DDR-Design

Schwerter zu Pflugscharen

Als vor neunundsechzig Jahren das Leiden der Menschheit unter dem Zweiten Weltkrieg ein Ende hatte, hieß es zunächst und vor allem: improvisieren, aus Stroh Gold spinnen. Worüber man mehr als zur Genüge verfügte, waren materielle Hinterlassenschaften des verlorenen Krieges – nun des Aufhebens wert, um daraus dringend benötigtes Gebrauchsgerät für den Alltag herzustellen.
von Günter Höhne (18.08.2014)

Als vor neunundsechzig Jahren das Leiden der Menschheit unter dem Zweiten Weltkrieg ein Ende hatte, sprach man in Deutschland, dessen Nazimachthaber diese Katastrophe ausgelöst hatten, vom Jahr 1945 gern als der „Stunde Null“. So, als könne man jetzt noch einmal von vorn, ganz neu und ganz im Guten anfangen seine ausgebombte Wohnung im Haus Europa nunmehr als Hort des Friedens einzurichten. Bloß kein Blick zurück.

„Stunde Null“ kann aber auch als ein anderes Sinnbild gedeutet werden: Die meisten Menschen standen buchstäblich vor dem Nichts, mussten wieder „bei Null“ anfangen, um sicheren Boden unter den Füßen zu finden, zu Lohn und Brot zu kommen, sich neu zu besinnen, die Schrecknisse der Kriegsjahre allmählich hinter sich zu lassen und Zukunftsmut zu schöpfen.

Die Ausgangslage dafür war in der sowjetisch besetzten Zone nicht anders als in den drei Westzonen: Industrie und Infrastruktur weitgehend zerstört oder zumindest schwer beschädigt, auf den Feldern mehr zurückgelassenes Kriegsgerät und Soldatengräber als Erntegut, die Städte in Trümmern, der Hausrat darin buchstäblich „verschütt’ gegangen“, kein Strom, keine Kohle, kein Gas.

Da hieß es zunächst und vor allem: improvisieren, aus Stroh Gold spinnen. Worüber man mehr als zur Genüge verfügte, waren materielle Hinterlassenschaften des verlorenen Krieges – nun des Aufhebens wert, um daraus dringend benötigtes Gebrauchsgerät für den Alltag herzustellen, in Dorfschmieden, Schlossereibetrieben und auf noch irgendwo intakten Gesenkpressen. Frei nach dem alttestamentarischen Prophetenwort „Schwerter zu Pflugscharen“ entstanden aus Wehrmachtsstahlhelmen Nachttöpfe, Jauchenschöpfer und Kochtöpfe, aus Behältertrommeln für Gasmasken nunmehr Milchkannen und andere Gefäße, aus Granathülsen ebenfalls Kannen mit Tragehenkel oder auch Schöpfbecher, aus Gasmasken-Filtern Siebe, Teller für Briefwaagen und manches sonst noch.

In den amerikanischen, englischen und französischen Besatzungszonen war diese Ära der Behelfs- und Ersatzprodukte kürzer als in der sowjetischen. Dank Care-Paketen und Marshall-Plan kamen im Westen Deutschlands Industrie und Landwirtschaft eher wieder auf die Beine, der Osten hingegen hatte noch länger unter Reparationsleistungen, Demontage und Rohstoffarmut zu leiden. Aber die hier Werktätigen gewannen dabei auch etwas, das sie ihren gut und bald sogar im Überfluss versorgten Schwestern und Brüdern „drüben“ später, ja zuweilen noch bis heute voraus haben sollten: eine umfassendere, kreativere Sicht auf viele Dinge, nach dem Motto: Was kann man denn sonst noch Praktisches daraus machen? Und wie lange hält das? Und brauche ich stattdessen wirklich unbedingt etwas Neues, wenn das hier doch noch gut funktioniert?

So gesehen sind diese Kriegs- und Nachkriegs-Zeitzeugnisse echte Denk-Male bis heute, weit über ihre Entstehungszeit zur ominösen „Stunde Null“ hinaus.

Text und Bilder: G.Höhne, www.industrieform-ddr.de

Anmerkungen der Redaktion:
Folgen der von Günter Höhne verfassten Serie "Glanzlichter des DDR-Designs" finden Sie bei uns im Blog:

Auch auf unserer morgigen Veranstaltung geht es um militärische Objekte, die zu Gebrauchsgegenständen umfunktioniert wurden. Das DDR-Restaurant Domklause zeigt in seinen neu gestalteten Vitrinen eine Auswahl aus der Sammlung Michael Eickmeiers. Der Sammler wird morgen anwesend sein und ab 19 Uhr über seine Objekte Auskunft geben. Der Eintritt ist frei!

 

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