DDR-Design

Eine Arche Noah aus Thüringen

Viele Frauen und Männer, die die DDR in Kinderschuhen erlebt haben, werden sich noch der liebenswerten Gesellen im Kindergarten oder sogar daheim erinnern: Nashorn, Nilpferd, Krokodil, Delphin, Schildkröte oder Gans aus Rupfen-Stoff und buntem Leder, prall vollgestopft mit Holzwolle, schier unverwüstliche fröhliche Spielkameraden. Günter Höhne wirft einen Blick auf deren Produktionsgeschichte. von Günter Höhne (17.12.2014)

Viele Frauen und Männer, die die DDR in Kinderschuhen erlebt haben, werden sich noch der liebenswerten Gesellen im Kindergarten oder sogar daheim erinnern: Nashorn, Nilpferd, Krokodil, Delphin, Schildkröte oder Gans aus Rupfen-Stoff und buntem Leder, prall vollgestopft mit Holzwolle, schier unverwüstliche fröhliche Spielkameraden.

Erfunden und in Handarbeit hergestellt wurden sie in den 1960er Jahren – und werden es immer noch – in der traditionsreichen Thüringer Spielzeugstadt Sonneberg. Als Mutter stand an der Wiege des ersten Nashorns die Lehrerin an der dortigen Fachschule für Spielzeug Helene Haeusler, und ihre Schülerin Renate Müller griff schließlich die Grundidee auf und schuf im Laufe der folgenden Jahre und Jahrzehnte eine wachsende Familie an Figuren mit der schönen Zweckbestimmung, gesundheitlich eingeschränkten beziehungsweise in der Rehabilitation befindlichen Kindern körperliche und seelische Sicherheit spielerisch zu vermitteln.

Renate Müller arbeitete daran zunächst im elterlichen privaten Sonneberger Kleinbetrieb, bis der Anfang der 1970er Jahre zwangsverstaatlicht und schließlich dem VEB Sonni einverleibt wurde. Hier waren es viele Hände, die den Renate-Müller-Figuren auf die Beine halfen, und die fanden nun auch den Weg in die allgemeinen Kindergärten der DDR, denn: was für gehandicapte Kinder gut ist, ist genauso geeignet für kerngesunde.

Nach der Wiedervereinigung gelang es Renate Müller, die väterliche Manufaktur wieder in Betrieb zu nehmen und die Herstellung ihrer Entwürfe in eigene Hände, wohingegen der VEB Sonni eines der vielen Opfer fragwürdiger staatlicher Treuhandpolitik wurde und von der Bildfläche verschwand.

Heute sind die Rupfen-Spielgefährten nicht nur eine Hauptattraktion im Sonneberger Deutschen Spielzeugmuseum, sondern weltweit gefragte ostdeutsche Designklassiker. In den USA und in Japan werden gern durchschnittlich um die eintausend Euro für ein neues Exemplar gezahlt.

Jetzt vielleicht aber noch für Weihnachten so einen Gesellen bei Renate Müllers Firma „Spielzeug+Design“ in Sonneberg zu bestellen, ist leider zwecklos: Die gesamte Produktion, auch des kommenden Jahres, ist bereits nach New York verkauft...

Auf den Bildern sehen Sie ein Nilpferd Baby (Jahrgang 2013), Renate Müller in Ihrer Werkstatt sowie Renate Müllers "Arche Noah" im Deutschen Spielzeugmuseum Sonneberg.

 

Bild und Text: Günter Höhne, www.industrieform-ddr.de

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