Geschichte

Aufbau eines Bezirkszentrums am Beispiel Neubrandenburg

Im Jahr 1952 wurden in der DDR mit der Verwaltungsreform die bestehenden Länder aufgelöst und nach sowjetischem Vorbild Bezirke gebildet. Der neu gebildete Bezirk Neubrandenburg im Nordosten der DDR sollte als landwirtschaftliches Versorgungszentrum ausgebaut werden. Die kleine mecklenburgische Landstadt Neubrandenburg wurde in der Folgezeit sukzessive zu einem Bezirkszentrum ausgebaut. von Jörn Kleinhardt (28.01.2016)

Im Jahr 1952 wurden in der DDR mit der Verwaltungsreform die bestehenden Länder aufgelöst und nach sowjetischem Vorbild Bezirke gebildet. Der neu gebildete Bezirk Neubrandenburg im Nordosten der DDR sollte als landwirtschaftliches Versorgungszentrum ausgebaut werden. Die kleine mecklenburgische Landstadt Neubrandenburg wurde in der Folgezeit sukzessive zu einem Bezirkszentrum ausgebaut.

Die weitgehend zerstörte Altstadt Neubrandenburgs, wurde ab 1952 unter Beibehaltung des historischen Stadtrasters, wiederaufgebaut. Für die repräsentative Innenstadt wählte man die Architektur des sozialistischen Klassizismus. Zugleich wurde die Stadt Verwaltungszentrum und Behördensitz des neuen Bezirkes. Planungen aus den 1950er Jahren sahen vor, Neubrandenburg durch Ansiedlung neuer Industriebetriebe und Ausbau vorhandener Strukturen innerhalb weniger Jahrzehnte zur Großstadt wachsen zu lassen. Ein tollkühnes Ansinnen wenn man bedenkt, dass Neubrandenburg laut einem Volkszählergebnis vom 31. Dezember 1955 lediglich 26.995 Einwohner hatte.

Ab 1953 wurde mit dem VEB Reparaturwerk Neubrandenburg einer der größten Rüstungsbetriebe der DDR geschaffen. In dem weitläufigen Werkskomplex wurden fortan Panzerfahrzeuge der NVA und Verbündeter Streitkräfte instandgesetzt. Hatte der Betrieb 1953 noch 707 Mitarbeiter, steigerte sich die Anzahl bis auf 5000 Mitarbeiter in den 1980er Jahren.

Neben dem großen Rüstungsbetrieb entstanden auch andere Industriezweige, vorrangig in der Nahrungsmittelverarbeitung. Für die Versorgung der Bevölkerung wurde der VEB Getränkekombinat Neubrandenburg geschaffen. In unserem Sammlungsbestand haben wir verschiedene alkoholhaltige Getränke aus Neubrandenburger Produktion wie den klassischen weinhaltigen „Sangria“, der lokalen Spezialität „Niegenbrambörger Koem“ (plattdeutsch für Neubrandenburger Kümmel) oder den „Eismint“ Pfefferminzlikör. Das „NAGEMA“ (Nahrungs-(Na) und Genussmittel (ge) Maschinenbau (ma)) Kombinat errichtete in den 1970er Jahren eine Zweigstelle in Neubrandenburg. Hier wurden unter anderem Getränkeabfüllmaschinen produziert.

Um den sich ständig erhöhenden Einwohnerzahlen ausreichenden Wohnraum gewähren zu können, wurden ab den 1960er Jahren zahlreiche neue Wohnviertel um die historische Kernstadt gebaut. Viele der neu gebauten Wohnungen entstanden in der damals neuen und kostengünstigen Plattenbauweise. So steht beispielsweise der erste je errichtete Block der Wohnungsbauserie 70 (WBS 70) in der Neubrandenburger Oststadt. Zudem entstanden zahlreiche Schulen, Kindergärten und Freizeiteinrichtungen wie die Stadthalle Neubrandenburg welche 1969 als Hyperschalenkonstruktion gebaut wurde.

Das Wachstum der Stadt hielt bis 1989 an. In diesem Jahr erreichte die Wohnbevölkerung mit 90.471 ihren historischen Höchststand. Die knapp drei Jahrzehnte zuvor formulierten Ziele, Neubrandenburg zu einer Großstadt zu entwickeln, wurden fast erfüllt. Doch die rasanten Veränderungen im Zuge der Wiedervereinigung machten auch vor der verschlafenen Bezirksstadt im Nordosten nicht halt. Durch die Wiedervereinigung wurden aus den ehemaligen Bezirken der DDR sechs neue Bundesländer gebildet. Zusammen mit den anderen beiden Nordbezirken Schwerin und Rostock bildet der Bezirk Neubrandenburg ab 1990 das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern. Viele Industriebetriebe Neubrandenburgs waren nicht mehr konkurrenzfähig im marktwirtschaftlichen Sinne und wurden Anfang der 1990er Jahre geschlossen. Die Arbeitsmarktsituation verschlechterte sich rapide. Dies wiederum bedingte den Wegzug vor allem vieler junger Leute, welche ihre Zukunft eher im Westen Deutschlands oder in großen Städten wie Berlin sahen. So sanken die Einwohnerzahlen der bis dahin prosperierenden Stadt bis zum Jahr 2000 auf knapp 73.000 Einwohner. Aktuell wohnen noch 63.311 Einwohner in Neubrandenburg, die Tendenz ist weiterhin fallend. Trotz dieser Tendenzen ist Neubrandenburg weiterhin eines der vier Oberzentren in Mecklenburg-Vorpommern und hat heute den Status als Kreisstadt des größten Landkreises Deutschlands „Mecklenburgische Seenplatte“.   

Mehr zum Thema

Tickets ohne Warteschlange ab € 5,50   Jetzt kaufen