Veranstaltung

Verborgene Wunden, verletzte Seelen

Wenn von politischer Verfolgung und deren Wiedergutmachung die Rede ist, denkt man vor allem an körperliche Schäden. Von den seelischen Folgen, die oft über eine Generation hinaus reichen, ist noch viel zu wenig bekannt. Dies zu ändern ist eines der Anliegen des bei der Veranstaltung vorgestellten Sammelbandes.
von Admin (04.06.2015)

Wenn von politischer Verfolgung und deren Wiedergutmachung die Rede ist, denkt man vor allem an körperliche Schäden. Von den seelischen Folgen, die oft über eine Generation hinaus reichen, ist noch viel zu wenig bekannt. Dies zu ändern ist eines der Anliegen des vorliegenden Sammelbandes: Verborgene Wunden - Spätfolgen politischer Traumatisierung in der DDR und ihre transgenerationale Weitergabe. Die beiden Autoren Karl-Heinz Bomberg und Stefan Trobisch-Lütge hatten wir Dienstagabend zum Gespräch mit unserem wissenschaftlichen Leiter Stefan Wolle in unser Besucherzentrum geladen - und sie zogen derart viele Besucher an, dass auch der letzte Platz belegt war.

Karl-Heinz Bomberg, den wir nun schon zum dritten Mal zu einem sehr interessanten Abend begrüßen durften, ist seines Zeichens Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Anästhesie und Intensivmedizin – und Liedermacher. In der DDR aufgrund systemkritischer Liedtexte inhaftiert, beschäftigt er sich auch aufgrund der persönlichen Erfahrung schon lang mit Langzeitfolgen politischer Traumatisierung und Repression in der DDR.

Stefan Trobisch-Lütge ist Psychologischer Psychotherapeut, Psychoanalytiker und Traumatherapeut. Er ist in der BRD aufgewachsen und aus einem inneren Antrieb heraus interessiert daran, Traumatisierten nicht nur ein Zuhörer zu sein, sondern vor allem auch zu helfen. Gemeinsam mit dem Bürgerrechtler und Schriftsteller Jürgen Fuchs gründete er 1998 die "Beratungsstelle Gegenwind". Sie bietet psychosoziale und psychotherapeutische Hilfe für politisch Traumatisierte der SED-Diktatur in der DDR an. Nach Fuchs' Tod übernahm er deren Leitung.

Die beiden Psychotherapeuten haben in ihrer Praxis vielfältige Erfahrungen mit den Spätfolgen politischer Verfolgung gemacht. Unter ihrer Herausgeberschaft äußern sich in dem Sammelband namhafte Experten zur aktuellen Begutachtungspraxis sowie zur Behandlung psychischer Spätfolgen politischer Repression, die immer noch nicht in ausreichendem Maße anerkannt sind.

Der Dienstagabend nun widmete sich ganz diesem Thema. Nach der Begrüßung durch Stefan Wolle wurde zunächst auf die unterschiedliche Vita der beiden Therapeuten eingegangen und welche unterschiedlichen Perspektiven dies ermöglicht. Im Weiteren wurde darüber gesprochen, welche Spätfolgen sie besonders klar beobachten können und ob und inwieweit sich diese von denen anderer Traumata unterscheiden. So ist bei vielen politisch Traumatisierten ein starkes generelles Misstrauen zu beobachten, weiterhin oft sozialer Rückzug oder erhöhter Mitteilungsdrang, plötzliche und starke Affektdurchbrüche, selbst­zerstörerisches Verhalten und neben anderen physischen und psychischen Symptomen auch bspw. eine erhöhte Gefährdung von Suchterkrankungen.
Auch ein anderer wichtiger Punkt kam zur Sprache und wurde später auch durch Beiträge und Erfahrungsberichte einiger Zuschauer untermauert: Die transgenerationale Weitergabe der Traumata. So leidet unter den Traumata, bspw. einer Inhaftierung, eben nicht nur der verhaftete Elternteil, sondern auch das Kind, das Bezugspersonen verliert und/oder sozialer Abwertung ausgesetzt ist.

Auch über Behandlungsmethoden wurde gesprochen, und dabei – was ich als besonders positiv empfand – entspann sich ein richtiger Erfahrungsaustausch zwischen den Therapeuten und den Gästen des Abends. Verschiedene Therapieansätze aus aller Welt (z.B. Südafrika, USA) kamen zur Sprache und wurden beleuchtet, Erfahrungen und Kontakte ausgetauscht. Die zum Teil emotionalen Beiträge der Besucher im Wechselspiel mit gezielten Nachfragen nach den Meinungen der Therapeuten zu bestimmten Aspekten zeigten mehr als deutlich, welch unverändert reges Interesse und was für ein großer Gesprächsbedarf zum Thema besteht.

Liedermacher Bomberg intonierte den Abend zu Beginn, Mitte und Ende auch wieder mit seinen einzigartigen, authentischen Liedern. So ließ er die Besucher beispielsweise teilhaben an einem Stück, das er während seiner Stasi-Haftzeit anlässlich des ersten Besuches seiner Frau schrieb. Denn auch Musik ist eine Art Therapie und kann einen wichtigen Halt in bieten.

Hätte es die Uhr zugelassen, hätte der Abend und vor allem die Gesprächsrunde sicher noch Stunden weitergehen können. Doch selbst nach der Verabschiedung und dem offiziellen Ende der Veranstaltung blieben zahlreiche Gäste noch und tauschten sowohl untereinander als auch im Gespräch mit den Therapeuten Erfahrungen und Denkanstöße aus. Auch die Möglichkeit, den Band "Verborgene Wunden" sowie Bombergs CD "Seitdem klingt durch die Nacht ein Ton" zu erwerben und signieren zu lassen, wurde rege genutzt. Trotz oder womöglich gerade wegen des schmerzlichen und sensiblen Themas war es ein extrem interessanter und lehrreicher Abend für alle Beteiligten.

Einen herzlichen Dank an Dr. Karl-Heinz Bomberg und Dr. Stefan Trobisch-Lütge dafür, dass Sie Ihre Erfahrungen und Erkenntnisse mit uns geteilt haben.

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