Das „Neue Forum“ in den turbulenten Wendemonaten 1989 und 1990

von Jörn Kleinhardt (10.09.2015)

Heute vor 26 Jahren wurde im Grünheider Ortsteil Altbuchhorst in der Nähe von Berlin das „Neue Forum“ gegründet. Der am gleichen Tag (10. September 1989) veröffentliche Aufruf mit dem Titel „Die Zeit ist reif – Aufbruch 89“ wurde von 30 verschiedenen Menschen aus der DDR unterschrieben. Zu den Erstunterzeichnern gehörten unter anderem die Witwe Robert Havemanns, Katja Havemann, der Physiker Martin Böttger, der Arzt Jens Reich, der Jurist Rolf Henrich oder die Künstlerin Bärbel Bohley. Der Aufruf beginnend mit dem Satz „In unserem Land ist die Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft offensichtlich gestört“ beschreibt treffend die gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR und versuchte einen „demokratischen“ Dialog zwischen den Menschen und der Staatsführung anzuregen.

Am 19. September 1989 meldete das „Neue Forum“ die Gründung der Vereinigung in elf der 15 DDR-Bezirke an. Die Parteiführung zeigte sich über die neuen Reformkräfte nicht erfreut, im Zentralorgan „Neues Deutschland“ stand dazu am 22. September: „Mitteilung des Ministers des Innern (Anm. d. Red. Friedrich Dickel)  Berlin (ADN). Der Minister des Innern der DDR teilt mit, daß ein von zwei Personen unterzeichneter Antrag zur Bildung einer Vereinigung „Neues Forum“ eingegangen ist, geprüft und abgelehnt wurde. Ziele und Anliegen der beantragten Vereinigung widersprechen der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik und stellen eine staatsfeindliche Plattform dar. Die Unterschriftensammlung zur Unterstützung der Gründung der Vereinigung war nicht genehmigt und folglich illegal. Sie ist ein Versuch, Bürger der Deutschen Demokratischen Republik über die wahren Absichten der Verfasser zu täuschen.“

Die Grundhaltung der Staatsführung gegenüber dem „Neuen Forum“ änderte sich auch im Folgemonat nicht. In einem Interview welches am 24. Oktober im „Neuen Deutschland“ abgedruckt wurde äußerte sich der SED-Chefideologe Kurt Hager wie folgt: „Im „Neuen Forum" seien gewiß viele Leute, die das Beste wollen, obwohl das Wort „Sozialismus“ in ihrem Aufruf nicht vorkomme. Es seien dort aber auch andere Kräfte am Werke, die die führende Rolle der Partei und das Blockparteiensystem ablehnen und damit einen antisozialistischen Weg anstreben. Doch der Sozialismus stehe nicht zur Disposition.“

Zu dieser Zeit wurde der Aufruf des „Neuen Forums“ von tausenden DDR-Bürgern unterschrieben und trug maßgeblich zur Mobilisierung der Massen auf den seit September stattfindenden „Montagsdemonstrationen“ bei.  Der Großteil der bestimmenden Akteure des „Neuen Forums“ wollte Veränderungen in der DDR bewirken und ging von der Zweistaatlichkeit Deutschlands als Grundlage aus. Mit dem Mauerfall am 9. November 1989 verlor die junge Reformbewegung zunehmend an Einfluss, da die Mehrheit der Bürger eine Wiedervereinigung Deutschlands anstrebte.

In unserem Sammlungsbestand befindet sich ein Aufruf der Kreisgruppe Königs Wusterhausen des „Neuen Forums“ aus dem Dezember 1989. Das Flugblatt mit dem Titel „Bleibt hier, weil wir Euch brauchen!“ und „Jeder der weggeht ist einer zuviel“ richtet sich an ausreisewillige Bürger der DDR, welche ab November zu tausenden das „sinkende Schiff“ DDR verlassen.

Vom Dezember 1989 bis März 1990 arbeiteten Vertreter des „Neuen Forums“ an Gesprächsrunden des „Runden Tisch“ mit und formulierten zahlreiche Forderungen an Vertreter der DDR-Regierung. Einen Monat vor den Kommunalwahlen vom 18. März 1990 schloss sich das „Neue Forum“ mit anderen Bürgerrechtsbewegungen wie „Demokratie jetzt“ und der „Initiative Frieden und Menschenrechte (IFM)“ zum Wahlbündnis „Bündnis 90“ zusammen und hoffte auf ein gutes Wahlergebnis bei den bevorstehenden Wahlen.

Die Wahl zur Volkskammer am 18. März war für das „Bündnis 90“ eher enttäuschend. Zwar schaffte man den Sprung ins Parlament und stellte 12 Abgeordnete, doch die 2,9% der Stimmen waren natürlich zu wenig um die politische Landschaft maßgeblich mitzuprägen. Den Weg zur Deutschen Einheit gingen andere politische Gruppen und Parteien, das „Bündnis 90“ sprach sich bis zuletzt gegen eine ihrer Meinung nach vorschnelle Währungsreform und Wiedervereinigung aus.

Die Karikatur „Szene aus dem Neo-Western – Einer trage der Einheit Last“ stammt aus dem Jahr 1990 und zeigt wie Helmut Kohl auf dem Rücken des „Deutschen Michel“ den Berg zur „Deutschen Einheit“ getragen wird. In der Hand hält Kohl einen großen Geldsack voller DM. Unterhalb Kohls sind zerbrochene Schilder mit der Aufschrift „Demokratie Jetzt“ und „Neues Forum“ zu erkennen. Seitlich befindet sich ein zerbrochenes Schild „Kohlstand für Alle“ und „2:1“ (Anspielung auf den Wechselkurs Mark der DDR zu DM). Das Bild hat eine Signatur von „PET90“ in der unteren rechten Ecke. Diese Karikatur steht sinnbildlich für die handelnden Akteure der „Deutschen Wiedervereinigung“.

Auch nach der Wiedervereinigung war das „Neue Forum“ im Osten Deutschlands weiterhin politisch aktiv. In einigen Gemeindevertretungen wie beispielsweise in Schmölln/Thüringen stellt das „Neue Forum“ nach der Stadtratswahl 2014 vier Abgeordnete. An der überregionalen, gesamtdeutschen Politik sind die Vertreter des „Neuen Forums“ allerdings nicht beteiligt.

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