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Marc-Dietrich Ohse: "Wir haben uns prächtig amüsiert." Die DDR – ein „Staat der Jugend“?

Ohse geht in seinem Aufsatz auf die Jugendpolitik der DDR ein und auf welche Art und Weise die Jugend in den Sozialismus und den Staat einbezogen werden sollte. Dabei stellt er die These auf, dass die Bindung zwischen SED und Jugend trotz anderer Äußerungen lediglich "propagandistischer Natur" war. von Elke Sieber (02.11.2016)

Marc-Dietrich Ohse: „Wir haben uns prächtig amüsiert“. Die DDR – ein „Staat der Jugend“?, in: Friedensstaat, Leseland, Sportnation? DDR-Legenden auf dem Prüfstand, hrsg. v. Thomas Großbölting, S. 74-91.

Marc-Dietrich Ohse studierte Theologie und Geschichte und promovierte zum Jugendprotest in der DDR. Seit 2012 ist er verantwortlicher Redakteur des Deutschland Archivs.

Ohse geht in seinem Aufsatz auf die Jugendpolitik der DDR ein und auf welche Art und Weise die Jugend in den Sozialismus und den Staat einbezogen werden sollte. Dabei stellt er die These auf, dass die Bindung zwischen SED und Jugend trotz anderer Äußerungen lediglich "propagandistischer Natur" war. Die Partei jedoch sah die Jugend als ihre "Kampfreserve", wollte, dass sie die Politik der Partei in die nächsten Generationen weiterträgt. Wie es sich tatsächlich mit der Jugend verhielt und wie frei die FDJ wirklich war, greift er in einzelnen Kapiteln zur Jugendpolitik auf.

Die FDJ

Bereits 1946 wurde die Gründung der „überparteilichen, einigen, demokratischen Jugendorganisation“ vom Zentralen Jugendausschuss für die Sowjetische Besatzungszone beschlossen. Jedoch war sowohl der Jugendausschuss als auch die FDJ von den Kommunisten beziehungsweise der SED dominiert, auch wenn ebenfalls Jugendliche der anderen Parteien vertreten waren, denen die Gründung eigener Jugendverbände versagt worden war. Die Kirchen kritisierten eben jene „Einheitlichkeit“ der FDJ, sagten, es handele sich um eine Zwangs- oder Staatsjugend in neuem Gewand. Dennoch erfuhr die FDJ einen enormen Zulauf. 1949 waren fast ein Drittel der Jugendlichen bei der Jugendorganisation. Freilich lag dies auch am Mangel an Alternativen, aber die FDJ konnte sich durchaus auch durch die Senkung des Wahlalters und der Volljährigkeit sowie dem Deutschlandtreffen in Berlin 1950 als Interessenvertretung der Jugend etablieren. Jedoch ordnete sie sich ab Juni 1949 der SED unter und wurde in deren Kaderplanung integriert. Auch wenn die FDJ weiterhin die Jugendinteressen vertrat, folgte sie dabei der Parteilinie, die das ZK der SED vorgab. Insbesondere war hier für die Jugend eine eigene Jugendkommission beim Politbüro des ZK für die Grundlinien der Jugendpolitik verantwortlich. Die FDJ hatte die Jugendpolitik umzusetzen, ihr beizupflichten und sie der Jugend zu vermitteln. Dass die Jugendorganisation dafür nicht immer im Interesse der Jugend agierte, zeigen das Vorgehen in den 50er Jahren gegen die Junge Gemeinde sowie nach dem Mauerbau gegen den Empfang westlicher Rundfunksender.

Die Teilnahme an der FDJ war darüber hinaus nur eigentlich freiwillig, denn die Mitgliedschaft war Voraussetzung dafür in der DDR „Karriere“ zu machen. Von vielen Jugendlichen war die obligatorische Teilnahme eine Selbstverständlichkeit, den Zwangscharakter bekamen hauptsächlich Kinder aus christlichen Elternhäusern zu spüren, denen durch ihre Nichtteilnahme Bildungswege versperrt blieben.

Die Jugendweihe

Die Jugendweihe ist zwar älter als die DDR, jedoch hatte die Jugendweihe nie zuvor eine solche Reichweite entwickelt. Nach mehreren erfolglosen Anläufen wurde sie 1956/57 zum festen Ritus in der DDR und diente als Gegenentwurf zu Firmung und Konfirmation und sollte die kirchliche Jugendarbeit erheblich schwächen. Auch hier konnte eine Nichtteilnahme den Zugang zu höherer Bildung versperren. Die Teilnahme bedeutete ein klares Bekenntnis zu Sozialismus, SED und Staat. Zu Beginn sanktionierte die Kirche Teilnehmer der Jugendweihe, schloss sie beispielweise von den Sakramenten aus. Allerdings brachte sie damit hauptsächlich Gemeindemitglieder und Jugendliche selbst in Gewissenskonflikte, denen sie eine Entscheidung zwischen Karriere sowie höherer Bildung und christlichem Leben abverlangte. Erst Ende der 60er/Anfang der 70er ließen die letzten Landeskirchen die Sanktionen fallen.

Doch die Jugendweihe war für viele auch fernab des staatlich ausgeübten Drucks attraktiv: Die vorbereitenden Jugendstunden boten beispielweise Einblicke in Gerichtsverhandlungen und sexuelle Aufklärung. Das private Fest, das sich an die Jugendweihe anschloss, war ein Familienfest, bei dem der junge Erwachsene reich beschenkt wurde und das erste Mal Alkohol ausgeschenkt bekam. Der politisch-ideologische Aspekt war dabei zumeist ausgeblendet.

Jugend und Kirche

Auch wenn die Partei in den 50er Jahren einen regelrechten Kirchenkampf anzettelte und christliche Schüler auch trotz bester Leistungen häufig nicht die Erweiterte Oberschule besuchen durften, war die kirchliche Jugendarbeit stets eine qualitative Alternative zu den staatlichen Jugendangeboten. Die SED versuchte die Jugendarbeit der Kirche allerdings zu sabotieren. Auch innerhalb der Kirche gab es genug Auseinandersetzungen über Veranstaltungen und Arbeitsformen der Jugendarbeit - nicht zuletzt deshalb, da die Kirchenleitungen sich um ihre Handlungsspielräume im SED-Staat sorgten. So wurden beispielsweise 1987 die Bluesmessen und Friedenswerkstätten von der Kirchenleitung eingestellt.

Doch für die Jugendlichen bot die Kirche den einzigartigen Raum, um offen über weltanschauliche, ethische und politische Probleme zu sprechen. Die Kirche gab Beratung und Beistand bei der Entscheidung, ob Wehrdienst oder waffenloser Dienst abgeleistet werden sollte. Und die kirchliche Infrastruktur und Räumlichkeiten machten es möglich, Stellung zu beziehen und die Kritik nach außen zu tragen.

Konflikte in Schule und Freizeit

Selbstverständlich waren insbesondere Schulen die Arenen aufsehenerregender Konflikte der Jugend mit dem System. Immer wieder forderten Schüler ein Recht auf freie Meinungsäußerung oder freie Wahlen und kritisierten die Allmacht der SED und der FDJ in Angelegenheiten der Jugend. Schulverweise waren hier noch die harmlosen Sanktionen. Oberschüler aus Werdau beispielsweise, die kritische Flugblätter verbreitet hatten, gingen zwischen zwei und 15 Jahren ins Zuchthaus.

Interessant ist allerdings, dass es an den Universitäten und anderen höheren Bildungseinrichtungen kaum rumorte. Die Auslesemechanismen des Staates hatten dafür gesorgt, dass das kritische Potential hier äußerst gering geworden war.

Ein weitaus breiteres kritisches Potential bargen hingegen die Jugendlichen, die aufgrund ihrer Mode oder ihres Musikgeschmacks oder alternativer Lebensvorstellungen aneckten oder dem SED-Staat distanziert gegenüberstanden.

Die Freizeitgestaltung der Jugend bot von Beginn an immer wieder Raum für Konflikte. Als „Gammler“, „Asoziale“ oder „negative Elemente“ wurden Jugendliche abgestempelt, die in ihrer Mode, Musik oder Lebensweise nicht staatskonform waren. Kontroll- und Disziplinarmaßnahmen sollten sie wieder in richtige Bahnen lenken, doch wer sich weiterhin wehrte, musste teilweise sogar mit der Einweisung in Arbeitslager und Jugendwerkhöfe rechnen. 1965 kam es zum „Kahlschlag“ -Musikgruppen, Filme und Bücher wurden verboten. Anfang der 70er wurden langsam der Jugend gewisse Freiräume eingeräumt, natürlich verknüpft mit der Hoffnung die Jugendlichen für den Sozialismus (zurück-)zugewinnen. Sobald die Jugendlichen allerdings diese besetzten, wurde die Politik erneut restriktiv und versuchte die Freiräume wieder enger zu ziehen. Wurden die Grenzen gar überschritten, reagierte der Staat mit Repressionen.

Die beginnenden 70er Jahre können zwar als goldene Zeit gelten, in der auf jugendliche Bedürfnisse mehr Rücksicht genommen wurde. Davor und danach zeichnete sich die SED aber eher als einschränkender Gegner als als gewinnender Freund der Jugend aus. 1974 formulierte der Zentralrat der FDJ außerdem eindeutig die Zielsetzungen der Jugendpolitik: „die Erziehung klassenbewußter Sozialisten“ und „die Teilnahme der Jugend an der Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft“.

Trotz der restriktiven Jugendpolitik, der staatlichen Allmacht, die Anspruch auf das gesamte Leben der Jugendlichen erhob, und den Gratwanderungen zwischen geduldeten Freiräumen und staatlichen Repressionen bleiben die Erinnerungen vieler ehemaliger DDR-Jugendlicher glückliche. Ohse hält die Erinnerung an hauptsächlich Positives für natürlich und zitiert das Buch „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ (1999): „Es war von vorn bis hinten zum Kotzen, aber wir haben uns prächtig amüsiert“. Ich denke, damit ist alles gesagt. Die Jugend war auch in der DDR geprägt vom ersten Verliebtsein und besonderen Momenten mit Freunden, sie war glücklich – vielleicht nicht wegen aber sicher trotz der DDR.

 

Bild: Ulrich Joho: DDR. Jugend. Berlin 1983.

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