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Was wir wollten – was wir sind: Der SDP-Mitbegründer Steffen Reiche im Gespräch

Gestern begrüßte das DDR Museum Herrn Steffen Reiche im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Was wir wollten – was wir sind“. In dieser Reihe stellt der Historiker und ehemalige SFB-Reporter Christian Booß Persönlichkeiten vor, die während der Wendezeit eine entscheidende Rolle spielten. Sein gestriger Gesprächspartner Steffen Reiche war 1989 einer der Mitbegründer der Sozialdemokratischen Partei der DDR (SDP).
von Maria Bartholomäus (23.01.2016)

Gestern begrüßte das DDR Museum Herrn Steffen Reiche im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Was wir wollten – was wir sind“. In dieser Reihe stellt der Historiker und ehemalige SFB-Reporter Christian Booß Persönlichkeiten vor, die während der Wendezeit eine entscheidende Rolle spielten. Sein gestriger Gesprächspartner Steffen Reiche war 1989 einer der Mitbegründer der Sozialdemokratischen Partei der DDR (SDP) und setzte seine politische Karriere auch lange nach der deutschen Wiedervereinigung in der SPD fort.

Christian Booß wählte zu Beginn der Veranstaltung eine sehr interessante Art, sein Gegenüber vorzustellen. Er fragte Herrn Reiche nach seiner Tätigkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt, allerdings zeitlich rückwärts betrachtet. So beschäftigt sich Reiche, Jahrgang 1960, neben seiner Tätigkeit als Pfarrer aktuell mit der Arbeit an einem autobiographischen Essay. Vor fünf Jahren unternahm er eine mehrmonatige Weltreise, die ihn sowohl „beeindruckt als auch enttäuscht“ hat. Vor fünfzehn Jahren, im Jahr 2001, war Steffen Reiche Minister für Bildung, Jugend und Sport in Brandenburg, wobei für ihn der Umgang mit den verordneten Sparmaßnahmen eine große Herausforderung darstellte. Als eindeutig positiv an diesem Lebensabschnitt jedoch beschrieb er die Möglichkeit zur freien Gestaltung der eigenen Arbeit, die durch die Kulturhoheit der Länder möglich ist. Im Jahr 1991, also vor knapp fünfundzwanzig Jahren, war der studierte Theologe im Rahmen seines Amts als Landesvorsitzender der SDP an der Konstituierung der Landesregierung beteiligt. Die 1989 gegründete SDP ging nach der Wende in der SPD auf. Herr Booß endete diese ungewöhnliche Vorstellung mit der Frage nach dem Jahr 1986, in dem Herr Reiche sein Theologie-Studium in Berlin für eine Ausbildung zum Tischler unterbrach.

Im Anschluss gingen beide Gesprächspartner auf Steffen Reiches Beteiligung an der Gründung der PDS ein. Eine Art „Augenöffner“ bedeutete für den damals 26-Jährigen ein Besuch bei Verwandten in Westdeutschland. Während seines Aufenthalts war er tief beeindruckt von der „wahrhaftigen Freiheit“, die ihm in der Bundesrepublik Deutschland begegnete. Er nahm die BRD als einen Rechtsstaat wahr, den er sich zum Vorbild nahm und der ihm vertrauter erschien, als es die DDR je für den gebürtigen Ostdeutschen war. Ebenso fühlte er sich mit der Sozialdemokratie Willy Brandts stark verbunden. Nach seiner Rückkehr nach Ost-Berlin verspürte Reiche das starke Verlangen, den Umstand des „Gefängnisses für 17 Millionen“ systematisch zu ändern. Er wollte nicht mehr die vorgefertigte Rolle im „DDR-Staatszirkus“ spielen.

Inspiriert von seinen Eindrücken im „Freiheitsstaat BRD“ formulierte Reiche ein Parteiprogramm und trug es an verschiedene Kirchengemeinden heran, mit denen er aufgrund seines Theologiestudiums vernetzt war. Hier fand er auch schnell Mitstreiter für die Gründung seiner Partei. Er erklärte seine Motivation zur Gründung einer politischen Partei mit dem Argument, man hätte der DDR zum Republiksgeburtstag am 7. Oktober 1989 ein ganz besonderes Geschenk machen wollen, das dem Jubiläum würdig war. Diese wohl nicht ganz ernst gemeinte Aussage verdeutlicht Steffen Reiches gewissen Humor, der zu solch einer provokanten Aktion wie einer Parteigründung mit demokratischer Ausrichtung Ende der 1980er in der sozialistischen DDR darstellte. Die Grundmotivation zur Gründung der PDS war jedoch der starke Drang, eine Demokratie in der DDR zu erwirken. Reiche sprach auch über seine Inspiration durch Künstler wie Joseph Beuys, Kurt Tucholsky und amerikanische Politiker wie Dr. Martin Luther King und John F. Kennedy.

Die beiden Gesprächspartner schwenkten anschließend auf Steffen Reiches politische Karriere nach der deutschen Wiedervereinigung über. Der Sozialdemokrat berichtete von spannenden Erlebnissen aus der Anfangszeit der SPD. Ebenso würdigte er Helmut Kohls Gespür für den richtigen Zeitpunkt zum Anstoß der Wiedervereinigung. Er verdeutlichte ebenfalls den Einfluss paralleler internationaler Entwicklungen wie die Perestroika und Glasnost Bewegungen in der Sowjetunion, die ebenfalls begünstigend für die deutsche Wiedervereinigung wirkten und auch im Zusammenhang mit der politischen Revolutionskraft der gerade entstehenden PDS.

Nach seiner Zeit als Mitglied des Deutschen Bundestags von 2005 bis 2009 ist Steffen Reiche heute wieder als Pfarrer im Berliner Ortsteil Nikolassee tätig. Auf der Kanzel versucht er, Dinge für die Menschen, die zuhören, einzuordnen und ihnen somit das Verstehen zu erleichtern. Ein politisches Comeback ist jedoch nicht zu erwarten, da Reiche sich jetzt dort, wo er steht, „angekommen fühlt“. Dieses Gefühl merkt man ihm trotz aller Begeisterung und Engagement für die Politik deutlich an.

Wer Interesse an den Inhalten von Reiches Predigten hat, kann sich in einen Kreisverteiler aufnehmen lassen und bekommt diese dann regelmäßig per Mail zugestellt.

 

 

 


 

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