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Christoph Kleßmann: Missmutige Loyalität und schöner Schein. Arbeiter im "Arbeiterstaat"

Christoph Kleßmann untersucht in seinem Aufsatz die Bezeichnung der DDR als „Arbeiterstaat“ beziehungsweise das kommunistische sowie sozialistische Ideal der (vor-)herrschenden Arbeiterklasse. Er geht dabei auf ideologische, wirtschaftliche und politische Faktoren ein, die auf die Arbeiterschaft der DDR einwirkten.
von Elke Sieber (23.11.2016)

Christoph Kleßmann: Missmutige Loyalität und schöner Schein. Arbeiter im „Arbeiterstaat“, in: Friedensstaat, Leseland, Sportnation? DDR-Legenden auf dem Prüfstand, hrsg. v. Thomas Großbölting, Bonn 2010, S. 113-133.

Christoph Kleßmann ist ein deutscher Historiker, der von 1976 bis 1992 als Professor für Zeitgeschichte an der Universität Bielefeld lehrte sowie von 1993 bis zu seiner Emeritierung 2004 an der Universität Potsdam. Von 1996 bis 2004 war Kleßmann außerdem Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung.

Christoph Kleßmann untersucht in seinem Aufsatz die Bezeichnung der DDR als „Arbeiterstaat“ beziehungsweise das kommunistische sowie sozialistische Ideal der (vor-)herrschenden Arbeiterklasse. Er geht dabei auf ideologische, wirtschaftliche und politische Faktoren ein, die auf die Arbeiterschaft der DDR einwirkten.

ARBEITERKLASSE

Nach offiziellen Angaben der DDR gehörten 1988 88,3 Prozent der Berufstätigen zur „Arbeiterklasse“, also fast die gesamte arbeitende Bevölkerung. Jedoch schrumpfte auch in der DDR die Zahl der Arbeiter, die Anzahl der Angestellten nahm zu. Diese offiziellen Zahlen hält Kleßmann für unbrauchbar und konstatiert, dass der Begriff der „Werktätigen“ hier deutlich passender wäre. Den ersten Mythos von der großen Arbeiterklasse widerlegt er damit, dass nach einer Bevölkerungszählung lediglich knapp 32 Prozent der Berufstätigen in Produktionsberufen zu finden waren, alle anderen der damals nur 54,4 Prozent Arbeiter fielen unter den schwammigen Wortlaut „andere Arbeiterberufe“.

VORHERRSCHAFT DER ARBEITERKLASSE

Daraufhin geht er dem zweiten Mythos von der herrschenden Arbeiterklasse auf den Grund und verneint dies schon im nächsten Satz. Gemäß des Sozialismus wurde die SED zur Avantgarde, die die Arbeiter anleiten und führen sollte. Die von Marx vorgesehene Diktatur des Proletariats war umgewandelt in die Diktatur einer kleinen Machtelite. Dennoch wurde in der SBZ an die Tradition der deutschen Arbeiterbewegung in ihrer kommunistischen und sozialdemokratischen Form angeknüpft. Die Einheitseuphorie der Arbeiterklasse kühlte jedoch schon im Herbst 1945 ab, da die sowjetische Besatzung nach der Konsolidierung der beiden Parteien SPD und KPD in der SBZ letztere eindeutig bevorzugt wurde. Somit gab es für die Besatzer keine Alternative zur Zwangsvereinigung der beiden Parteien zur SED. Die SPD hoffte darauf dennoch ihre sozialdemokratische Identität in der Einheitspartei zu wahren, was erst in der Nachschau zur Illusion wird.

DIE ARBEITER IM WIRTSCHAFTSSYSTEM

Nach diesen Thesen wendet sich Kleßmann der wirtschaftlichen Problematik zu. Er erklärt, dass es in Zeiten des Wiederaufbaus in den Betrieben zu einer Art Gleichmacherei kam, die sich stabilisierte, auch weil sie den sozialen Grundüberzeugungen entsprach. Dies bedeutete, dass Leistungslöhne und Lohndifferenzierungen von den Arbeitern abgelehnt wurden. Für die über die ganze Zeit der DDR problematische Arbeitsproduktivität war das nicht förderlich. Die Arbeitsnormen, die man 1949 überprüfte, waren zu „weichen“ Normen geworden, daran konnte auch die Aktivistenbewegung von 1948 nichts ändern. Jedoch ermöglichten die „weichen“ Normen, zum einen das Leistungslohnsystem gegen die Arbeiter und andererseits Lohnerhöhungen gegen den Staat durchzusetzen. Da es im Laufe der Jahre keine Möglichkeiten gab Leistungen durch konsumrelevanten Gegenwert zu belohnen, verfestigte sich diese Form der Gleichmacherei in der Arbeiterschaft.

Die „Technisch begründeten Normen“ sollten allerdings diese Situation auflösen und die Produktivität steigern. Betriebskollektivverträge wurden eingeführt, welche die oben genannten Normen beinhalteten. Für die Belegschaften ähnelte das System sehr dem kapitalistischen REFA-System und wurde abgelehnt. Die Konflikte um Normen, Prämien und Löhne brauten sich weiter zusammen und entluden sich nach einer brisanten Normenerhöhung im Aufstand von 1953. Nach dem niedergeschlagenen Aufstand ging die SED zwar vorsichtiger vor, das Grundproblem blieb jedoch bestehen.

WIDERSTAND DER ARBEITER

Aktiven und organisierten Widerstand gab es nur in der Frühphase der DDR, der durch die Machtfestigung der SED, eine politische Polizei und die Gründung der Stasi 1950 nachließ. Widerstand wurde immer risikoreicher und die Verfolgung Oppositioneller effektiver.

Bedeutsam sind vor allem aber auch Flugblätter, die mit Gasballons aus der Bundesrepublik massenhaft verteilt wurden. Dies spielte beispielsweise für den 17. Juni 1953 eine wichtige Rolle, aber auch nach dem Aufstand sorgten die Flugblätter für Unruhe in der SED. Darüber hinaus wurde insbesondere der Sozialdemokratismus als Gefahr durch die Führung gesehen. Viele Arbeiter forderten eine Neugründung der Partei, die dann wirklich die Interessen der Arbeiter vertreten sollte, da auf den FDGB in dieser Hinsicht kein Verlass wäre. Die Kritiker stellten sich hier in die Tradition der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung, ein „Stachel im eigenen Fleische“ für die SED.

Darüber hinaus weist Kleßmann darauf hin, dass der 17. Juni mit der militärischen Niederschlagung keineswegs zu Ende war. Denn eine Vielzahl der Arbeiter solidarisierte sich mit den gesuchten „Rädelsführern“ und „Provokateuren“ und verweigerte die Distanzierung zu dem von der SED als „faschistischen Putschversuch“ diffamierten Aufstand.

Auch in der Zeit danach war das Verhältnis von Arbeitern, SED und FDGB nicht ohne Konflikte, um eigene Interessen durchzusetzen, setzte die Arbeiterschaft nun allerdings auf weichere Formen des Konflikts und auch die SED übte sich nach 1953 in größerer Rücksichtnahme auf die Arbeiter und sozialpolitischen Angeboten.

Somit kommt Kleßmann zu dem Schluss, dass man die Geschichte der SED und ihrer Massenorganisationen nicht auf Repression und Anpassung reduzieren kann. Vielmehr war der DDR-Sozialismus für viele durchaus eine Alternative zur „Restauration“ in der Bundesrepublik, an den sie sich auch emotional banden. Politische Motive für diesen Aufbauelan waren dennoch eher selten. Die Bevölkerung und ihre Haltungen waren dennoch vielschichtig. Alter, Herkunft, Qualifikation und Region nahmen Einfluss auf die Momente der Zustimmung und Loyalität, genauso wie auf das Erleben von massiver Repression und Flucht. Der 17. Juni allerdings kann als kollektive Erfahrung gelten, die nicht zu unterschätzen ist.

DIE BRIGADE ALS INTEGRIERENDES ELEMENT

Die sozialistischen Brigaden waren Instanz für Beschwerden, vorsichtige Aushandlungen von akzeptablen Normen und Löhnen sowie Ersatzverein für ehemals andere Institutionen, die in der Mehrheit sehr positiv gesehen wurden. Sie entwickelten eine enorme Bindekraft, wenngleich die positive Sichtweise auf die Brigade keine Akzeptanz der SED-Diktatur einschloss.

BILDUNGSCHANCEN UND SOZIALER AUFSTIEG

Doch auch die großen Chancen für den sozialen Aufstieg machte den Staat für die Unterschichten teilweise durchaus attraktiv, auch da der Vergleichsmaßstab Bundesrepublik hier für viele einen negativen Kontrast darstellte. In der DDR wurde Kindern von Arbeitern und Bauern der Zugang zu einer höheren Bildung erleichtert, in den 50er Jahren wurde ihr Zugang zur Universität sogar bevorzugt gefördert. Allerdings zeigt sich ab den 60er Jahren, dass der Faktor der Begabung wieder aufgewertet wurde, obgleich Kinder aus bürgerlichen und christlichen Familien weiterhin nur schwer zur EOS oder zum Studium zugelassen wurden, auch wenn sie die entsprechenden Leistungen erbrachten.

ARBEITER, WOHLSTAND UND VERFALL

Mit der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik konnte Honecker für einige Jahre auch bei den Arbeitern an Loyalität gewinnen. Allerdings zeigte sich bereits in den 80er Jahren, dass die emotionale Bindung der jungen Arbeiter zum Staat schwand. Ende der 80er führten die Perspektivlosigkeit, die überalterte Führungsriege, Informationen aus den Westmedien und die veränderte Lage im Ostblock dazu, dass sich auch die ideologisch bevorzugte Arbeiterklasse immer weiter vom System des Sozialismus abwandte, Ausreiseanträge stellte und massenhaft in den Westen übersiedelte. Hierbei spielten neben den materiellen auch politische Aspekte eine Rolle, wie etwa die Forderung nach „Glasnost“ in der DDR.

Für den dritten Weg waren die Arbeiter während der Friedlichen Revolution weniger offen, sie wollten weg aus der DDR. 75 Prozent der Ausreiseantragssteller waren der Arbeiterklasse zuzuordnen. Sie vertrauten nun deutlich stärker darauf, dass Kohl ihre Interessen besser vertreten könnte.

Der Aufsatz verdeutlicht, dass die Ideen der Arbeiterbewegung, die in der DDR verwirklicht wurden, durchaus bei weiten Bevölkerungsteilen Anklang fanden, jedoch durch die Machtpolitik und diktatorische Maßnahmen der SED diskreditiert wurden.

Ein spannender Aufsatz, der einige Sichtweisen auf die Arbeiterklasse in der DDR relativiert und die Situation genauer beleuchtet.

 

 

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