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Rüdiger Schmidt: Sieger der Geschichte? Antifaschismus im "anderen Deutschland"

In seinem Aufsatz geht Rüdiger Schmidt dem Gründungsmythos des Antifaschismus in der DDR nach. von Elke Sieber (11.01.2017)

Rüdiger Schmidt: Sieger der Geschichte? Antifaschismus im „anderen Deutschland“, in: Friedensstaat, Leseland, Sportnation? DDR-Legenden auf dem Prüfstand, Thomas Großbölting (Hg.), Bonn 2010, S. 208-229.

Laut Schmidt kann der Mythos des Antifaschismus als Gründungsmythos der DDR verstanden werden. Schmidt weist darauf hin, dass bereits der Aufruf der KPD am 11. Juni 1945 die Grundzüge dieser Legitimierung der Eigenstaatlichkeit über den Antifaschismus veranschaulicht. Zwar hieß es in diesem, man wolle der Ostzone nicht das sowjetische System aufzwingen, sondern eine parlamentarische Demokratie etablieren, jedoch begannen mit der ebenfalls geforderten Enteignung der „Nazibonzen und Kriegsverbrecher“ und der Weichenstellung für die Schaffung eines „antifaschistischen demokratischen Blocks der Parteien“ erste Maßnahmen zur Errichtung eines sozialistischen Staates nach sowjetischem Vorbild. Die Negierung der Vergangenheit ermöglichte so eine neue Stoßrichtung ohne diese konkret zu benennen.

Am 10. Juni 1945 hatte die Sowjetische Militäradministration ausschließlich „antifaschistische Parteien“ zugelassen, dass neben den beiden Arbeiterparteien auch die LDP- und die CDU-Gründung möglich war, entsprang bündnispolitischen Erwägungen der sowjetischen und deutschen Kommunisten. Der Aufbau einer „Einheitsfront der antifaschistisch-demokratischen Parteien“ sollte auf lange Sicht dazu dienen die Machtstellung der Kommunisten und insbesondere der SED zu festigen. Eine breitenwirksame Aufnahme der Blockparteien hatte eine nicht zu unterschätzende Integrationswirkung und zerstreute zusammen mit der garantierten Rechtssicherheit auf Grundlage eines demokratischen Rechtsstaates viele Bedenken. Bereits 1947 war es allerdings gelungen, die bürgerlichen Parteien in eine Randposition zu drängen und den Antifaschistischen Block zur demokratischen Kulisse der Herrschaft der SED zu machen.

Doch nicht nur zur Integration sollte der verordnete Antifaschismus dienen. Durch eine Klientelpolitik, die Antifaschisten und Opfern des Faschismus bevorzugt Läden und kleine gewerbliche Betriebe verkaufte, sicherte sich die Partei eine dauerhafte Loyalität. Außerdem wurde nicht nur der politische Raum ideologisiert, sondern auch die Bereiche Kultur und Soziales politisiert. Der Antifaschismus durchdrang alle Lebensbereiche und wurde zur Grenze, deren Überschreitung von innen nach außen ideologisch geahndet wurde.

Diese Klammer des Antifaschismus diente ebenfalls dazu, sich auf Basis der Abwehr der nationalsozialistischen Vergangenheit eine positive Gegenwartsdeutung zu schaffen, die eine kritische Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich nicht erforderlich machte. Schließlich hatte man sich nun für die „richtige“ Politik entschieden. Jeder – auch jedes NSDAP-Mitglied -, der vollständig mit seiner Vergangenheit gebrochen hatte und bereit war sich der neuen politischen Linie zu verschreiben, hatte sogar die Möglichkeit in die SED integriert zu werden.

Die DDR sah sich nicht nur als der Staat, der den Nationalsozialismus überwunden hatte, sondern gleichfalls Teil der Anti-Hitler-Koalition war. Damit wurden zwei Kontinuitätslinien der deutschen Geschichte geschaffen, die der Bundesrepublik jegliche Verantwortung für Faschismus und NS-Diktatur zuwies. Ziel dieses antifaschistischen Gründungsmythos war es auch, die Bevölkerung von Schuldgefühlen zu befreien, indem Faschismus und Antifaschismus als zweipoliges Modell auf jegliche Realitäten in beiden deutschen Staaten angewendet wurden – eine Polarität, die neben politischen Aspekten kulturelle Werthorizonte einschloss. So wurden verstärkt antifaschistische Literatur und Filmproduktionen unterstützt und veröffentlicht, die dem Rezipienten Identifikationsmöglichkeiten mit der DDR bieten sollten sowie ihn dazu aufforderten, dem Erbe des Widerstands gerecht zu werden und aktiv am Aufbau der neuen Gesellschaft teilzunehmen.

Durch den 17. Juni 1953 verlor das antifaschistische Leitbild jedoch seine „moralische ,Unbescholtenheit`“. Die Niederschlagung des Volksaufstands, der von der Führung als faschistische Provokation abgestempelt wurde, zwang die Bevölkerung im Namen des Antifaschismus zur „Integration“ ins politische System. Auch der „antifaschistische Schutzwall“, die Mauer, bewies durch Grenzposten und Wachtürme, dass sie keinesfalls zur Abwehr äußerer Gefahr diente.

Über die Jahrzehnte wurden die antifaschistischen Parolen auch immer mehr zur leeren Formel. Das Heldengedenken und die Totenehrung für verdiente Antifaschisten sollten zwar die DDR-Herrschaft legitimieren, doch spätestens in der 80er Jahren begegnete die junge Generation dieser Traditionsbewahrung mit Skepsis. Sie bezogen ihr Selbstverständnis eher aus „aktuellen politisch-sozialen und individuellen Problemen“.

Der Autor spricht hier ein sehr interessantes Thema an und beleuchtet es umfassend. Dabei nutzt er eine Vielzahl an Zitaten von Zeitzeugen und staatlichen Quellen, die seine Thesen untermauern. Wer sich für die Machtmechanismen der SED interessiert, sollte diesen Aufsatz auf keinen Fall vernachlässigen.

 

Bild: By Felix O, via Wikimedia Commons


 

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