Das Jahr 1961 in Berlin „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“

von Jörn Kleinhardt (13.08.2015)

„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“ antwortete Walter Ulbricht am 15. Juni 1961 der westdeutschen Journalistin Annamarie Doherr auf einer Pressekonferenz in Ost-Berlin. Wie die Geschichte zeigte waren die Worte des Staatsratsvorsitzenden Ulbricht eine dreiste Lüge. Knapp zwei Monate später, in den Morgenstunden des 13. August 1961, begannen Mitglieder der Kampfgruppen, NVA, Volkspolizei und Grenzpolizei mit der Abriegelung sämtlicher Verkehrswege nach West-Berlin. Da die innerdeutsche Grenze schon seit Bestehen der DDR ab 1949 systematisch abgeriegelt wurde, gab es für DDR-Bürger keine Möglichkeit mehr das Land einfach zu verlassen. Die sogenannte „Abstimmung mit den Füssen“ in deren Zuge über 2,6 Millionen Menschen der DDR bis zum Tag des Mauerbaus den Rücken kehrten, wurde von der DDR-Regierung mit Billigung des sowjetischen Regierungschefs Nikita Chruschtschows jäh beendet.

Das Zentralorgan „Neues Deutschland“ widmete der Grenzabriegelung die komplette Tagesausgabe. Neben den Beschluss des Ministerrats und der Erklärung der Warschauer Vertragsstaaten auf der Titelseite, stehen auf den Folgeseiten propagandistisch geprägte, teilweise „grotesk“ wirkende Artikel welche versuchen die Abriegelung der Grenze positiv darzustellen. Überschriften wie „Unsere ganze Liebe gehört der DDR“, „Wer im Stich läßt seinesgleichen, Läßt ja nur sich selbst im Stich“ oder „Dem Feind keinen Fußbreit Boden“ geben die Meinung und das Weltbild der SED-Machthaber deutlich wieder.

Auch in der Folgezeit wurde die Mauer häufig in den Printmedien thematisiert. Sucht man in der Zeitung „Neues Deutschland“ gezielt das Wort „Mauer“ wird man erst ab 1961 fündig. Auffällig ist die Häufigkeit des Wortes in den Ausgaben bis 1966. Mit insgesamt 235 Einträgen bildet das Kalenderjahr 1962 den Höhepunkt. Verglichen damit ist das Wort in den gesamten 1970ern Jahren nur 19 mal im „Neuen Deutschland“ zu finden.

Aus unserer Sammlung möchte ich Ihnen zwei Broschüren zum Thema „Mauer“ vorstellen. Hinter dem Titel „Berlin und die Mauer - Fragen Probleme Antworten“ verbirgt sich eine Handreichung für deutschsprachige Besucher aus dem westlichen Ausland. Das Heft aus dem Jahr 1966 enthält die übliche, staatliche Rhetorik zum Thema Berliner Mauer. Es geht um „westliche Revanchisten und Kriegshetzer“, „Militarismus in der westlichen Welt“, „Menschenhändler, Banden und Terroristen“ und „Schüsse aus dem Hinterhalt“ auf „friedenssichernde Grenzsoldaten“. Propaganda mit „Schönheitsfehlern“, dass beispielsweise von den sechs vorgestellten Grenzerschicksalen, zwei von den eigenen Leuten erschossen wurden, wird ebenso verschwiegen wie der regierungseigene „Menschenhandel“ auch unter „Häftlingsfreikauf“ bekannt. Insgesamt wurden von 1962 bis 1989 etwa 35000 politische Häftlinge und etwa 250000 Ausreisewillige durch die Bundesregierung für die Summe von ca. 3,5 Milliarden DM freigekauft. Die Profiteure dieses Geschäftes saßen auf Ministerposten oder besetzten andere führenden Positionen im SED-Machtapparat.

Auch die zweite Handreichung aus unserer Sammlung „Ein Schutzwall des Friedens“ stammt aus den 1960er Jahren. Entstanden 1968 im „Verlag Zeit im Bild Dresden“, richtet sich diese Propagandabroschüre an DDR-Bürger und war für 2,75 Mark käuflich zu erwerben. Die Inhalte sind mit dem oben beschriebenem Heft fast identisch. Allerdings ist der Duktus anders, da hier fortwährend die Friedensicherung durch den „Antifaschistischen Schutzwall“ betont wird. Zusätzlich wird in diesem Heft ein klischeehaftes Bild der Bundesrepublik und der Westalliierten gezeichnet und mit passenden Fotomaterial ergänzt.

In beiden Publikationen ist die staatliche Sichtweise dieser Zeit deutlich erkennbar. Zum Glück für uns alle, ist die Mauer und der "Kalte Krieg" seit über einem viertel Jahrhundert Geschichte. Trotz aller Propaganda!

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