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Daniela Münkel: Mauerbau und Staatssicherheit

In ihrem Aufsatz schildert Münkel anhand von bisher unveröffentlichten Berichten der Staatssicherheit (genauer der „Zentralen Informationsgruppe“) die Schließung der Grenzen zu Westberlin am 13. August 1961. Noch einige Tage vorher wurden die Mitarbeiter des MfS zwar hinsichtlich besonderer Maßnahmen instruiert, aber nicht informiert, was geschehen sollte. Unter dem Codenamen „Rose“ wurde die Aktion Mauerbau bis zuletzt nur unter wenigen SED-Funktionären diskutiert und unterlag strengster Geheimhaltung.
von Elke Sieber (08.09.2016)

Daniela Münkel: Mauerbau und Staatssicherheit, in: APuZ 31-34/2011, http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-einheit/deutsche-teilung-deutsche-einheit/52470/mauerbau-und-staatssicherheit?p=all, abgerufen am 24.08.2016.

Die Historikerin Prof. Dr. Daniela Münkel ist Projektleiterin in der Forschungsabteilung des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU) und apl. Professorin an der Leibniz-Universität Hannover. Sie hat bereits diverse Monographien, Sammelbände und Aufsätze publiziert. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Medien-, Sozial- und Politikgeschichte des 20. Jahrhunderts, der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie sowie insbesondere in der Geschichte des MfS in der DDR.

In ihrem Aufsatz schildert Münkel anhand von bisher unveröffentlichten Berichten der Staatssicherheit (genauer der „Zentralen Informationsgruppe“) die Schließung der Grenzen zu Westberlin am 13. August 1961. Noch einige Tage vorher wurden die Mitarbeiter des MfS zwar hinsichtlich besonderer Maßnahmen instruiert, aber nicht informiert, was geschehen sollte. Unter dem Codenamen „Rose“ wurde die Aktion Mauerbau bis zuletzt nur unter wenigen SED-Funktionären diskutiert und unterlag strengster Geheimhaltung. Lediglich Walter Ulbricht, Erich Mielke, Innenminister Karl Maron, Verteidigungsminister Heinz Hoffmann, Verkehrsminister Erwin Kramer, Willi Stoph, Paul Verner und Alois Pisnik waren eingeweiht sowie Erich Honecker, der als Leiter des Zentralen Einsatzstabes fungierte. Erst am späten Abend des 12. August, kurz bevor die Aktion ausgelöst wurde um 1 Uhr morgens, informierte Ulbricht persönlich die Kollegen aus dem Ministerrat und Staatsrat.

Es wurden insgesamt zwölf Berichte über die Aktion „Rose“ und die Reaktionen auf den Mauerbau bis zum 16. August angefertigt - fünf davon allein bis zum 14. August. Diese Berichte gingen an den Zentralen Einsatzstab und an sowjetische Verbindungsoffiziere sowie an einzelne Stellen der Staatssicherheit, hier insbesondere auch an die Auswertungsabteilung VII des Stasi-Auslandsspionagebereichs.

Kurz nach der Grenzschließung in der Nacht berichtete die Stasi, dass es keine besonderen Vorkommnisse gäbe, die Stimmung normal wäre. Jedoch musste die Staatssicherheit an verschiedenen Stellen direkt ins Geschehen eingreifen. Die Einheiten der Transportpolizei, verantwortlich für die Sperrung der Bahnhöfe und die Unterbrechung des Bahnverkehrs, trafen zu spät ein, sodass die Stasi diese Einsätze bei deren Ankunft bereits erledigt hatte. Auch bei Ostberlinern, die an der Grenze zurück in die DDR reisen wollten, entschied das MfS deren sofortige Einreise zu genehmigen.

Interessant an den Dokumenten ist die Verbindung von Inlandsstimmungsbericht und Auslandsinformationen. Die Stasi, die für die Auslandsspionage eigentlich strikt getrennt die HV A einsetzte, durchbrach hier dieses strenge Muster. Die Berichte weisen insgesamt eine Dreiteilung auf in westliche Reaktionen, gegnerische Tätigkeit und Bevölkerungsstimmung in der DDR. Die Informationen aus dem Westen, die von Agenten beschafft wurden, verdeutlichten dem MfS schnell – nach kurzer Unsicherheit -, dass mit massiven Gegenmaßnahmen aus dem Westen nicht zu rechnen war. Schon im Laufe des 14. August entspannte sich die Berichterstattung.

Auch die Stimmungsberichte hinsichtlich der eigenen Bevölkerung am Morgen des 13. August waren sehr entspannt. Die Lage gestaltete sich ruhig, doch die Stasi war in Alarmbereitschaft. Man rechnete mit allem. Unter den Grenzgängern, die nicht mehr zu ihren Arbeitsstellen in West-Berlin gelangten, gab es dann auch Proteste. Selbstverständlich fanden sich in den Berichten sehr viele positive Reaktionen auf den Mauerbau, die wahrscheinlich einer empirischen Untersuchung nicht standhalten würden, doch neben diesen nahmen negative Äußerungen einen weit breiteren Raum ein als in anderen MfS-Berichten. Insbesondere die Themen Streikgefahr, Jugendprotest und illegale Grenzübertritte wurden behandelt.

Neben den Berichten als interessante Quellen verweist Münkel aber auch auf eine weitere spannende Erkenntnis. Das MfS bewies mit seiner Berichterstattung, wie gut es die außergewöhnliche Lage im Griff hatte. Dabei blieben die Mängel und Versäumnisse anderer Organe nicht verborgen, konnten aber teilweise durch die Stasi kompensiert werden. Dies festigte die Stellung des Stasiapparates im Herrschaftsgefüge und ermöglichte den Ausbau seiner Kompetenzbereiche während und nach dem Mauerbau.


 

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