Die Gesellschaft für Sport und Technik

von Jörn Kleinhardt (06.08.2015)

Wer als Jugendlicher in der DDR Sportschiessen, Funken, Fallschirmspringen oder Segelfliegen wollte, kam um die Gesellschaft für Sport und Technik(GST) nicht herum. Viele der durch die GST angebotenen Aktivitäten wie Tauchen oder Segelfliegen waren, durch die potenzielle Fluchtgefahr aus der DDR, nur im Rahmen der Massenorganisation möglich. Ursprünglich jedoch sollte die am 7. August 1952 gegründete Organisation der allgemeinen gemeinschaftlichen Freizeitgestaltung von Heranwachsenden dienen und deren technische Kenntnisse und Fähigkeiten schulen. Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges stand die Militarisierung aller Ebenen der Gesellschaft noch nicht auf der Agenda der SED-Machthaber oder es wurde zumindest noch nicht so offensiv propagiert. Den Charakter einer normalen Massenorganisation zur freizeitlichen Gestaltung Jugendlicher konnte die GST allerdings nicht lange wahren, da die zeithistorischen Ereignisse, wie die Bildung der militärischen Bündnisse NATO und Warschauer Vertrag und die Gründung der Nationalen Volksarmee auch die Ausrichtung der GST beeinflussten.

Zunehmend standen der Wehrsport und die Wehrerziehung im Fokus der Gesellschaft für Sport und Technik, sie galt als „Schule des Soldaten von Morgen“. Militärisch war auch die Organisation der GST, ab Anfang der 1960er Jahre gab es für die Mitglieder Uniformen mit entsprechenden Dienstgraden und Orden für gute Leistungen. Die Vorstände der GST wurden von militärisch geschultem Personal hauptamtlich besetzt, in der Regel handelte es sich um ehemalige Berufssoldaten der NVA.

Viele junge Leute wurden Mitglied in der GST aufgrund der Möglichkeit dort kostengünstig eine Fahrerlaubnis zu erlangen. So konnte man in den 1980er Jahren für 58,60 Mark einen Motorradführerschein oder für 75,00 Mark einen LKW-Führerschein erwerben. Offiziell sollten die Absolventen der Fahrausbildung später ihren Dienst in der NVA antreten und möglichst lange dienen. Die Broschüre „Soldat am Lenkrad“ aus dem Jahr 1987, welche vom Zentralvorstand der GST herausgegeben wurde, thematisiert die Ausbildung zum Militärkraftfahrer. Die Parolen der Broschüre wie „Unser Wehrdienst-Dienst für den Frieden“ oder „Wir behalten den Feind im Griff“ entsprechen dem Duktus der Zeit und dem Selbstverständnis des militärisch geprägten Staates.

Die regelmäßig veranstalteten Wehrspartakiaden boten Mitgliedern der GST die Möglichkeit, sich im Wehrsport mit anderen zu messen. In unserer Sammlung befindet sich eine Urkunde der Wehrspartakiade des Bezirks Dresden aus dem Jahr 1982, welche für den 2. Platz im Militärischen Mehrkampf verliehen wurde. Zudem wurden von der GST verschieden Zeitschriften herausgegeben. Die bekannteste Zeitschrift war die monatlich erscheinende „Sport und Technik“. Die auf dem Foto abgebildete Ausgabe aus unserer Sammlung stammt aus dem Gründungsjahr der GST und war für 50 Pfennig käuflich zu erwerben.

In den 1980er Jahren hatte die GST mehr als eine halbe Million Mitglieder, welche in knapp 10000 lokale Sektionen gegliedert waren. Die Gewinnung des Nachwuchses für die NVA gestaltete sich zunehmend schwieriger, die Stagnation in vielen gesellschaftlichen Bereichen machte auch vor der Gesellschaft für Sport und Technik keinen Halt. Im Frühjahr 1990 wurde die nicht mehr zeitgemäße Organisation dann endgültig aufgelöst.

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