DDR-Design

Der Hochstapler von Zittau

Der Fachjournalist und Experte für die Produktgestaltung der DDR Günter Höhne schreibt für den Museumsblog des DDR Museums. Dieses Mal geht es um den ersten ostdeutschen Single-Plattenwechsler W 23. von Günter Höhne (23.08.2017)

Plastekasten mit Goldstaubpotenzial

Er erblickte 1960 im VEB Funkwerk Zittau, dem größten Phonogeräteproduzenten der DDR, das Licht der Welt, genau zehn Jahre nach der Geburt seiner legendären funktionsgleichen RCA-Patentante „Madame X“ aus den USA: der erste ostdeutsche Single-Plattenwechsler. So nüchtern und wenig einfallsreich sein Taufname „W 23“ lautet, so bemerkenswert sind indes sein Design und dessen Schöpfer: Waren doch zu jener Zeit im Phono- und Rundfunkgerätebereich durchaus noch überwiegend „repräsentative“ Formlösungen tonangebend, eben „Tonmöbel“. Aber schon in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre experimentierten Studierende der Fachrichtung Industrieformgestaltung an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Berlin-Weißensee mit modernen, „aufgeräumten“ Designs für Radio- und Fernsehproduzenten, so auch der spätere Gestalter der Weltzeituhr auf dem Berliner Alexanderplatz Erich John (in diesem Jahr 85 geworden) mit seinem UKW-Super „Undine“ von 1957.

Schmucklos und unauffällig

Den wirklichen Durchbruch zur Moderne in der Rundfunkgeräteindustrie der DDR schafften ab den 1960er Jahren zwei weitere Weißenseeer Kommilitonen mit ihren Gestaltungskonzepten für die viel gerühmten und bei Sammlern heute sehr begehrten HELI-Radios aus Limbach-Oberfrohna: Karl Clauss Dietel und Lutz Rudolph. – Und von Lutz Rudolph (2011 verstorben) stammt auch aus dessen drittem Studienjahr 1959 der Entwurf für jenen „schmucklosen“ geradlinigen Zittauer Plattenwechsler, der sich als unauffälliges technisches Accessoire jedwedem Radiogerät zugesellen ließ, sei es ein zurückhaltend oder aber auch mondän gestaltetes.

Wunderkästchen aus Kunststoff

Die „Stele“ des rein aus Kunststoff bestehenden Wunderkästchens nimmt bis zu 12 Single-Platten auf, beim Start löst sich die unterste vom Stapel und der Tonarm spielt sie ab. Während er zurückschwenkt, fällt die nächste herunter, die Prozedur wiederholt sich, bis alle Platten erklungen sind. Eine feine Erfindung in konsequent technischem Gewand. Nur wurde sie alsbald durch die breite Einführung der Vinyl-Langspielplatten abgelöst. Der W 23 verschwand neben den heimischen Radios. Heute ist ein unversehrt erhaltenes, funktionstüchtiges Exemplar wie unseres hier wahrer Goldstaub für Designsammler.

Text und Fotos: Günter Höhne

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