Veranstaltung

Wahlparty ohne Wahlen

Die Diskussion am gestrigen Abend wurde sehr schnell sehr spannend und das nicht nur auf dem Podium. Das Publikum war offenkundig sehr interessiert an der Thematik und beteiligte sich fast von Beginn an ausgesprochen rege an der Unterhaltung. von Melanie Alperstaedt (07.05.2014)

Sind Sie unzufrieden mit der Politik in Deutschland? Finden Sie vielleicht das Wahlprogramm der einen Partei nicht in Ordnung oder ist Ihnen der Kandidat einer anderen Partei nicht sympathisch? Haben Sie schon einmal gedacht: „Das nächste Mal wähle ich anders“? Logisch, von heut auf morgen kann sich die Welt nicht ändern, wenn wir unsere Kreuze anders setzen. Doch immerhin können wir das tun. Wir haben die Wahl.

Vor gerade mal 25 Jahren hatte die Hälfte Deutschlands gar keine freie Wahl. Die Wahlergebnisse standen schon vor dem Wahltag fest und das in einem Land, das die meisten nicht mal verlassen durften.

„Wahlen in der DDR schonten Herz und Nerven.“ Richtig, keine Hochrechnungen, keine Zitterpartien, kein Koalitionsgerangel. Alles stand vorher fest in diesem Land, in dem der alleinige Machtanspruch, die „führende Rolle“ einer einzigen Partei in der Verfassung festgeschrieben war. So natürlich auch die Wahlergebnisse. So etwas nennt man Diktatur. Bewusst war es vielen. Bewiesen wurde es lange nicht. Doch im Jahre 1989 änderte sich erst vieles, dann alles. „Es war einfach Zeit für Demokratie“, sagte Mario Schatta, einer der geladenen Zeitzeugen unserer gestrigen Veranstaltung sehr feierlich und sehr treffend.

Dieses Mal hatte unser wissenschaftlicher Leiter Stefan Wolle, zugleich Zeitzeuge und damals aktiv engagiert, drei Gäste zu einer Gesprächsrunde geladen: Hartmut Lettow (Archäologe), Hannelore Sigbjoernsen (Journalistin) und Mario Schatta (Psychotherapeut). Diese drei, die schon anhand der verschiedenen Berufsfelder einen gewissen Querschnitt symbolisieren, waren Zeugen und aktiv beteiligt, als am 7. Mai 1989 die Wahlfälschung entlarvt wurde. Mario Schatta beispielsweise hat die Wahlbeobachtung im Berliner Bezirk Weißensee mitorganisiert. Wahlbeobachtung, also das Verfolgen der Auszählung der Stimmen nach Wahlschluss, war und ist juristisch erlaubt. Er erzählte, wie er und zahllose Helfer im Vorfeld zunächst die Straßen abgefahren sind, um die Standorte der Wahllokale überhaupt in Erfahrung zu bringen, denn diese mussten ja zwei Tage vor der Wahl gekennzeichnet werden. Und schmunzelte, als er sich erinnert, dass ausgerechnet ein befreundeter Stasi-Mitarbeiter die Zahlen schließlich zusammenrechnete, die letztlich den Wahlbetrug bewiesen. Heutzutage findet er es „geil zu wählen. Einfach, weil ich’s kann“. Bis heute ist er politisch und bezirklich sehr engagiert.

Hannelore Sigbjoernsen dagegen, 1989 Wahlhelferin, erzählte von ihrer Befremdung, als sie angewiesen wurde, jeden Bürger der eine Wahlkabine benutzte auf der Wählerliste zu markieren. Und dass sie es dann im Jahre 1990 nicht über’s Herz brachte, dieses Wahllokal zu betreten, denn „da saßen genau die gleichen Leute an den Tischen der Wahlhelfer wie vorher!“

Die Diskussion am gestrigen Abend wurde sehr schnell sehr spannend und das nicht nur auf dem Podium. Das Publikum war offenkundig sehr interessiert an der Thematik und beteiligte sich fast von Beginn an ausgesprochen rege an der Unterhaltung. Und hier war besonders der sehr rasch zutage tretende ‚internationale‘ Aspekt bemerkenswert, denn die aktivsten Diskussionsteilnehmer waren nicht nur Deutsche. Eine sehr interessierte Schweizerin beispielsweise fragte zunächst irritiert, was gefälscht wurde, die Wahlbeteiligung oder das Ergebnis. „Beides. Alles.“ kam Unisono von Podium und Publikum die Antwort, was bei ihr sichtlich Fassungslosigkeit hervorrief. Auch ein holländischer Gast meldete sich häufig zu Wort und echauffierte sich zum Ende, warum dieser Wahlbetrug und andere Verbrechen später im wiedervereinigten Deutschland nicht härter bestraft wurden. Ein Westdeutscher Gast erzählte von seinen Erinnerungen und Erfahrungen zu diesen Zeiten. Kurzum: Aus der Podiumsdiskussion wurde schnell eine raumübergreifende Unterhaltung, intensiv und lebhaft, lehrreich und ausgesprochen vielfältig in seinen Facetten. Wer das nicht erlebt hat, hat wirklich etwas verpasst!

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