DDR-Design

Auf die Beine, aber nicht ins Laufen gekommen: Vor 65 Jahren erblickte der „Menzel-Stuhl“ das Licht der Welt

In dem heutigen Artikel von Günter Höhne geht es um Modellreihe mit dem nüchternen Namen „Furnierstuhl 50642“, entworfen von einem Werkskollektiv unter dem Betriebsleiter Erich Menzel.
von Günter Höhne (08.06.2015)

Es geschah 1950 im sächsischen Hellerau. Vor der Grundschule der Gartenstadt bei Dresden fährt ein Lkw aus dem hier ansässigen, seit Anfang des 20. Jahrhunderts europaweit geschätzten und nun „volkseigenen“ Möbel-Unternehmen Deutsche Werkstätten Hellerau vor. Die Ladeklappen werden geöffnet und mehrere Dutzend fabrikneuer Stühle abgeladen. Sie entstammen der taufrischen Modellreihe mit dem nüchternen Namen „Furnierstuhl 50642“, entworfen von einem Werkskollektiv unter Betriebsleiter Erich Menzel.

Das Besondere an dieser Neuentwicklung: Das so grazile wie robuste Sitzmöbel besteht von den Vorderbeinen bis zur Rückenlehne aus einer einzigen durchgehenden Fläche: unter Hitze und Druck zusammengepressten 29 Lagen verleimten dünnen Furnierschichtholzes. Die Hinterbein-Konstruktion ist lediglich mittels Holzzapfen angefügt. Keine sonstigen Verstrebungen, keine Schrauben, kein Gramm Metallverbindung halten ansonsten das gute Stück zusammen.

Die ganze Wagenladung wird ins Schulhaus getragen und die Schülerschaft zusammengetrommelt. Die wird nun aufgefordert, mit den Stühlen etwas zu veranstalten, was ansonsten für den Umgang mit Schulmöbeln strengstens verboten ist: draufsteigen und drauf herumtrampeln, kippeln, gar die Objekte durch die Gegend werfen...

Es ist ein verordneter Crashtest, der hier abläuft. Die Stuhl-Erfinder wollten ein „unkaputtbares“ Möbel für den Alltagsgebrauch schaffen – und sie haben das erreicht. Nicht ein einziges Exemplar geht zu Bruch.

Stolz vermeldet man das dem staatlichen Handel. Und der lehnt den Einkauf des Stuhls für sein Sortiment rundweg ab: Zu schlicht, nicht „repräsentativ“ genug für eine Wohnung, ja langweilig und mit „25 DDR-Mark Endverbraucherpreis“ dafür unangemessen teuer sei er.

Die Serienproduktion in Hellerau muss mangels Absatzchancen abgebrochen werden. Die bereits hergestellten Exemplare kommen gerade mal so bei „gesellschaftlichen Bedarfsträgern“ unter, als Gestühl in Vortragssälen, Klubhäusern oder Wartezimmern.

Heute ist der „Menzel-Stuhl“ eines der gesuchtesten frühen Designobjekte aus DDR-Produktion. Bei internationalen Auktionen werden für ihn bis zu 1000 Euro geboten.

Text und Bilder: Günter Höhne, http://www.industrieform-ddr.de

 

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