Aufbruch nach Utopia

von Jörn Kleinhardt (19.02.2015)

Zwei Moskauer sitzen im Gorki-Park, beginnt ein sowjetischer Witz aus der Zeit um 1960. „In zwanzig Jahren herrscht Kommunismus“, schwärmt der Eine. „Da kann man morgens mit der Rakete in den Kaukasus fliegen und abends zurück kommen.“ „Und was willst Du im Kaukasus?“, fragt der Andere. „Apfelsinen kaufen“, antwortet der Erste. Zukunftsvisionen waren damals reichhaltig im Angebot, an Obst und Gemüse dagegen mangelte es erheblich. Am 4. Oktober 1957 startete in der kasachischen Steppe die Trägerrakete mit dem ersten künstlichen Erdsatelliten „Sputnik 1“. Im ganzen Ostblock überschlug sich die Propaganda. Abends standen die Menschen auf den Dächern um jenen winzigen Lichtpunkt zu sehen, der einsam am Sternenhimmel seine Bahn zog.  Das kosmische Zeitalter hatte begonnen und die Sowjetwissenschaft hatte die Nase vorn. Eine ungehemmte Zukunftseuphorie brach sich Bahn und bezog sich durchaus nicht allein auf die Raumfahrt. Der Glaube an die Veränderung der Welt durch den technischen Fortschritt verband sich mit der kommunistischen Vision einer Gesellschaft der sozialen Harmonie, in der die Arbeit allein der Selbstverwirklichung des Individuums dient. Alle materiellen Güter wären dann im Überfluss vorhanden, das Geld könne abgeschafft werden, Kriminalität und sogar Neid und Missgunst würden aus der Welt verschwinden. Warum sollte man noch stehlen, wenn man aus der Kaufhalle ohne zu bezahlen so viel mitnehmen könnte, wie man tragen kann?

Wie die Geschichte gezeigt hat, konnten die hochtragenden Erwartungen an die glorreiche und hochtechnisierte Zukunft im gesamten Ostblock nicht umgesetzt werden. Die Euphorie der Anfangsjahre nach dem Sputnikschock, wich mit zunehmender Stagnation der Wissenschaft und Industrie. Als die US Amerikaner 1969 auf dem Mond landeten, war der technologische Wettlauf um den Kosmos für die Sowjetunion verloren.

Aus der Zeit vor der amerikanischen Mondlandung stammt dieses in Ungarn hergestellte Mondfahrzeug. Es ist aus gestanztem Blech gefertigt und wird über eine 4,5V Flachbatterie betrieben. Kleine Details aus dem Kunststoff PVC ergänzen die relativ glatte Blechkarosserie. Die Lackierung des Fahrzeugs zeigt verschiedene Strukturen und Bauteile der futuristischen Formgebung und erinnert damit an Jule Vernes „Nautilus“ aus dem Roman „20000 Meilen unter dem Meer“.  Farblich dominieren kalte Metallicfarben. Die Karosserieform, besonders die ausladenden Rücklichter aus Kunststoff, erinnern an amerikanische Straßenkreuzer aus den 1950er Jahren. Hinter der leider fehlenden Fahrerkanzel befindet sich -im Spoiler integriert- eine kleine Glühbirne. Weiterhin wird in einem kleinen Gebläse ein Ball schwebend  im Luftstrom gehalten. Die Antenne dreht sich.

Auf der Unterseite befinden sich der Antrieb und das Batteriefach des Fahrzeugs. Die Hinterachse ist starr, während die Vorderachse das Spielzeug antreibt.

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