Was bleibt von der DDR?

Das Gebäude des Staatsrates der DDR

Architektur ist immer auch Ausdruck von Macht und Ideologie. Doch das 1964 fertig gestellte Gebäude des Staatsrats der DDR ist ausschließlich steingewordene Weltanschauung und pompöses Machtgehabe. Eine prunkvolle Fassade, garniert mit einem hochtrabenden baugeschichtlichen Zitat, dahinter eine Art Hohlraum reiner Reräsentation ohne praktischen Zweck. von Dr. Stefan Wolle (21.09.2017)

Ein Prunkbau zwischen Ruinen

Als 1960 der Präsident Wilhelm Pieck starb, entschloss sich Walter Ulbricht, das Amt nicht wieder zu besetzen, sondern stattdessen einen Staatsrat zu bilden, dessen Vorsitzender gleichzeitig Staatsoberhaupt sein sollte. Dafür gab es natürlich nur einen Kandidaten, das war er selbst. Also musste ein Repräsentationsbau her. Platz gab es im Zentrum Ostberlins genug. An der Südseite des riesigen Aufmarschplatzes, der durch den Abriss des Schlosses entstanden war, wurden einige Grundstücke frei geräumt. Weder auf den Denkmalschutz noch auf Eigentumsrechte musste die SED-Führung Rücksicht nehmen. Durch ein Aufbaugesetz konnte jeglicher Immobilienbesitz schnell enteignet werden. Einige der ältesten Gebäude Berlins fielen der Abrissbirne zum Opfer. Die Fundamente wurden überbaut, der Mühlengraben zugeschüttet.

Jugendobjekt Staatsratsgebäude

Mit der Projektierung wurde ein Jugendkollektiv des VEB Berlin-Projekt unter Leitung von Roland Korn beauftragt. Die gestalterische Grundidee, insbesondere die Integration des barocken Schlossportals, stammte von Ulbricht selbst. Die 150 Meter lange und 25 Meter hohe natursteinverkleidete Fassade ist in elf gleichförmige Achsen gegliedert. Eine davon ist die asymmetrisch angeordnete Kopie des ursprünglich zum Lustgarten gewendeten Portals IV des alten Stadtschlosses. Das Sandsteinportal, das zwischen 1706 und 1713 unter der Leitung von Johann Friedrich Eosander von Göthe – deswegen auch Eosanderportal – wurde 1951 vollständig abgetragen. Doch der Neubau von 1960 sollte keine Wiedergutmachung für die Kulturbarbarei der fünfziger Jahre sein und auch kein Rückgriff auf die preußische Monarchie. Von dem Balkon rief am 9. November 1918 Karl Liebknecht die sozialistische Republik aus. In dieser Tradition wollte sich der SED-Staat präsentieren.

„Auf den Balkon!“

Nach dem Tod von Walter Ulbricht verlor der Staatsrat und mit ihm auch das Gebäude an Bedeutung. Außer der Akkreditierung von Botschaftern und den Neujahrsempfängen fand hier kaum noch etwas statt, zumal als Repräsentationsbau seit 1976 der Palast der Republik zur Verfügung stand. Ein letztes Mal geriet das Gebäude am 24. Oktober 1989 in den Blickpunkt der Aufmerksamkeit. Nach der Wahl von Egon Krenz zum neuen Staatsoberhaupt zogen nach einer Veranstaltung in der Gethsemanekirche einige Tausend Demonstranten bis zum Staatsrat, um gegen die Wahl zu protestieren. Dort angekommen riefen sie im Sprechchor: „Egon zeig dich mal!“ und „Auf dem Balkon! … auf den Balkon!“. Doch in dem Gebäude waren bereits die Lichter ausgegangen.

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