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Vor dem Aufbruch. 1988 als vergessenes Jahr

Alexander Kraus/Christoph Lorke: Vor dem Aufbruch. 1988 als vergessenes Jahr, in: APuZ 2014, 03.06.2014, http://www.bpb.de/apuz/185604/vor-dem-aufbruch-1988-als-vergessenes-jahr, abgerufen am 09.12.2015.
von Elke Sieber (10.12.2015)

Alexander Kraus/Christoph Lorke: Vor dem Aufbruch. 1988 als vergessenes Jahr, in: APuZ 2014, 03.06.2014, http://www.bpb.de/apuz/185604/vor-dem-aufbruch-1988-als-vergessenes-jahr, abgerufen am 09.12.2015.

Kraus und Lorke waren zur Zeit dieses Aufsatzes beide als wissenschaftliche Mitarbeiter am Historischen Seminar der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster tätig. Kraus ist heute Lehrbeauftragter an der Universität Gießen zum Themenkomplex Fachjournalistik Geschichte. Lorke hingegen ist momentan Gastdozent an der Universität Plovdiv Paissi Hilendarski.

Die beiden Autoren widmen sich in ihrem Aufsatz dem Jahre 1988 in der deutschen Geschichte, welches nach der Revolution 1989 in der Geschichtswissenschaft ein Schattendasein führt. Eine Betrachtung von 1988 würde, wenn überhaupt thematisiert, dem Narrativ der Umwälzungen von 1989 folgen und somit würden seine historischen Gegebenheiten vom Ende her betrachtet.

Aus diesem Grund versuchen die Autoren eine andere Perspektive einzunehmen und Besonderheiten wie Wechselwirkungen der Lage beider deutscher Staaten herauszuarbeiten. So wird ihrer Meinung nach die Erzählung von der DDR als hoffnungslose Alternative zur Bundesrepublik zu einer Erzählung über die relative Stabilisierung der Beziehungen beider deutscher Staaten zueinander. Dabei wechseln sie den theoretischen Ansatz: Für 1988 nehmen sie nicht die „Großen der Geschichte“ in den Blick, sondern wollen sich neben den „Glanzpunkten“ auf Alltagsphänomene beziehen.

Zuerst beschäftigen sie sich mit der Akzeptanz des Status Quo der Doppelstaatlichkeit. 1988 veröffentlicht der Historiker Kleßmann die Publikation „Zwei Staaten, eine Nation. Deutsche Geschichte 1955–1970“. Das Vorwort des Buches gibt Aufschluss über die Denkweise der Menschen in beiden deutschen Staaten: es spricht die Entwicklung eigener Identitäten und das Auseinanderdriften der deutschen Staaten und ihre künftige Beziehung zueinander an. Mit der Teilung hatten sich die Deutschen abgefunden. Davon zeugen auch weitere Veröffentlichungen von 1988 sowie insbesondere Honeckers Staatsbesuch in Bonn und die Verständigung auf 18 innerdeutsche Städtepartnerschaften oder den Gebietsaustausch an der Berliner Mauer im selben Jahr. Darüber hinaus galt die DDR als einer der stabilsten Staaten des Ostblocks.

Der 9. November kam in diesem Zusammenhang auch für Historiker mehr als überraschend. Man begann sofort Erklärungen zu suchen und arbeitete Prozesse der Abgrenzung und Verflechtung heraus. Auch der Zeithistoriker Jarausch setzte sich dafür ein, die 80er Jahre nicht vom Ende der DDR her zu betrachten, sondern die offene Konstellation „zwischen endgültiger Verfestigung und schleichender Überwindung der Zweistaatlichkeit“ zu berücksichtigen. Es begann in der Geschichtswissenschaft eine Aufarbeitung sozial-, kultur- und alltagsgeschichtlicher Phänomene und des Blickes auf das Gegenüber. Ereignisse, die weitreichende Veränderungen nach sich zogen oder auf den Fluchtpunkt 1989 zuliefen, waren hier weniger von Bedeutung als die Idee, eine synchrone Teilungsgeschichte zu erzählen. Deren Narrativ sollte nicht von vornherein eine Zwangsläufigkeit von 1989 suggerieren.

Man sollte jedoch nicht außer Acht lassen, dass sich in vielerlei Hinsicht 1988 bereits die Situation zuspitzte: in Ungarn gab es erste Lockerungen, in Polen saß man am „Runden Tisch“, der Vertrauensschwund gegenüber der SED manifestierte sich in der höchsten Zahl an Ausreiseanträgen, die die DDR jemals entgegennahm, und es formierte sich die Friedensbewegung und kirchliche Gruppen.

Doch auch die Bundesrepublik befand sich 1988 in einer Umwälzungsphase: verstärkte Individualisierung, Wandel der Geschlechterverhältnisse, Internationalisierung, Massenmedialisierung und beginnende Digitalisierung sowie das Ende eines Wirtschaftsboomes verschoben die Problemlagen und ließen bei Westdeutschen die DDR teilweise aus dem Blickfeld rücken. Schaut man jedoch auf die Rezeption von Literatur, Musik und Film und Fernsehen wird schnell klar, dass eine Verflechtung der beiden deutschen Staaten auch in dieser Zeit nicht von der Hand zu weisen ist, sondern vielmehr ein gemeinsamer Erfahrungsraum zumindest partiell bestanden hat.

In der Politik ging man hingegen eigene Wege. Die Wiedervereinigung wurde nun auch in der Bundesrepublik ad acta gelegt, bestehende Kontakte sollten allerdings vertieft werden. Auch in der Außenpolitik verfolgte man hinsichtlich der Politik gegenüber Palästina und Israel unterschiedliche Ansichten. Trotz des Affronts einer Anerkennung der Staatlichkeit Palästinas, machte auch die DDR deutlich, dass mit der faschistischen Vergangenheit verantwortungsvoll umgegangen wird. So fanden auch in der DDR Gedenkveranstaltungen zum 50. Jahr der Reichspogromnacht statt und die Bereitschaft zur Entschädigung der an den Juden begangenen NS-Verbrechen wurde geäußert. Über die vermehrten rechtsextremistischen Tendenzen in der DDR kann dies jedoch nicht hinwegtäuschen.

Der Aufsatz leistet meiner Meinung nach einen wichtigen Beitrag, um Wechselbeziehungen und thematische Zusammenhänge der beiden deutschen Geschichten aufzuzeigen und gleichzeitig ihre Abgegrenztheit voneinander zu thematisieren. Zusammenfassend ein lehrreicher und lesenswerter Aufsatz über ein unterschätztes Jahr.

Bild: By Ken Mayer via flickr

 


 

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