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Grundmann - Die Herausbildung der alternativen Kunstszene in der DDR

In ihrem Aufsatz zur alternativen Kunstszene nennt sie zwei Faktoren, die alternative künstlerische Milieus in der DDR begünstigt haben: Der Mauerbau 1961 und das antiautoritäre Denken im Nachhall der 68er-Bewegung. von Elke Sieber (15.09.2016)

Uta Grundmann ist Kunsthistorikerin und arbeitet freiberuflich als Autorin und Lektorin in Berlin. In ihrem Aufsatz zur alternativen Kunstszene nennt sie zwei Faktoren, die alternative künstlerische Milieus in der DDR begünstigt haben: Der Mauerbau 1961 und das antiautoritäre Denken im Nachhall der 68er-Bewegung.

Ihrer Meinung nach beförderte der Mauerbau deshalb die alternative Kunstszene, da unangepasste Künstler nun nicht mehr in den Westen ausweichen konnten und gezwungen waren eigene Strukturen in der DDR aufzubauen. Dass das antiautoritäre Denken der 68er auch in den Osten überschwappte, macht sie an den Protesten des Prager Frühlings fest. Da sich hier allerdings offenbarte, dass die Autorität das politische und gesellschaftliche Handeln in festem Griff hatte, verlagerte sich die Ausprägung auf eine kulturelle „Binnendifferenzierung“ (Detlef Pollack).

Ihr Aufsatz nimmt die beiden Faktoren dann als Grobgliederung des Textes auf, wobei jedoch ihr Hauptaugenmerk auf den Entwicklungen in den 70er und 80er Jahren liegt. Zu den Veränderungen durch den Mauerbau zählt Grundmann die Forderung nach mehr Freiraum innerhalb der Institutionen. Jedoch strebten die damals öffentlich tätigen Künstler keine Reform der DDR an sich an, auch wenn das Vertrauen in den Staat durch das 11. Plenum der SED empfindlich gestört worden war.

Am Beispiel der „Leipziger Schule“ macht die Autorin deutlich, wie schnell sich dieser „Widerstand“ in Anpassung wandelte, da die SED entschied, die Künstler in der Kulturbürokratie anzuerkennen und ihnen Lehrstühle zuwies. Sie verwechselten den eigenen Freiraum mit einer Liberalisierung für die Kunst. Für die nächsten Jahrgänge an Künstlern begann damit allerdings eine Erstarrung des Kunstschaffens. Die Kunst stand fortan in enger Beziehung mit politischer Opportunität.

Die Studentenbewegung in Westeuropa sowie die Reformbewegungen in Warschau und Prag prägten die Akteure der Kunstszene, die in den 70er Jahren zunächst darum bemüht waren, die sozialistische Menschengemeinschaft zu verwirklichen und den Sozialismus „umzubauen“. Die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 bedeutete für die Kunstschaffenden allerdings die Aufkündigung des Vertrauensverhältnisses zwischen staatlicher Verwaltung und Künstlern, das sowieso schon brüchig geworden war.

Sie versuchten fortan eine vom DDR-Kulturbetrieb unabhängige Öffentlichkeit zu schaffen. Leipziger Künstler versuchten eine „grenzüberschreitende“ Ausstellung mit dem Namen „Tangente“ zu beantragen. Doch nur staatliche Institutionen waren befugt, Ausstellungen zu organisieren und die beteiligten Künstler auszuwählen. Außerdem fehlte eine klare politisch-ideologische Konzeption und der Zeitpunkt der Ausstellung war so provozierend gewählt (60. Jahrestag der Oktoberrevolution, VIII. Dresdner Kunstaustellung der DDR), dass das Projekt scheiterte. Danach versuchten die Beteiligten aber erst recht, die erstarrten Strukturen aufzubrechen und wollten offen die Konflikte in der Leipziger Künstlerschaft diskutieren. Als man einem Großteil der Leipziger Künstler 1984 die Reise zur Beckmann-Ausstellung nach Westberlin verweigerte, kam es zum Eklat. Forderungen nach einer klaren Begründung der abgelehnten Anträge wurden laut. Die Rädelsführer wurden daraufhin teilweise suspendiert von ihren Leitungspositionen und innerhalb des Bezirksverbandes Leipzig isoliert.

Junge Künstler begannen in den 80er Jahren eine alternative Szene zu etablieren. In den verfallenen Innenstädten besetzten sie leerstehende Wohnungen, in denen sie ihre Ateliers einrichteten. Da innerhalb der Institutionen auf Lebenszeit einflussreiche Positionen mit Funktionären besetzt waren, waren soziale Aufstiegschancen blockiert. Der Ausstieg bedeutete oftmals keinen wirklichen Verzicht mehr. Unterstützt von Familie, Freunden, der Kirche und der staatlichen Sozialpolitik ließ es sich auskommen. 

Nach der gescheiterten Befriedung nach der „Biermann-Ausbürgerung“ versuchte die SED „flexibel“ auf die Kunstschaffenden zu reagieren. Dies bot den Künstlern die Möglichkeit staatliche Strukturen und den offiziellen Kulturbetrieb zu nutzen, um eine alternative Kunstszene zu etablieren. Durch die Vielzahl der Orte kultureller Aktivität und das teilweise Sympathisieren einiger Veranstalter mit den alternativen Künstlern verlor der Staat die Übersicht und Kontrolle und es entstanden selbstbestimmte Öffentlichkeiten.

Zum Beispiel gründete die „Plagwitzer Interessengemeinschaft“ 1985 die Galerie Eigen + Art in Leipzig in einer besetzten Fabrikhalle und führte diverse Kunstaktionen im öffentlichen Raum durch. Mit der Verleihung des eigens erdachten Kunstpreises „Prix de Jagot“ war die Alternative zur Institution geworden.

Geht man nun davon aus, dass die Kunst- und Kulturszene die Kunst zum Widerstand nutzte, so weist Grundmann darauf hin, dass die Auflösung der traditionellen Kunstkonzepte weg von der Beschränkung von Kunst auf Bilder wohl eher von den Umständen vorgegeben, als tatsächlich als bewusster Affront gegen gesellschaftliche Konventionen gedacht war. Auch eine politische Festlegung wurde in der jüngeren Kunstszene der DDR vermieden. Es ging zumeist nicht darum, Widerstand zu leisten, sondern individuelle und künstlerische Freiheiten durchzusetzen.

(Bild: Kunstmappe aus der Sammlung des DDR Museum)


 

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