Musikgeschichte

Gerhard Gundermann - Sozialismus im Kleinversuch

Anlässlich des heutigen Todestages von Gerhard Gundermann blickt Dr. Lutz Kirschner in einem Gastbeitrag auf das Leben des Musikers zurück. von Sören Marotz (20.06.2017)

Viele Musiker verschwanden ab 1990 -zumindest Zeitweise- in der Versenkung. Anders der Liedermacher und Rockmusiker Gerhard Gundermann. Er positionierte sich damals weiter zu den aktuellen gesellschaftlichen Fragen und gewann künstlerisch neue Produktivität. Er starb in der Nacht zum 21. Juni 1998 unerwartet in seinem Haus in Spreetal bei Hoyerswerda.

Sein Programm "Erinnerung an die Zukunft", seine Texte zur Silly-LP "Februar" und sein Beitrag zum Kongreß der Unterhaltungskunst im März 1989 waren vehemente Kritiken gesellschaftlicher Stagnation gewesen und Aufrufe zur selbstbewussten Aktivität hin zu einem anderen Sozialismus im kleinen Land DDR. Dennoch bleibt der Aufbruch der notwendige Ausweg aus einer bleiernen Zeit, und Gundermann hat ihn mit seinen Auftritten und Stellungnahmen – zum Beispiel zur Resolution der Rockmusiker und Liedermacher – kräftig befördert.

Was dann ab Anfang November 1989 jedoch geschah, erweist sich nicht als Einlösung seiner Hoffnungen. Die kurzfristig offene historische Situation wird im Gegeneinander von Bürgerbewegung und Reformkräften aus den früheren Institutionen, im Versuch bürokratischer Machtrettung alter und schnellen Machtgewinns neuer politischer Eliten, vertan. Der Ruf nach Erneuerung der DDR-Gesellschaft versandet, mit  »Wir sind ein Volk«, Modrows »Für Deutschland, einig Vaterland« und den Wahlergebnissen vom März 1990 geht die Reise gen Westen. Darauf antwortet Gundermann mit neuen Songs, und sein im Frühjahr 1990 entstandener Liedzyklus zur  Selbstaufgabe der Volksbewegung und zum Abschied aus der geträumten Heimat eines demokratischen Sozialismus in der DDR ist es, der für mich den Kern seiner Zusammenarbeit mit den Wilderern ausmacht.

Ein Bibelwort aus dem 19. Kapitel des Matthäus-Evangeliums aufnehmend, vergewissert sich Gundermann trotzig seines Platzes in Wende- und Nach-Wende-Zeiten: »die letzten werden die ersten sein / in den momenten / wo die blätter sich wenden / aber dann aber dann / werden sie wieder die letzten sein«. Und: »ich geb nicht auf / ich geb nur nach / ich werf die flinte ins korn / und merk mir wo ich sie hingeschmissen hab / neben meine abgerissnen ohrn«. Dieser Trotz aber ist grundiert von Trauer und Melancholie, von der Problematik der neu zu beantwortenden Frage nach dem Ort eigener Aktivität und Bindung. »steinland« ist Gundermanns Bild für die DDR, das Lied ein Abschiedssong seiner Generation auf das Gemeinwesen, das ihr Heimat war, weil man hier gebunden blieb, zu dessen Veränderung man gerade noch in den Startlöchern gesessen hatte und dessen Verfall man nicht hatte aufhalten können. »wir hams noch nicht besessen und hams schon verkauft / und schon verfressen und schon versauft / wir hams schon vergessen / und haben doch kein andres zuhaus // es ist doch mein land und es ist auch dein land / ach in diesem steinland sind wir beide zu haus«. In der Zeit der Auflösung des auf so ambivalente Weise eigenen Landes gewinnt das Miteinander im Nahbereich stärkere Bedeutung. »wo solln wir hin / wo bleiben wir / ich kann doch nur zu dir herein / und du zu mir«, singt Gundermann. (Und in dem Solostück für c. heißt es: »gehn oder bleiben / ach ich weiss von beiden / nur: es geht nicht ohne dich«.)

Gerhard Gundermann: »Der Großversuch ist gescheitert, aber niemand verbietet uns, im Kleinversuch weiterzumachen.«

 

Gastbeitrag von Dr. Lutz Kirschner, „Das Blättchen“, 2004 (gekürzt)

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