Veranstaltung

Wege durch die Mauer – Fluchthilfe und Stasi zwischen Ost und West

Am Dienstag Abend durften wir den Autor des Buches „Wege durch die Mauer", Hr. Dr. Burkhart Veigel, im Besucherzentrum des DDR Museum begrüßen.
von Admin (10.05.2012)

Am Dienstag Abend durften wir den Autor des Buches „Wege durch die Mauer", Hr. Dr. Burkhart Veigel, im Besucherzentrum des DDR Museum begrüßen.

In einer spannenden und aufschlussreichen Erzählung berichtetet der Urschwabe von seinen Erlebnissen als Fluchthelfer und erläuterte die Beweggründe für das Entstehen des Buches.

Er selbst beschreibt sich als „heißblütigen Historiker" der als Zeitzeuge nicht nur die Befähigung hat, Geschehnisse bis auf die Minute genau zu rekonstruieren, sondern auch emotionale Aspekte einfließen lässt. Ihm komme es dabei nicht darauf an, möglichst viel zu sagen - das Wesentliche stehe bei ihm im Vordergrund.
Durch die Erstellung des Werkes „Wege durch die Mauer" und die damit verbundene Aufarbeitung der Ereignisse und eigenen Erlebnisse, hat Dr. Veigel teilweise erst sich selbst und andere Dinge verstanden, wie z.B. bestimmte politische Vorgänge und Zusammenhänge.
Der Mediziner, in seiner Arbeit unterstützt von einem freiberuflichen Historiker, hat 100 Interviews mit ehemaligem Flüchtlingen und Fluchthelfern geführt und immens viele Stasi-Akten gesichtet.

Als junger Student wurde er zum „Mitmachen" von einem Studienkollegen animiert. Als Westdeutscher durfte er in die DDR einreisen - eine wichtige Grundvoraussetzung die ihn dazu prädestinierte, Studierende im Osten anzusprechen und sie zu informieren, dass die Flucht möglich ist.

Die ersten Unternehmungen der Fluchthilfe erfolgte über die Bearbeitung von Auslandspässen und deren Weitergabe an DDR-Bürger, die mit diesen ausreisen konnten.
Um Passfälschungen aufzudecken und Flüchtlinge zu erwischen, haben sich die Grenzkontrolleure einige Tricks einfallen lassen, z.B. wurden Striche hinter die Passbilder gezeichnet um zu kontrollieren, ob der jeweilige Pass bereits verwendet wurde. Die Fluchthelfer waren dadurch ständig gezwungen, die Tricks der Grenzkontrolleure zu kennen und ihnen einen Schritt voraus zu sein.
Ca. 10.000 erfolgreiche Fluchten aus der DDR kann Dr. Veigel aus heutiger Sicht verbuchen, die mit der Hilfe von ausländischen oder gefälschten Pässen durchgeführt wurden.
Im Laufe der Zeit hatte er ein weites und professionelles Fluchthelfer-Netzwerk errichtet, das aus Tausenden bestand und vielen DDR Bürgern die Flucht „in die Freiheit" ermöglichte.
Als Grund für dieses Engagement gibt der Autor und Zeitzeuge Idealismus an. Dieser Idealismus bestand jedoch nicht darin, der DDR zu schaden, sondern Menschen zu helfen.

Nach Einführung des Passierscheinabkommens im Jahr 1963 waren die Fluchthelfer gezwungen, neue Methoden und Alternativen für die Ausreise von DDR Bürgern zu entwickeln. Viele Fluchtvorhaben wurden über Skandinavien durchgeführt.
Auch der Transport von Menschen in umgebauten Fahrzeugen, beispielweise im Armaturenbrett eines Cadillacs, wurde eine gängige Methode um DDR-Bürger aus dem Land zu bringen. Nach 6 bis 10 durchgeführten Fluchten musste das Fahrzeug umgebaut werden, um das Risiko einer Wiedererkennung zu minimieren.

Der Aufwand für die Organisation und Durchführung dieser Fluchten war mit hohen finanzielle Aufwendungen verbunden. Für den Autor bedeutete dies, dass er sich selbst verschuldete (als Student mit umgerechnet ca. 200.000€) und konfronriert wurde mit rechtlichen Auseinandersetzungen über die Finanzierung der Vorhaben.

Während der fesselnden Berichterstattung von Hr. Dr. Veigel wurde dem Publikum verdeutlicht, in welch bedrückende, gefährliche und paranoide Situationen er sich damals begeben und welch allumfassendes persönliches Engagement die Fluchthilfe von ihm gefordert hat. Zwar gab er an, nebenbei sein Studium durchgeführt und außerordentlich gut abgeschlossen zu haben, dennoch machten seine Schilderungen klar, wie viel die Tätigkeit als Fluchthelfer von ihm abgefordert hat: Absolute Verschwiegenheit, ständige Skepsis und Angst um das eigene Leben und das der Familie.

Die Stasi wusste, dass es einen Fluchthelferring gab und das Burkhart Veigel zu ihm gehörte. Wie seine Stasi-Akten jedoch belegen, war der Geheimdienst zu schlecht vernetzt, um Details über ihn in Erfahrung zu bringen oder ihn festzunehmen.
Um die Reputation der DDR zu verbessern, sollte der Fluchthelfer zweimal entführt werden, konnte sich dem jedoch durch vorzeitige Kenntnis entziehen.
Ausgehend von dieser Gefahr für Leib und Leben sowie durch Bitten seiner Frau beendete Dr. Veigel Anfang der 70er Jahre seine Tätigkeit als Fluchhelfer - eine Entscheidung die ihm sehr schwer viel.

Mit dem Buch „Wege durch die Mauer" möchte der Autor den Opfern ein Stück ihres Lebens zurückgeben. Im Gespräch mit dem Publikum und auf die Frage nach Vergebung und Versöhnung verwies der Autor auf christliche Grundsätze, die er als Leitbild ansieht:
1. Der Täter muss erkennen, dass er etwas falsch gemacht hat.
2. Der Täter muss bekennen, dass er etwas falsch gemacht hat.
3. Der Täter muss täglich Reue zeigen.
4. Dem Täter wird vergeben/ bittet um Vergebung.

Lt. Aussage des Autors sei die Gesellschaft an der Grenze ihres Diskurses angekommen. Im Gespräch erläuterte Herr Veigel: „Es ist so vielen Menschen in der DDR ein Unrecht geschehen, deshalb darf eine politische Aufarbeitung des Themas nicht beendet werden." Da seitens der Täter jedoch kein Diskurs stattfindet, ist eine Aufarbeitung jedoch sehr schwierig und eine Versöhnung/ Vergebung kaum möglich.
Hierbei verwies er auf Institutionen wie die Kirche, deren Mitarbeiter zwar eine Versöhnung anregten, sich jedoch nicht einmal mit ihren eigenen Stasi-Akten beschäftigen würden.

Besonders spannend war der Austausch des Zeitzeugen mit dem Publikum. Es meldeten sich verschiedene Personen zu Wort, die damals als Flüchtling die DDR verlassen haben oder sich ebenfalls als Fluchthelfer eingesetzt haben.

Ein Gast, der sich als ehemaliger Fluchthelfer vorstellte beschrieb seine Beweggründe wie folgt:
„Der antreibende Idealismus ergab sich aus der abgrundtiefen Empörung über den Bau der Berliner Mauer!" Die Westberliner- und Westdeutsche Bevölkerung habe sich damals derart „Fremdempört" (vgl. Fremdschämen), dass sie sich verantwortlich fühlten zu helfen und zu handeln.

Die Lesung mit Dr. Veigel zu seinem Buch „Wege durch die Mauer" war eine bereichernde und interessante Begebenheit, die Eines ganz besonders deutlich machte:

Fluchtgeschichten sind immer auch Lebensgeschichten und Schicksale. Diese Lebenswege, vom Autor minutiös studiert um herauszufinden, mit wem er es zu tun hat und ob jmd. ein Spitzel ist, sind die Grundlage dieses Andenkens.

Die ständige Bespitzelung führte zu einer extremen Verunsicherung und die davon geprägte Atmosphäre war damals eine völlig andere, als sie es heute ist.
Wer einen Einblick in diese Atmosphäre erhalten und sich mit dem spannendem Thema „Fluchthilfe und Stasi zwischen Ost und West" beschäftigen möchte, dem sei das Buch von Burkhard Veigel wärmstens empfohlen.

Wir bedanken uns bei dem Autor für die gelungene Veranstaltung und freuen uns auf die nächste Veranstaltung am 22. Mai 2012 mit dem Thema „Außer Kontrolle - Eine alternative Kunstgalerie im Prenzlauer Berg".





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