer als zwei Grad plus sinken. Doch so milde wie das Januarwetter war die Stimmung der Bevölkerung keineswegs. Die SED-Führung unternahm erfolgreiche Anstrengungen,  den rasanten Machtverfall aufzuhalten. Während in den Bezirksstädten schon seit dem 4. Dezember 1989 Stasi-Zentralen von Bürgerkomitees besetzt worden waren, arbeitete das Hauptquartier in Berlin-Lichtenberg unangefochten weiter. Einem Aufruf des „Neuen Forum“ folgend versammelte sich am Nachmittag des 15. Januar 1990 eine große Menschenmenge vor den Toren der Stasi-Zentrale. Als sich das große Stahltor in der Ruschestraße öffnete, strömten Tausende auf das Gelände der Verbotenen Stadt. Einige Fensterscheiben gingen zu Bruch und in den Geschäften des Versorgungskomplexes meinten manche Demonstranten, sich selbst bedienen zu dürfen. „Es war eine Orgie der Gewalt und des Vandalismus“ zitierte die immer noch auf SED-Linie agierende „Berliner Zeitung“ am 16. Januar 1990 einen Augenzeugen. Das war ganz sicher übertrieben, doch Mitglieder des Neuen Forum und Bereitschaftspolizisten kontrollierten gemeinsam die Erstürmer der Stasi vor dem Nachhauseweg, ob sie eine Flasche Cognac oder ein Buch aus der Bücherstube hatten mitgehen lassen.

Abends kommt die Angst

Am nächsten Morgen begann in der Stasi-Zentrale eine verwirrende Doppel- oder Dreierherrschaft. Immer noch residierte hier Stasi-General Engelhardt mit seinen Leuten, auch das Archiv war faktisch in den Händen der alten Mitarbeiter. Tagsüber tagte der Arbeitskreis Sicherheit des Zentralen Runden Tisches und gleichzeitig versuchte das Bürgerkomitee die Akten die ordnungsgemäße Abwicklung des MfS zu gewährleisten. Schon am ersten Tag meldeten sich ehemalige Mitarbeiter mit Zahnschmerzen. Sie waren bisher innerhalb des Ministeriums behandelt worden. Also musste die Zahnarztpraxis wieder eröffnen. Auch hatten die Stasi-Leute die Erlaubnis bekommen, persönliche Gegenstände abzuholen. Mit ihren Grünpflanzen, Kunstdrucke und den sorgfältig gerahmten Fotos ihrer Lieben unter dem Arm verließen sie auf immer ihre alte Dienststelle. Das Wort Hannah Arendts von der Banalität des Bösen machte die Runde. Abends saß das Bürgerkomitee Normannenstraße in den Büros, wo Tage zuvor noch die Stasi tätig war. An diesen stillen Abend war die Atmosphäre gespenstisch. Es war, als kehrten die Untoten zur Stätte ihres früheren Wirkens zurück. Wilde Gerüchte machten die Runde. In Bunkern rund um Berlin sollten Stasi-Leute in geheimen Befehlszentralen auf ihre Stunde warten. Auch unterhalb des Geländes in Lichtenberg sollten sich solche unterirdischen Anlagen befinden. Nachts lagen die Höfe in tiefer Dunkelheit und manches Gerede, dass im hellen Tageslicht lächerlich wirkte, erschien in der Nacht nicht mehr so unglaubhaft.

Authentizität gegen Musealisierung

Man sollte an einen regnerischen Januarabend hierher kommen, will man noch etwas vom Geist des Ortes spüren. So ein Abend war der 13. Januar 2015, als zur Eröffnung der neuen Dauerausstellung des Stasi-Museums geladen worden war. Die düsteren Fassaden waren wie damals in grauen Sprühregen gehüllt. Auf den Höfen herrschte  Finsternis und nur das Haus 1, der ehemalige Dienstsitz Erich Mielkes, war hell erleuchtet. Die Gäste sammelten sich auf dem Hügel gegenüber, in jenem Flachbau, in dem Mielke oft seine endlosen Reden hielt. Hier tagte seinerzeit auch die Arbeitsgruppe des Runden Tisches. Doch die Gespenster der Vergangenheit  zeigten sich nicht im hellen Licht des Festsaals. Auch in der Ausstellung, die anschließend besichtigt werden konnten, blieb der Geist des Ortes vor der Tür. Es riecht nach frischer Farbe und neuen Interieurs. Vielleicht ist die Veränderung des authentischen Orts der Preis für die Musealisierung. Sauber und ordentlich sind Erinnerungsstücke und Dokumente hinter Glas zu sehen. Säuberlich aufgereiht findet man alle wichtigen Themen. Eine lobenswerte Mahn- und Gedenkstätte zur Belehrung  kommender Generationen ist entstanden. Man wird nicht viel dagegen einwenden können. Doch erst als ich über den immer noch dunklen Hof durch den eiskalten Regen dem U-Bahnhof Magdalenenstrasse entgegeneilte kam so etwas wie Erinnerung auf. 

Bild: Bundesarchiv, Bild 183-1990-0116-013 / CC-BY-SA

 

 


 

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