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Zwischen Spaltung und Gemeinsamkeit. Kultur im geteilten Deutschland

Carsten Kretschmann betrachtet die deutsch-deutsche Kultur dabei nicht getrennt voneinander, sondern sucht nach Wechselwirkungen und Ursachen für unterschiedliche Entwicklungen. Er erkennt jedoch auch, dass die Kultur zwar zum einen eine Art Brückenschlag zwischen den beiden Staaten war, zum anderen sich aber die Kultur ganz unterschiedlich entwickelte. Auch das Thema der Kulturpolitik und sozialgeschichtliche Bereiche, wie etwa die Untersuchung der skeptischen Generation oder die Gedanken- und Ideenwelt der 68er-Bewegung spart er dabei nicht aus. von Elke Sieber (18.02.2016)

Carsten Kretschmann: Zwischen Spaltung und Gemeinsamkeit. Kultur im geteilten Deutschland (= Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert, Bd. 12), Berlin-Brandenburg 2012.

Carsten Kretschmann ist promovierter Historiker und forscht und lehrt derzeit Neuere Geschichte an der Universität Stuttgart. In seiner Monographie zur Kultur im geteilten Deutschland untersucht er Gegensätze und Gemeinsamkeiten der deutsch-deutschen Kulturlandschaft von 1945 bis hauptsächlich 1989.

Er betrachtet die deutsch-deutsche Kultur dabei nicht getrennt voneinander, sondern sucht nach Wechselwirkungen und Ursachen für unterschiedliche Entwicklungen. Er erkennt jedoch auch, dass die Kultur zwar zum einen eine Art Brückenschlag zwischen den beiden Staaten war, zum anderen sich aber die Kultur ganz unterschiedlich entwickelte. Auch das Thema der Kulturpolitik und sozialgeschichtliche Bereiche, wie etwa die Untersuchung der skeptischen Generation oder die Gedanken- und Ideenwelt der 68er-Bewegung spart er dabei nicht aus.

Eine wirkliche Definition von Kultur bleibt er schuldig, legt den Begriff und damit seine Perspektive aber sehr weit an. Er beleuchtet sowohl die Hochkultur in Theater, Musik, Architektur und Kunst als auch die Massen- oder Populärkultur. Die Konsumkultur und andere Massenphänomene wie Rock/Popmusik oder Wohnungsbau bezieht er somit auch mit ein.

Einen Großteil seiner Ausführungen widmet Kretschmann der Zeit des Wiederaufbaus von Land und Kultur nach 1945. Hierbei stellt er zuerst die Frage, ob es im Bereich der Kultur tatsächlich eine Stunde Null gab und kommt zu dem Schluss, dass in vielen Teilen auf Entwicklungen und Strömungen der Zwischenkriegszeit zurückgegriffen wurde, wie beispielsweise die Kunstrichtung des Expressionismus. Und das obwohl durchaus bruchlos fortgeführte Karrieren aus der NS-Zeit häufiger vorkamen. Auch die Besatzungsmächte übten großen Einfluss auf die kulturelle Entwicklung der beiden deutschen Staaten aus, die schnell dazu führte, dass deren Kultur sich begann auseinanderzuentwickeln. In beiden deutschen Staaten war das Ziel jedoch dasselbe: es sollte eine neue Kultur eines besseren Deutschlands entstehen und es standen genügend Exilkulturschaffende bereit, die diesen Prozess begleiten konnten.

Man orientierte sich am Alten, suchte neue Anknüpfungspunkte, verarbeitete Erfahrungen und war teilweise auch politisch in der Kunst der Endvierziger und beginnenden 50er Jahre. Doch daraufhin begann in der DDR der Staat seinen Einfluss auszubauen und setzte auf realistische Kunst. in der Bundesrepublik taten die Kritiker ihr Übriges, um die Kunstszene in der Bundesrepublik in eine Richtung zu lenken. Es folgte ein „Bilderstreit“ aus abstrakter westlicher Kunst und der ostdeutschen Kunstform des „sozialistischen Realismus“.

Die gesellschaftliche Entwicklung in der Bundesrepublik war geprägt von der Übernahme amerikanischer Lebensmuster und Konsumkultur. In diesem Zusammenhang fällt ganz bewusst die Begrifflichkeit eines „kurzen Wegs nach Westen“ bei Kretschmann, der Heinrich August Winklers These von einer länger dauernden Hinwendung zum Westen entgegensteht. „Solidität, Nüchternheit und Transparenz“ versinnbildlichten ferner die westdeutsche Identität. Die Schlagworte der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ und der „skeptischen Generationen“ sollen diese Einschätzung bestätigen. Die ostdeutsche Identität fußte währenddessen ebenfalls auf der Nichtauseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen, jedoch offiziell unter dem Prädikat des Antifaschismus. Doch diese heile Scheinwelt zerbrach in West wie Ost nach und nach. Am eindrucksvollsten wohl aber 1968 mit dem Aufbegehren der 68er Bewegung in der Bundesrepublik, die einen Generationenkonflikt aufbrechen ließ.

Gerade diese sozialen Bewegungen und an ihrem Anfang die paradoxerweise sehr antipluralistische 68er Bewegung führten nach Kretschmann zu einer Pluralisierung der Gesellschaft der Bundesrepublik. In der Literatur zeigte sich dies in einer Fokussierung des eigenen Selbst und einer Abwendung von Sozialkritik und politischer Aussage. In der DDR hingegen sei die Kunst weiterhin eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln gewesen, wenn auch einige Künstler sich kleinen Freiräumen zu bemächtigen versuchten. So führt er als „Grenzgang besonderer Art“ das Bauernkriegspanorama von Werner Tübke an, der auf eine heroische Überhöhung der ersten deutschen Revolution auf seinem Kunstwerk verzichtete und stattdessen eine vielmehr apokalyptische Szenerie darstellte.

In seinem letzten Kapitel „Der kleine Grenzverkehr“ geht er auf die partiellen Veränderungen in der deutschen Kulturlandschaft ein, die er beispielsweise in der Architektur manifestiert. Dem Plattenbau aus den 70er Jahren, eine einfache und funktionalistische Bauweise, nüchtern und solide könnte man sie nennen, wird der Wiederentdeckung historischer Baukunst gegenübergestellt. In beiden deutschen Staaten wurde architektonisch durch das „Neue Bauen“ ein „Ozean der Monotonie“ geschaffen, der nun aufgebrochen werden sollte. Schnörkel und historisch-unmoderne Formen des Bauens wurden wieder salonfähig, sei es in Form der Neuen Staatsgalerie in Stuttgart oder des neugestalteten Nikolaiviertels in Ost-Berlin. Geschichte wurde auch in der DDR wiederentdeckt und insbesondere die preußische Vergangenheit sollte dazu dienen, ein DDR-Nationalbewusstsein zu generieren. In der Bundesrepublik finden sich nach Kretschmann ähnliche Tendenzen einer kollektiven Identitätsbildung durch den von Dolf Sternberger beschriebenen „Verfassungspatriotismus“. Trotz dieser unterschiedlichen Identitätskonstruktionen erkennt der Autor für dieses letzte Jahrzehnt der Teilung erste Annäherungen der deutsch-deutschen Kultur. Doch trotz dieser neuen Möglichkeiten blieb in der DDR das Verhältnis von Künstlern und SED weiterhin schwierig. In seinem folgenden Ausblick auf die Situation nach der Wiedervereinigung attestiert er Deutschland ein geglücktes Zusammenwachsen der kulturellen Institutionen. Die gefühlsmäßige Distanz zu überwinden, sei hingegen weitaus schwieriger.

Ein wundervoll kurzweiliges Sachbuch, das viele Einblicke in unterschiedlichste Kulturbereiche der deutschen Nachkriegsgeschichte gibt und Lust auf eine genauere Auseinandersetzung mit Einzelthemen macht. Tatsächlich bleibt Kretschmanns Monographie eine Aufzählung vieler Einzelbeispiele, die er versucht in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen. Jedoch bleiben dabei viele Aspekte ungesagt oder zu oberflächlich behandelt. Dies mag aber der Länge des Buches von nur 170 Textseiten geschuldet sein, in denen Kretschmann unterschiedlichste Aspekte des Kulturbegriffs beleuchtet, die für ein mehrbändiges Werk prädestiniert wären. Als Appetizer zur Auseinandersetzung mit der deutschen Nachkriegskultur uneingeschränkt zu empfehlen, auch deshalb, da es auf eine allzu verwissenschaftlichte Sprache verzichtet.

 

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