Der letzte Geburtstag der Republik in Berlin

Am 7. Oktober 1989 feierte die DDR den letzten Republikgeburtstag in ihrer Geschichte. Schon am vorherigen Tag, dem 6. Oktober, fand ein großer Fackelzug mit rund 100.000 FDJ Mitgliedern in Berlins Mitte statt. Während des Demonstrationszuges gab es auffallend viele Sympathiebekundungen für den anwesenden sowjetischen Regierungschef Michail Gorbatschow, welcher drei Jahre zuvor „Glasnost“ und „Perestroika“ als „politische Marschrichtung“ vorgab. Da die SED-Führung jedoch jegliche Reformbewegung im eigenen Land ablehnte, missfielen die energischen „Gorbi, Gorbi“ Rufe der jungen FDJ-Teilnehmer den anwesenden SED-Kadern.
von Jörn Kleinhardt (08.10.2015)

Am 7. Oktober 1989 feierte die DDR den letzten Republikgeburtstag in ihrer Geschichte. Schon am vorherigen Tag, dem 6. Oktober, fand ein großer Fackelzug mit rund 100.000 FDJ Mitgliedern in Berlins Mitte statt. Während des Demonstrationszuges gab es auffallend viele Sympathiebekundungen für den anwesenden sowjetischen Regierungschef Michail Gorbatschow, welcher drei Jahre zuvor „Glasnost“ und „Perestroika“ als „politische Marschrichtung“ vorgab. Da die SED-Führung jedoch jegliche Reformbewegung im eigenen Land ablehnte, missfielen die energischen „Gorbi, Gorbi“ Rufe der jungen FDJ-Teilnehmer den anwesenden SED-Kadern.

Am eigentlichen Republikgeburtstag einen Tag später gab es die obligatorische Parade der NVA und die offizielle Festveranstaltung im Palast der Republik. Geladen waren die Führer der kommunistischen Welt, vor allem Politiker aus den Staaten des „Warschauer Vertrages“ sowie befreundeter Nationen wie beispielsweise dem Palästinenserpräsident Jassir Arafat oder Diplomaten aus China und Nordkorea. Im Laufe der Veranstaltung zeigte sich die Ignoranz der SED-Oberen um Erich Honecker. Während Honecker im Festsaal feierlich verkündete „dass der Sozialismus in der DDR auf unerschütterlichen Grundlagen stehe“, formierten sich gegenüber dem Palast, in Sichtweite auf der anderen Spreeseite tausende Bürger unter Rufen wie „Gorbi hilf uns“, „Freiheit“ oder „Wir sind das Volk“. Die Einheiten der Volkspolizei und des Ministeriums für Staatssicherheit verhielten sich zunächst zögerlich, da der anhaltende Protest im Festsaal nicht unbemerkt blieb und man Ehrengast Gorbatschow sowie die anderen Gäste nicht verärgern wollte. Erst als Gorbatschow im Laufe des Abends die Festveranstaltung verlassen hatte und sich zum Rückflug nach Moskau Richtung Schönefeld begab, griffen die Sicherheitskräfte vor dem Palast ein.

Mithilfe von FDJ-Ordnungsgruppen, der Volkspolizei und Sicherungseinheiten der Stasi drängte man die mittlerweile über 3000 Demonstranten aus dem Stadtzentrum. Westliche Journalisten dokumentierten das brutale Vorgehen der Ordnungskräfte gegen die Demonstranten und die Bilder des Abends gingen im Laufe der folgenden Tage um die Welt. Der Demonstrationszug bewegte sich langsam in Richtung Gethsemanekirche im Prenzlauer Berg. Die Gethsemane Kirche war seit Tagen Treffpunkt der Oppositionsbewegung Berlins, es wurden dort allabendlich Mahnwachen veranstaltet. Im Laufe des Abends formierten sich auch im Prenzlauer Berg Sicherheitskräfte. Nachdem die Teilnehmer einer Bittandacht die Kirche verlassen wollten, greift die Staatsmacht auch dort brutal zu und verhaftet zahlreiche Leute.

Die turbulenten Ereignisse des 7. Oktober in Berlin werden von der Presse zunächst nicht thematisiert. Erst am 10. Oktober meldet sich das Neue Deutschland zu den Ereignissen. Die Erklärungsversuche der staatlichen Seite folgen dem typischen Muster „Der Westen ist schuld!“ und zeigt damit deutliche Parallelen zum Volksaufstand des 17. Juni 1953 und der damaligen Bewertung der Ereignisse durch die DDR-Führung.  Im Folgenden der Originaltext aus dem Neuen Deutschland vom 10. Oktober 1989:

 „Wie Zwischenfälle in der Hauptstadt inszeniert wurden“

Von Berichterstattern des ND notiert

 Berlin, am 7. Oktober, Nationalfeiertag. Noch war es nicht 16.30 Uhr. Auf dem Alexanderplatz kam es zu Gerangel — um die besten Kamera-Standpunkte. Eine Provokation sollte inszeniert werden. Auf den Hochbeeten vor dem Einrichtungshaus wurden Objektive ausgerichtet. Sie galten nicht den vielen Volksfestgästen, wie sich zeigen sollte

 Meister der VP Frank Träger: „Ich war zum Streifendienst eingeteilt." Er versieht auch sonst seinen Dienst hier, denn er gehört zum Volkspolizeirevier 13, das für Ruhe, Ordnung und Sicherheit rund um den Alex zuständig ist. „Es war ein buntes, normales Bild an unserem Feiertag. Dann änderte sich die Szene rasch. Diskussionsgrüppchen bildeten sich, rückten zusammen. Genau dorthin blickten die Augen der Kameras. An die zehn westliche Fernsehstationen habe ich beobachtet. Und es kamen noch mehr.

 Im Unterschied zu uns kannten sie den Zeitpunkt wohl recht genau, an dem sich der Vorhang zum Medienspektakel heben sollte. Die ersten Rufe wurden laut: „Weg mit den Bullenschweinen!“

 Dann rissen einige ihre rechte Hand immer wieder empor, beschimpften uns als „Nazischweine“. Immer rhythmischer wurden Sprüche skandiert. Im Nu standen wir einer aufgeputschten Meute gegenüber. Es waren nicht viele, vielleicht 50 oder 60 Mann. Bürger kamen auf uns zu, empört, entsetzt, betroffene Wollt ihr da nicht einschreiten?"

 Das alles ist uns mit Aussagen und Dokumenten von Oberst Dr. Dietze, Stellvertreter des Berliner Polizeipräsidenten und Stabschef, bestätigt worden. „Die Provokation“ war von langer Hand vorbereitet. Westberliner Rundfunk- und Fernsehstationen haben sich dabei hervorgetan. Auch schickte man Hetzballons mit Flugblättern, wie in den Hochtagen des kalten Krieges.

 Nach wie vor paßt es dem Gegner nicht, daß wir ihm seine Grenzen zeigen. Zum wohl bekanntesten Abschnitt unserer Staatsgrenze, dem Brandenburger Tor, gelangten die Unruhestifter nicht, obwohl die ausgegebenen Parolen in diese Richtung wiesen. An den beiden Spreebrücken wurde der Zug gestoppt."

 Junge Bereitschaftspolizisten, Wehrpflichtige in normaler Dienstuniform, versperrten den Weg. Wer den Zug der Randalierer zum Palast der Republik anführte? Es waren jene Männer mit den Kameras, mit den Mikrofonen.

 Am Marx-Engels-Forum stand Major Klaus Kumnow, seit 25 Jahren Angehöriger unserer Volkspolizei. „Ich traf dort auf einen Herrn Michael Schmitz und seine ZDF-Kollegen, forderte sie auf, den Platz zu verlassen schon im Interesse ihrer eigenen Sicherheit ... Er erwiderte etwas von „freier Berichterstattung“ und „es sei doch eine friedliche Demonstration“. Inzwischen umringten mich seine Mitläufer — oder sollte ich besser sagen Anhänger. Die ersten Rempler. Die Mütze wurde mir vom Kopf geschlagen. Einige „ganz Mutige“  rissen an meinem Mantel. Plötzlich erscholl eine Stimme aus dem Hintergrund: „Gewalt war nicht abgemacht!“

 Zum Thema „friedliche Demonstration" Unterwachtmeister Petra Korb: Die junge Frau, seit sechs Wochen erst in der grünen Uniform, stand mit neun weiteren Genossinnen auf der Liebknechtbrücke. „Dir schlitzen wir den Bauch auf, dein Gesicht merken wir uns", wurde sie angeschrien. „Dabei schoben sie kleine Kinder in die erste Reihe, direkt vors Sperrgitter. Von hinten drückten kräftige Kerle nach, dazwischen Frauen, Mütter. Ich traute meinen Augen kaum." Noch bei unserem Gespräch ist ihr die innere Bewegung anzusehen.

 „Wie oft ich an diesem Sonntag per Lautsprecher zur Besonnenheit mahnte, kann man sich kaum vorstellen", sagt Oberstleutnant Hartmut Kunst, Kommandeur einer VP-Bereitschaft. „In der Schönhauser Allee trafen wir wieder auf den harten Kern. In der Gethsemane-Kirche fand eine Andacht statt, mit wenig religiösem Thema. Und obwohl kirchliche Würdenträger der Vernunft das Wort redeten, wir uns- wie tags zuvor weitgehend zurückhielten, brachen Hitzköpfe Metallstangen aus einer Umzäunung. In einer solchen Situation mußten wir uns etwas handfester nach den Rädelsführern umtun.

 Bisher nicht zu Wort gekommen sind Statisten jener ereignisreichen Stunden. Drei gaben dem Untersuchungsrichter zu Protokoll: Marcel B. (17), Fleischerlehrling: Ich war aus Neugier dabei, habe mir keinen Kopf darüber gemacht, was draus wird. Daniel B. (19), Steinmetz: Da waren Kameras, Leute davor, die Freiheit riefen. Heiko D. (19), ohne Beruf: Vor acht oder zehn Wochen habe ich erfahren, daß am 7. Oktober was los sein würde So wurde das vergangene Wochenende vorbereitet, planmäßig, eiskalt kalkuliert, nicht zuletzt von Leuten, die für „Einschaltquoten im Osten" bezahlt werden.

In Erinnerung an den Demonstrationszug im Oktober 1989, veranstaltete das DDR Museum als Mitglied der Initiativgruppe "Die Entscheidung" zum 25-jährigen Jubiläum im Jahr 2014 einen inszenierten Demonstrationszug vom Alexanderplatz zur Gethsemanekirche im Prenzlauer Berg. Auf unserer Facebookseite gibt es zu dem letztjährigen Ereignis einen Bildordner mit zahlreichen Fotos der Demonstration.

 

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