DDR-Design

Glanzlichter des DDR-Designs: Die FREIA

Die 1949 in Großserienproduktion (über 120.000 Exemplare) gegangene formvollendete und leistungsstarke "Freia" ist weltweit eine der ersten dermaßen ausgeklügelt-minimierten elekrischen Haushalt-Freiarm-Nähmaschinen in Aktentaschenformat, mit wenigen Handgriffen aufzubauen, ohne Pedalbedienung auskommend und mit integrierter Arbeitsleuchte ausgestattet.
von Günter Höhne (17.09.2014)

Einigermaßen befremdlich muss diese Bezeichnung für ein deutsches Nachkriegsprodukt anmuten. Aus einer Zeit, in welcher Götterfiguren der von den Nazis gern zitierten altgermanischen Mythologie als Namensstifter durchaus sakrosankt gewesen sein dürften. Erst recht auf einer volkseigenen Nähmaschine.

“Aber ich habe mir wirklich nichts Arges dabei gedacht”, beteuerte ihr Schöpfer und Taufpate, der Suhler Ingenieur und Erfinder Ernst Fischer (1910-2006). “Freia ist ein reines Kunstwort, das Kürzel für Freiarmnähmaschine. Und so war es wohl auch verstanden worden.”

Vorerst jedenfalls. Mitte der 50er Jahre verschwindet dann doch der Schriftzug vom Gerät, auch der des Erfindernamens Fischer vom Maschinenkopf. Der hatte sich nämlich dagegen gesperrt, an der Wiederaufnahme der Waffenproduktion in Suhl mitzuwirken.

Was bleibt: die 1949 in Großserienproduktion (über 120.000 Exemplare) gegangene formvollendete und leistungsstarke Freia ist weltweit eine der ersten dermaßen ausgeklügelt-minimierten elekrischen Haushalt-Freiarm-Maschinen in Aktentaschenformat, mit wenigen Handgriffen aufzubauen, ohne Pedalbedienung auskommend und mit integrierter Arbeitsleuchte ausgestattet.

Was man ihr nicht ansehen kann: Dem rotbraunen Duroplastgehäuse sind unzählige FDJ-Blusenfetzchen und -fasern beigemischt, Produktionsabfall der ersten Generation von Blauhemden der DDR-Staatsjugendorganisation. Die Textilreste sorgten dafür, dass der Koffer-Plastwerkstoff aus Kunstharz unter der Presse stabil aushärtete.

Hergestellt wurden die Koffer übrigens im Presswerk Ottendorf-Okrilla bei Dresden, wo der sowjetischen Besatzungsmacht während der Demontage des Betriebes 1946/47 die dafür benötigte 400-Tonnen-Presse unter einem Bombentrümmerhaufen verborgen geblieben war.

Später mag wohl so manches der von Fahnenappellen und Maiumzügen verschlissenen Hemden wieder auf einer Freia ausgebessert worden sein.

Übrigens: Der altgermanischen Freia, Göttergattin von Odin, dichtet die Sage ein “Falkengewand” an, das ihre Gestalt zu verändern vermag. Kaum anzunehmen, dass der hoch gebildete, gewitzte, verschmitzte Ernst Fischer dies bei der Namensfindung ausgerechnet für eine Nähmaschine nicht doch mit bedacht haben soll...

Text und Bild: Günter Höhne

Auf den Bildern zu sehen ist die Elektrische Koffernähmaschine FREIA.
Hersteller: VEB MEWA Ernst-Thälmann-Werk Suhl, 1949. Der Konstrukteur ist Ernst Fischer.

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