Ein Traumschiff im Dienste des FDGB – die MS „Völkerfreundschaft“

von Jörn Kleinhardt (22.01.2015)

Ein Vierteljahrhundert lang stand das Motorschiff (MS) „Völkerfreundschaft“ für ostdeutsche Urlauberträume. Von 1960 bis zum Verkauf im Jahr 1985 kamen tausende Urlauber in den Genuss einer Kreuzfahrt auf dem „Traumschiff“ der DDR. Aufgekauft durch den FDGB, sollte dieses Schiff den steigenden Bedürfnissen der Parteiführung und der Arbeiter an Reise- und Urlaubsmöglichkeiten Rechnung tragen.

Ursprünglich wurde das Schiff in Göteborg/ Schweden kurz nach dem Ende des 2. Weltkriegs gebaut und lief am 9. September 1946 vom Stapel. Nach den üblichen Schiffserprobungen erfolgte im Jahr 1948 die Indienststellung und Jungfernfahrt unter dem Schiffsnamen „Stockholm“. Gebaut für den Transatlantikverkehr, pendelte die „Stockholm“ zwischen Skandinavien und Nordamerika. Im Jahr 1956 aber kam es auf dieser Route zu einem folgenschweren Schiffsunfall. Vor der nordamerikanischen Ostküste kollidierte das 160 Meter lange Passagierschiff am 25. Juli 1956 kurz vor Mitternacht mit dem großen italienischen Kreuzfahrtschiff „Andrea Doria“. Ursache der Kollision waren dichter Nebel und Navigationsfehler auf beiden Schiffen. Knapp 11 Stunden später sank die „Andrea Doria“. Dabei kamen 43 der insgesamt 1706 Menschen an Bord ums Leben. Die „Stockholm“ hatte fünf Todesopfer zu beklagen, konnte sich aber noch aus eigener Kraft in den Hafen von New York begeben.

Nach verschiedenen Umbauten wurde das Schiff 1959 an die DDR verkauft und am 3. Januar 1960 unter dem Namen  „Völkerfreundschaft“ an den FDGB übergeben. Es erfolgte ein Umbau zu einem „Einklassenschiff“ mit einer Kapazität von 568 Passagieren. Die Jungfernfahrt unter DDR Flagge erfolgte vom 24. Februar bis 8. März 1960 und führte die Reisenden ins Mittelmeer und das Schwarze Meer. Angelaufen wurden verschiedene Häfen in Griechenland und Rumänien.

In unserer Sammlung befindet sich ein Fotoalbum, welches die erste große Fahrt der „Völkerfreundschaft“ dokumentiert. Es beinhaltet zahlreiche Impressionen der angelaufenen Häfen und des alltäglichen Lebens an Bord. Die auf der Abbildung zu erkennende Seite des Fotoalbums zeigt fünf Aufnahmen, welche am 5. März 1960 in Athen/ Griechenland während eines Landganges entstanden sind. Die Fotografien weisen den für die damalige Zeit typischen Büttenrand auf.

Bei Preisen von 250 Mark pro Person für eine zweiwöchige Kreuzfahrt, war klar, dass nicht jeder FDGB Urlauber in den Genuss einer dieser exotischen Reisen kam. Die begehrten Plätze an Bord wurden oft an verdiente Arbeiter, Aktivisten und Parteiveteranen vergeben. Durch die Vergabe an verdienstvolle Arbeiter versuchte man, die Moral und die Arbeitsleistung in den Betrieben zu steigern. Ebenso war es für westdeutsche Reisende möglich, einen Platz an Bord, selbstverständlich für Devisen, zu ergattern. Ein Schmuckteller aus dem Jahr 1982 steht beispielhaft für die Platzvergabe durch den FDGB. Der Schmuckteller erinnert an eine Mittel- und Schwarzmeerreise aus dem Jahr 1982 für verdiente Parteiveteranen und Parteiarbeiter. Angelaufene Häfen waren Algier, Tripolis, Constanza, Batumi und Varna. Der Porzellanteller ist zweifarbig gehalten, mittig ist die Silhouette des Schiffes abgebildet.

Mitte der 80er wurde die „Völkerfreundschaft“ an eine norwegische Reederei verkauft und durch die größere und viel modernere „Arkona“ ersetzt. Unter wechselndem Namen und Eigentümer ist die „Völkerfreundschaft“ bis heute im Einsatz und somit das am längsten im Dienst befindliche Transatlantik-Schiff der Welt.

Haben Sie auch eine Kreuzfahrt auf der „Völkerfreundschaft“ oder der „Fritz Heckert“ erlebt? Gehörten Sie vielleicht zur Besatzung der FDGB Kreuzfahrtschiffe? Oder waren Sie bei der Handelsmarine? Dann würden wir uns über Ihre Erinnerungen oder Objekte zum Thema sehr freuen.

 

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