Veranstaltung

„Sozialistische Jugendpolitik“

Gestern Abend durften wir den Landesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit der ehemaligen DDR in Kooperation mit der Robert-Havemann-Gesellschaft zu einer gemeinsamen Veranstaltung begrüßen. Zum Thema „sozialistische Jugendpolitik“ diskutierten Hans Modrow, Frank Ebert, Heiko Lietz und Dr. Marc-Dietrich Ohse mit Rudi Pahnke vor einem prall gefüllten Besucherzentrum des DDR Museum.
von Elke Sieber (27.10.2016)

Gestern Abend durften wir den Landesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit der ehemaligen DDR in Kooperation mit der Robert-Havemann-Gesellschaft zu einer gemeinsamen Veranstaltung begrüßen. Zum Thema „sozialistische Jugendpolitik“ diskutierten Hans Modrow, Frank Ebert, Heiko Lietz und Dr. Marc-Dietrich Ohse mit Rudi Pahnke vor einem prall gefüllten Besucherzentrum des DDR Museum.

Eine Einführung ins Thema gab Herr Ohse mit seinem Impulsreferat zur Jugendpolitik in der DDR. Zu Beginn zitierte er den Befehl 11/66 der Staatssicherheit zur Bekämpfung von unangepassten Jugendlichen und arbeitete an ihm das Leitbild der DDR-Jugendpolitik heraus. :Demnach ging es darum, die Jugendlichen zur aktiven Teilhabe am Sozialismus zu bewegen. Als Instrument um dies zu erreichen nannte Ohse die Erziehung zum sozialistischen Menschen, die schon sehr früh im Leben eines jeden Kindes beginnen sollte. Schuld an unangepassten oder gar oppositionellen Jugendlichen gab der Staat nicht seiner eigenen Politik, sondern erklärte, dass der politische Gegner, der Klassenfeind, den Entwicklungsprozess der Jugendlichen störe.

Die einleitenden Schilderungen von Ohse zeigten deutlich auf, welch große Bedeutung der Jugendpolitik durch die SED zugemessen wurde. Deshalb musste die SED frühzeitig auf Kinder und Jugendliche einwirken und sie in die „richtige“ Richtung lenken. Die FDJ und andere Massenorganisationen entstanden eben auch aus diesem Grund. Klar erklärt Ohse, dass die FDJ von Anbeginn zur Kampfreserve der Partei auserkoren war und sofort von der Partei vereinnahmt wurde. Ebenfalls nennt er aber auch andere Massenorganisationen, die diesen Zielen dienten: freilich die Pioniere, aber auch die GST, der Kulturbund oder den DTSB.

Entschieden wurde über die Jugendpolitik hauptsächlich im Ministerium für Volksbildung, dies zeigt auch noch einmal die enge Verknüpfung zwischen ideologischer und schulischer Erziehung. Zwar bestand auch beim Ministerrat ein Amt für Jugendfragen, aber die oftmals autoritäre Erziehung zu sozialistischen Persönlichkeiten beispielsweise auch in Spezialheimen und Jugendwerkhöfen lag in der Hand von der Ministerin für Volksbildung, Margot Honecker.

Die Kampagnen, die vom Staat geführt wurden, waren durch die ideologische Vereinnahmung der Schule und Massenorganisationen diesselben. In der Entwicklung der Jugendpolitik zeigt sich für Ohse außerdem eine Art Wellenbewegung, die er als diktatorisches Checks and Balances bezeichnete. Der Ablauf erfolgte immer in ähnlichen Wellenbewegungen: Die Partei legte Handlungsspielräume für die Jugend fest. Die Jugendlichen loten diese aus, überschreiten teilweise Grenzen. Zuerst wird der Normverstoß durch die SED geduldet, sie bleibt defensiv. Dann jedoch erfolgt zuerst eine Ahndung später heftige Repressionen der Jugendlichen, die sich Freiräume erobert hatten. Letztlich sucht die SED jedoch wieder defensiv einen Ausgleich mit der Jugend und legt neue Handlungsspielräume fest. Dabei ist nicht zu vergessen, dass Jugendliche nicht nur gegenüber dem Staat Freiräume erkämpften, sondern es sich wie im Westen auch ebenfalls um einen Generationenkonflikt handelte, der in der DDR allerdings sehr viel politischer aufgeladen war. außerdem gab es keine Medien als vierte Gewalt, die die Eingriffe des Staates sanktionierten oder die Interessenkonflikte in der Öffentlichkeit austrugen und damit korrigierend wirken konnten. Dies ist für ihn der große Unterschied zum Aufbegehren der Jugend im Westen.

Darüber hinaus ging Ohse darauf ein, dass andere Konfliktfelder eng mit der Jugendpolitik verbunden waren: das Vorgehen gegen die Kirche, in diesem Fall die Junge Gemeinde, das Politikum der Jugendweihe, die Verpflichtung zum Militärdienst oder auch Freizeitverhalten und Konsum, die von westlichen Trends beeinflusst waren.

Im Allgemeinen, konstatiert Ohse, habe sich die Jugend in der Öffentlichkeit angepasst, sie machten mit, um keine Nachteile in ihrem Werdegang zu erleben. Der Staat wollte diese Lippenbekenntnisse glauben. Über Versprechungen von einer sozialistischen Utopie, weitreichenden Konsummöglichkeiten und zukünftigen Gestaltungsmöglichkeiten versuchte die SED die Jugend bei Laune zu halten und die Lippenbekenntnisse zu sichern. Doch die Nichterfüllung der Versprechen musste eine Enttäuschung hervorrufen, die sich Ende der 80er Jahre entlud, denn die Jugend hatte die Friedliche Revolution zu einem großen Teil mitgestaltet.

Nach diesem interessanten Einstieg nahmen die bereits genannten Herren auf dem Podium Platz. Herr Lietz saß als Sprecher des Neuen Forums am Zentralen Runden Tisch und kannte aus dieser Zeit auch Herrn Modrow, der vom Faschist zum Sozialist gewandelt, als vorletzter Ministerpräsident der DDR ebenfalls im Namen der Regierung und der SED an den Gesprächen teilnahm. Er war außerdem lange Zeit Mitgestalter der sozialistischen Jugendpolitik und tat dies unter dem Ansatz, dass die Jugend nach dem Faschismus in der richtigen Weise erzogen werden müsse. Auch Dr. Ohse vom Deutschland Archiv, der über das Protestverhalten der Jugendlichen in der DDR nach der Wiedervereinigung promoviert hatte, war nun als Historiker Teilnehmer der Podiumsdiskussion sowie Frank Ebert, der Mitbegründer des Archivs der DDR-Opposition.

Die erste Frage, die dem Podium gestellt wurde, war, welche Rolle die FDJ und die Pionierorganisation im eigenen Leben gespielt hatte und wie sie wahrgenommen wurde. Fast alle waren sich darin einig, dass ein enormer Gruppenzwang oder Konformitätsdruck herrschte und deshalb eine Teilnahme an den Massenorganisationen fast unumgänglich wurde, wenn man keine Ausgrenzung erleben wollte. Dabei waren den Jugendlichen auch Dinge wie die Stasi oder Jugendwerkhöfe im Bewusstsein, allerdings nicht allgegenwärtig und das Leben direkt beeinflussend. Modrow hingegen versuchte immer wieder die Jugendpolitik zu rechtfertigen und verwies dabei vermehrt auf den Antifaschismus und die den Glaube daran, dass der wissenschaftliche Marxismus-Leninismus der Weg zur Wahrheit war. Zwar räumte er ein, dass er geschehenes Unrecht nicht relativieren wolle, dennoch verwies er immer wieder darauf, dass die Darstellung zu einseitig sei, es auch heute Probleme mit den Jugendlichen gäbe, die der Staat heute viel schlechter löse und eben nicht alles schlecht war. Dabei gibt ein Ebert aber beispielsweise zu bedenken, dass im Jugendwerkhof Torgau die Dienstgrade der Wehrmacht und der SS weitergenutzt wurden und keinerlei pädagogisches Personal vor Ort war. Er halte den Rückgriff auf den Antifaschismus vielmehr für eine „Ausrede“ für die Gängelung vieler unangepasster Jugendlicher. Wer nicht angepasst war, der verschwand zum Großteil einfach, heute gäbe es selbstverständlich auch Probleme, aber die würden immerhin nicht durch das Wegsperren unbequemer Menschen gelöst.

Auch Lietz nahm Modrow in die Mangel und fordert ihn auf klar Stellung zu beziehen zu diesem Absolutheitsanspruch der Partei und seiner Rolle als Funktionär. Modrow gab daraufhin Beispiele, wo er die Interessen der Jugend auch kritisch gegenüber seiner Partei vertreten hatte und bemerkt, dass auf seinen Antrag hin die Führungsrolle der Partei aus der Verfassung gestrichen wurde. Er erklärt durchaus selbstreflektiv gehandelt zu haben, jedoch den Glauben an die Wahrheit im Sozialismus nie kritisch hinterfragt zu haben.

Zum Schluss wurde auf die Kontinuitäten und Diskontinuitäten zwischen den Weltfestspielen der Jugend 1973 und der Feier zum Tag der Republik 1989 eingegangen. Ein klarer Unterschied zeigt sich in der Begeisterung der Jugend. Während 1973 die Aufbruchsstimmung, auch geprägt durch den Machtwechsel in der DDR, die Jugend positiv in die sozialistische Zukunft blicken lässt, findet sich 1989 eine andere Art von Aufbruchsstimmung. Die Zustimmung war verschwunden, selbst FDJler skandieren „Gorbi hilf“. Eine Kontinuität findet sich jedoch eindeutig in der angstbehafteten Politik der Partei, die sich über die Sprengkraft des jugendlichen Aufbegehrens beide Male wohl im Klaren ist. 1973 erfolgten vor den Feierlichkeiten Verhaftungen, Verbote Berlin zu betreten und Einschüchterungsaktionen. 1989 zeigte sich die SED durch ihre Angst regelrecht gelähmt.

Das DDR Museum kann sich für eine so spannende Diskussion nur bedanken und wir freuen uns schon auf das nächste Mal!

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