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Alltag in der DDR

Alltag in der DDRAlltag in der DDRAlltag in der DDR

In der DDR wurde Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“ oft und gern zitiert. Es beginnt mit den Verszeilen:

„Wer baute das siebentorige Theben?
In den Büchern stehen die Namen von Königen.
Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?
...
Wohin gingen an dem Abend, wo die Chinesische Mauer fertig war die Maurer?"

Das Gedicht zielt auf ein Geschichtsbild, das sich auf die Abfolge von Herrschern und deren Taten beschränkt. Die moderne Geschichtsforschung hat sich dieser Frage längst gestellt. Alltag ist eine der am häufigsten gebrauchten wissenschaftlichen Kategorien. So unscharf der Begriff ist, so allgegenwärtig ist er auch. Alltag ist alles, er war immer und überall. Er lässt an ständige Wiederholung denken, so wie jeden Morgen der Wecker klingelt, aber auch an Durchschnittlichkeit, an Privatheit und Normalität jenseits der hohen Politik. Doch bezogen auf die DDR stellen sich einige besondere Probleme. Ganz im Sinne von Brecht wäre zu fragen:

„Wer baute die Mauer in Berlin?
In den Akten stehen die Namen der Parteiführer.
Wer aber schleppte die Betonteile herbei?
Und wohin gingen die Todesschützen nach Dienstschluss?“

Mit anderen Worten, die Berufung auf die Normalität des Alltags in der DDR kann auch als Ausrede dienen. Es ist nur noch ein kleiner Schritt zu dem ewigen „Wir haben nichts gewusst“ der kleinen Leute. Der Alltag in der DDR war kein Rückzugsort und keine Nische, sondern Teil des funktionierenden Systems.

Gespaltene Erinnerungen an den Alltag in der DDR

Wo aber bleiben bei dieser Betrachtung der Dinge all die schönen Erinnerungen an die Kindheit, die erste Liebe, an die Freude über den Studienabschluss, die erste Wohnung, die Familienfeiern usw.? Man muss sich davor hüten, den Totalitätsanspruch des Staates rückwirkend mit der Wirklichkeit zu verwechseln. Leben in der Diktatur heißt auch Leben gegen die Diktatur. Teils in bewusster Distanz, teils in einem elementaren Hang zur Bewahrung ihrer Privatsphäre entzogen sich viele Menschen der Reglementierung. Das schließt nicht aus, dass sie die Sicherheiten des Lebens im abgesperrten Biotop nicht zu schätzen wussten. Natürlich gab es angesichts von gesetzlich garantierten Arbeitsplätzen keine Angst vor der Arbeitslosigkeit. Selbstverständlich gab es inmitten der allgemeinen Unlust, berufliche Verantwortung zu übernehmen, weniger Konkurrenz im Betrieb. Bedeute doch jeder Schritt auf der Karriereleiter die Aufgabe eines Stücks persönlicher Freiheit.

Die real existierende Schattenwirtschaft

Weniger als bewusster Gegenentwurf zum „real existierenden Sozialismus“ – so lautete die eigentümliche Wortschöpfung der SED – als vielmehr aus der Not geboren, entwickelte sich eine Parallelgesellschaft. In dieser real existierenden Schattenwirtschaft zählten „Beziehungen“ zu Handwerkern, Verkäufern und Verwaltern knapper Waren, Dienstleistungen, Urlaubsplätze usw. Und knapp war eigentlich alles. So hieß Alltag in der DDR für die meisten Menschen sich einzureihen in virtuelle oder reale Warteschlangen. Überall gab es Wartelisten: für Schrankwände, Wohnungen und Autos. Wer käme heute noch auf die Idee, den Erhalt eines neuen Autos mit einer Familienfeier zu begehen, als wäre ein Kind geboren worden? So bot die Mangelgesellschaft viele kleine Glückserfüllungen, die mit der DDR verschwanden. Die Erinnerung an die Scheinidylle mischte sich von nun an mit den Erinnerungen an Einschränkungen, Belastungen und auch politischen Bedrängungen. Diese unauflösbare Mischung lässt sich nicht im Rückblick in gute und schlechte Erinnerungen aufteilen. Sie gehören zusammen wie das „siebentorige Theben“ und diejenigen, die die Steine geschleppt haben.