Wende-Tage-Buch

von Admin (25.03.2014)

Heute möchte ich Ihnen einen Neuzugang in unserer Präsenzbibliothek vorstellen, der es mir persönlich sehr angetan hat. Als ich das Buch das erste Mal durchgesehen habe, bekam ich Gänsehaut – was bei mir durchaus nicht häufig vorkommt. Daher freue ich mich auch ganz besonders, dass das Werk ab morgen in unserem Shop vor Ort im DDR Museum zu kaufen sein wird.

 

Die Rede ist von dem Bildband „Wende-Tage-Buch – Ein Tagebuch von der Wende bis zur Einheit“ mit Fotos und Texten von Martin Naumann, welcher die „Wendezeit“ in Leipzig vom 07. September 1989 bis zum 03. Oktober 1990 noch einmal lebendig werden lässt. Das Besondere: Dem Buch liegen echte Tagebuchaufzeichnungen und Fotos zugrunde, die unmittelbar in den Tagen der Wende entstanden sind.

 

Martin Naumann war zu der Zeit Fotoreporter der Leipziger Volkszeitung, damals Organ der Bezirksleitung der SED, und hatte bis dahin „treu und brav, wenn auch nicht völlig widerspruchslos, alles fotografiert, was [sein] Auftraggeber im Bild festgehalten wissen wollte: die heile Welt des Sozialismus, Erfolge, Planerfüllung, Heldenverehrung. Kein Foto durfte etwas sichtbar machen, das als Kritik aufgefasst werden konnte.“ (vgl. Vorwort). Von den Montagsdemonstrationen sollten die Fotografen zwar "offizielle Bilder" besorgen, aber auftragsgemäß eben nicht von einer friedlichen und erfolgreichen Demonstration, sondern von der "Niederschlagung der Konterrevolution", wie es im Jargon der Auftraggeber hieß. Naumann dagegen mischte sich, nicht mit seinem Presseausweis, sondern nur mit seiner Kamera bewaffnet, unter die Massen. Dabei sind ihm wirklich einzigartige, ehrliche und authentische Aufnahmen gelungen.

 

Naumann schildert in seinen Tagebuchnotizen auch, wie die Staatssicherheit sich noch bis zum Beginn des Jahres 1990 bemühte, an seine Aufnahmen zu kommen. Selbst dann noch, als die Zentrale der MfS-Bezirksleitung in der "Runden Ecke" längst besetzt war. Und wieder war Naumann der einzige Leipziger Fotograf, der dabei war und die überrumpelte MfS-Leitung fotografierte - an einem Tisch mit den Bürgerrechtlern, die an diesem Tag das Haus in ihre Verantwortung nahmen.

 

Meines Erachtens ist das Wende-Tage-Buch ein einmaliges Werk, das die Gefühle und Stimmungen dieser entscheidenden Wendezeit sehr fühlbar macht und den Betrachter die einmalige Situation eindrucksvoll nachempfinden lässt. Seine Bilder gehen unter die Haut. Der Betrachter fühlt sich in die Ereignisse zurückversetzt und kann in Kombination mit den Tagebucheinträgen die Atmosphäre nahezu ‚nacherleben‘.

 

Hier ein Beispiel aus dem Tagebucheintrag zum 9. Oktober 1989:

[…] Inzwischen ist es kurz nach halb sieben, da kommt große Bewegung in die Menge. Ein lebender Strom schiebt sich durch die Massen in Richtung Karl-Marx-Platz. Mit brennenden Kerzen sind die Menschen aus der Kirche gekommen und führen nun den sich formierenden Demonstrationszug an. Es ist kein Transparent zu sehen. Dafür schwillt ein Ruf gewaltig an: „Wir sind das Volk.“ Es ertönen Sprechchöre: „Liberty“ und „Neues Forum zulassen“ und natürlich „Gorbi, Gorbi“, der zu einer neuen Hoffnungsfigur geworden ist, ähnlich wie Christus oder Barbossa. Lautstark fordern die Demonstranten „Schließt euch an! Schließt euch an!“ Von beiden Seiten des Platzes strömen die Massen hinzu, verschmelzen mit dem Zug, der in Richtung Georgring schwenkt.

 

Das „Wende-Tage-Buch“ ist 2008 im Leipziger „Militzke Verlag“ erschienen, hat die ISBN 978-3-86189-812-2, kostet 15,00 € und ist meiner Meinung nach jeden Cent wert. Ab morgen ist es auch in unserem Museumsshop vor Ort für Sie erhältlich.

 

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