“Vom Wesen der Behinderung zum eigenen Zwecke”: Jürgen Schweinebraden sprach gestern über DDR-Künstler und über die Kunstpolitik der DDR

Jürgen Schweinebraden Freiherr von Wichmann-Eichhorn war nicht das erste Mal bei uns zu Gast. Geboren in der DDR gründete er in der Berliner Dunckerstraße 1974 eine alternative Galerie, in der er über 70 Ausstellungen und gut 50 Konzerte organisierte. Er legte damit den Grundstein für die alternative Kunstszene der DDR und zeigte bewusst Kunst, die nicht der von der SED propagierten Kunstrichtungen entsprach. Dabei präsentierte er auch Kunst aus dem Westen und wurde seit 1979 mit mehreren Ordnungsstrafen belegt. 1980 verließ er die DDR und siedelte in die Bundesrepublik über. Seitdem arbeitete er in mehreren, angesehenen Kunstinstitutionen, wie der Nationalgalerie in Berlin und der documenta in Kassel, 1989 bis 1992 war er der Direktor des Hamburger Kunstvereins.
von Melanie Alperstaedt (10.04.2013)

Jürgen Schweinebraden Freiherr von Wichmann-Eichhorn war nicht das erste Mal bei uns zu Gast. Geboren in der DDR gründete er in der Berliner Dunckerstraße 1974 eine alternative Galerie, in der er über 70 Ausstellungen und gut 50 Konzerte organisierte. Er legte damit den Grundstein für die alternative Kunstszene der DDR und zeigte bewusst Kunst, die nicht der von der SED propagierten Kunstrichtungen entsprach. Dabei präsentierte er auch Kunst aus dem Westen und wurde seit 1979 mit mehreren Ordnungsstrafen belegt. 1980 verließ er die DDR und siedelte in die Bundesrepublik über. Seitdem arbeitete er in mehreren, angesehenen Kunstinstitutionen, wie der Nationalgalerie in Berlin und der documenta in Kassel, 1989 bis 1992 war er der Direktor des Hamburger Kunstvereins.


Ein spannendes Leben im Zeichen der Kunst, an dem uns Herr Schweinebraden schon öfter hat teilhaben lassen. An diesem Abend ging es jedoch weniger um ihn und sein Leben. Im Mittelpunkt stand die Kunstpolitik der DDR, der in der DDR geborene Künstler A.R. Penck sowie der DDR-Künstler und langjährige Präsident des Verbandes Bildender Künstler der DDR, Willi Sitte. Bei seinen Ausführungen stützte sich Herr Schweinebraden nicht nur auf seine eigenen Kenntnisse als Zeitzeuge, sondern berichtete anhand von Akten aus der Stasi-Unterlagen-Behörde von Auseinandersetzungen, Beschlagnahmungen und Schikanen in der Kunstszene der DDR.


Das Publikum war „hochkarätig besetzt", das merkte man an der anschließenden Diskussion. Es gab kaum Wissens-, sondern hauptsächlich Fachfragen. Kuratoren anderer Ausstellungen und Kunstinteressierte kamen ins Gespräch, dem aufgrund des Anspruchs nicht immer leicht zu folgen war. Mich persönlich interessierte besonders die Frage, ob und inwiefern man Kunstwerke frei von deren Entstehungsgeschichte oder ihrem politischen Kontext verstehen und ausstellen darf/kann/sollte. Verliert ein Kunstwerk diesen „Kontext" mit der Zeit? Kann Kunst von z.B. Stasimitarbeitern oder auch von hohen DDR-Funktionären, die das politische System stützten und von ihm profitierten, ohne Erklärungen der Hintergründe gezeigt werden?


Ich persönlich möchte Kunst nicht ohne ihren Kontext verstehen. Ob der Künstler dabei ein netter oder cholerischer Mensch war interessiert mich weniger. Was ich aber wissen möchte ist, ob er mit einer bestimmten politischen Einstellung von einem diktatorischen System profitiert hat. Wenn ich Kunst bewundere, wenn ich Künstler bewundere, möchte ich persönlich diesen Künstler einordnen können. Wird ein Künstler aus der DDR in eine Ausstellung über DDR-Kunst aufgenommen, wird er als bedeutend eingeschätzt. Ich möchte aber grundsätzlich wissen, wie er in einer Diktatur Bedeutung erlangte. Wurde er offiziell von Funktionären gefördert (und entsprach er den „politischen Anforderungen") oder litt er unter Repressalien und hatte seine Fangemeinde innerhalb der alternativen Kunstszene. Für mich macht das einen Unterschied, ob dies nun gegen meinen Kunstverstand spricht kann ich jedoch nicht beantworten. Wie auch, wenn man vielleicht eh keinen hat ;)

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