Das "Kaufhaus Jonaß" in der Torstraße in Berlin

Zwiegespaltene Autorinnen, SED-Zentralen, Bauchschmerzen und luxuriöse Privatclubs

Ein Blog, das ist meist etwas Persönliches. Daher möchte ich Sie heute an meiner zwiespältigen Sicht auf die Eröffnung des Soho House Berlin teilhaben lassen.
von Melanie Alperstaedt (29.04.2010)

Ein Blog, das ist meist etwas Persönliches. Daher möchte ich Sie heute an meiner zwiespältigen Sicht auf die Eröffnung des Soho House Berlin teilhaben lassen.

Grund meines, nennen wir es einfach "Unbehagens", ist das Gebäude, in welchem der exklusive Soho House Club (inklusive eines Hotels) in Berlin im Mai eröffnet wird. Es handelt sich dabei um das Kaufhaus Jonaß, welches eine lange und wechselhafte Geschichte besitzt. Als Kaufhaus 1928/1929 mit 15.000 m² konzipiert, wurden in Zeiten des Nationalsozialismus die jüdischen Besitzer verdrängt und das Kaufhaus letztendlich aufgelöst und an die NSDAP verkauft. Diese nutze es als Verwaltungsgebäude der Reichsjugendführung. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde das Gebäude verstaatlicht und 1946 Sitz des Zentralkomitees der SED. Der DDR-Präsident Wilhelm Pieck und sein Ministerpräsident Otto Grotewohl hatten im Gebäude ihre Arbeitsräume. Von 1956 bis 1990 war dann das "Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED" ebenfalls im Hause ansässig.

Nach der Wende wurden die Institutionen aufgelößt und sämtliche Dokumente in das Bundesarchiv überführt. 1996 ging das Gebäude wieder in den Besitz der rechtmäßigen jüdischen Erbengemeinschaft über, stand jedoch schon seit 1995 leer. Keiner der aus Berlin stammenden Pläne konnte realisiert werden, weshalb das Gebäude weltweit zum Verkauf angeboten wurde. Dann erwarb die deutsch-britische Investorengruppe Cresco Capital das Haus für insgesamt 9 Millionen Euro. Seitdem wurde es denkmalgerecht umgebaut und mit 30 Millionen Euro entstand das luxuriöse Soho House Berlin.

Zunächst muss ich anmerken: Historisches, wie z.B. das Arbeitszimmer von Wilhelm Pieck, bleibt erhalten. Weiterhin steht das Gebäude unter Denkmalschutz und es gibt eine gläserne Stele mit Texten und Fotos. Das ist es nicht, was mir "Bauchschmerzen" macht. Es ist die Vorstellung, dass in einem Gebäude, in dem die Verwalter von unterschiedlichen Diktaturen saßen, in einigen Tagen eine exklusive Auswahl von Menschen auf luxuriöse Art und Weise ihre Freizeit genießt. Muss Luxus an geschichtsträchtigen und mit Diktaturen in Verbindung stehenden Orten gelebt werden? Ich empfinde dies als unpassend.

Auf der anderen Seite jedoch: Das Gebäude stand lange leer, andere Pläne zur Verwendung scheiterten. Die Erbengemeinschaft entschied sich für den Verkauf und wird sicherlich ebenfalls zufrieden sein. Das Gebäude ist denkmalgeschützt und wichtige historische "Zeitzeugen" bleiben erhalten und machen auf die Geschichte des Hauses aufmerksam. Wahrscheinlich macht das Soho House die Stadt Berlin sogar ein bisschen attraktiver und für jeden Geschmack sollte es unterschiedliche Freizeitgestaltungen geben. Vermutlich sind eine Menge Menschen sehr zufrieden mit dieser Lösung.

Leider ändert das nichts an meinem unguten Gefühl. Ich weiß: Wer kritisiert, der sollte Alternativen haben. Mehr als ein "So gefällt mir das nicht" habe ich leider nicht zu bieten. Aber vielleicht ist das manchmal so bei Kompromissen, welche auch die Betreiber vom Berlin Soho House ja durch den bewussten Erhalt des Historischen eingegangen sind. Meine Kritik steckt mit Widerhaken jedoch in der Verbindung von (tragischer) Geschichte und gleichzeitiger luxuriöser und unbekümmerter Freizeitgestaltung am selben Ort: Für mich passt das nicht zusammen.

Wer sich selbst einen Eindruck machen möchte, findet heute Artikel in der Berliner Morgenpost und in der Berliner Zeitung. Informationen über die Geschichte des Gebäudes finden Sie z.B. auf Wikipedia.

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