Was bleibt von der DDR?

Die eherne Friedenstaube

Wir setzten heute den virtuellen Stadtspaziergang rund um das DDR Museum fort, um Erinnerungsstücke aus der DDR aufzuspüren und ihre Entstehungsgeschichte zu erzählen. Weithin sichtbar prangt an einer Häuserwand am Eingang des Nikolaiviertels eine metallene Taube. Sie ist versehen mit der Inschrift „Berlin – Stadt des Friedens“.
von Dr. Stefan Wolle (08.11.2017)

Die Taube mit dem Ölzweig

Die Friedenstaube war eines der am häufigsten gebrauchten politischen Symbole in der DDR. So verwunderlich es angesichts der Kirchenfeindlichkeit der SED klingt, die Friedenstaube geht auf eine biblische Legende zurück. Als während der Sintflut Noah auf seiner Arche vergeblich nach Land Ausschau hielt, schickte er eine Taube los. Sie kehrte zum ersten Mal ergebnislos zurück. Beim zweiten Versuch trug sie einen Ölzweig im Schnabel. Sie hatte also Land gesichtet. Zum dritten Mal flog die Taube los und sie kehrte nicht mehr zurück. Die Wasser begannen sich zu verlaufen und bald schon landete die Arche Noahs auf trockenem Grund. Die Taube war fortan das Symbol der Versöhnung zwischen Gott und den Menschen.

Symbol der Weltfriedensbewegung

Als 1949 in Paris ein Kongress der Weltfriedensbewegung vorbereitet wurde, besuchte einer der Organisatoren, der Schriftsteller Louis Aragon, seinen Freund Pablo Picasso. In dessen Atelier sah er die Zeichnung einer Taube, die der Künstler kurz zuvor geschenkt bekommen hatte. Aragon hatte die geniale Eingebung, die weiße Taube Picassos zum Logo des Internationalen Friedenskongresses zu machen. Es ging der von der Sowjetunion gelenkten Weltfriedensbewegung darum, Überparteilichkeit und Unabhängigkeit zu signalisieren. Ein christliches Symbol kam ihr dabei gerade recht. So flatterte das alttestamentarische Federvieh über Jahrzehnte hinweg durch die Bilderwelt der atheistischen DDR.

Kleine weiße Friedenstaube

Ein Plakat der Taube war auch der Anstoß für die Kindergärtnerin Erika Schirmer aus Nordhausen, das bekannte Lied von der „Kleinen weißen Friedenstaube“ zu dichten und zu komponieren. Die einfache Melodie und der schlichte Text machten das Lied für eine ganze Generation zum Ohrwurm. Wohl kein Lied wurde in der DDR so unermüdlich gesungen und Frieden war jedes zweite Wort in dem bis an die Zähne bewaffneten Staat. Auch die 1987 angebrachte Inschrift „Berlin – Stadt des Friedens“ passte wenig zu dem  Stacheldraht und dem Todesstreifen, mit denen die DDR ihre Untertanen am Weglaufen hinderte. Die DDR-Propaganda sah keinen Widerspruch zwischen den Todesschüssen an der Grenze und der Bezeichnung „Stadt des Friedens“. Wurde doch nach offizieller Lesart am 13. August 1961 durch den Mauerbau der Frieden gerettet.

Frieden schaffen ohne Waffen

Die Friedensrhetorik stand im krassen Widerspruch zur Realität einer total militarisierten Gesellschaft. Gerade deshalb reagierte das SED-Regime nervös, als sich unter dem Symbol »Schwerter zu Pflugscharen« die unabhängige Friedensbewegung formierte. Die Friedensgruppen wurden zur Keimzelle der Bewegung, die im Herbst 1989 zur Friedlichen Revolution und zur gewaltlosen Wiedervereinigung führte. Dadurch bekam die Inschrift an der Hauswand im Nikolaiviertel einen neuen und aktuellen Sinn.

Mehr zum Thema

Tickets ohne Warteschlange ab € 8,50   Jetzt kaufen »