Dr. Wolle

Sturm auf die Stasi: Erinnerungen an den 15. Januar 1990

Zum Jahreswechsel 1989/90 befand sich die DDR in einem eigenartigen Schwebezustand. Seit acht Wochen war die Mauer offen. Die alte Ordnung befand sich in Auflösung, eine neue Ordnung existierte noch nicht. Es herrschte die Schwerelosigkeit des freien Falls. Es war nur eine Frage der Zeit, wann der Aufschlag erfolgen würde.
von Dr. Stefan Wolle (15.01.2014)

Zum Jahreswechsel 1989/90 befand sich die DDR in einem eigenartigen Schwebezustand. Seit acht Wochen war die Mauer offen. Die alte Ordnung befand sich in Auflösung, eine neue Ordnung existierte noch nicht. Es herrschte die Schwerelosigkeit des freien Falls. Es war nur eine Frage der Zeit, wann der Aufschlag erfolgen würde.

Der "Aufschlag"

Er kam am 3. Januar 1990 mit einer Demonstration der alten Stasi-Kohorten auf dem Gelände des sowjetischen Ehrenmals in Berlin-Treptow. Dort hatten in den stillen Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr Provokateure die Gedenksteine mit antisowjetischen Parolen beschmiert. Das kam wie bestellt. Der russische Bär sollte aus dem Winterschlaf gerüttelt werden. Schreckhaft wurde der Bevölkerung klar, dass die alte Macht zwar in der Defensive war, aber durchaus noch existierte. Der Apparat der Staatssicherheit sollte unter neuem Namen weiter existieren. Die seltsame Fehlgeburt hatte sogar schon einen Namen: Amt für nationale Sicherheit (AfNS). Zusätzlich sollte ein Verfassungsschutz geschaffen werden. Am Runden Tisch wurde von der Opposition die ersatzlose Auflösung des MfS gefordert. In den Bezirksstädten war man schon mit gutem Beispiel voran gegangen. In der Stasi-Zentrale aber, in der verbotenen Stadt in Berlin-Lichtenberg, brannte immer noch Licht. Man ahnte, dass sich dort die Reißwölfe drehen, Material und Geld beiseite geschafft wird und Spuren verwischt werden.

Die Demonstration und die Gründung des Bürgerkomitees Normannenstraße

Für den 15. Januar 1990 rief das Neue Forum zu einer Demonstration vor dem Gebäudekomplex des MfS in der Ruschestraße auf. Symbolisch sollten die Tore vermauert werden. Es kamen an diesem kalten Winterabend mehr Leute als erwartet. Die Stimmung war aufgeladen. „Stasi raus!“ skandierten die Massen. Einzelne überkletterten die schweren Eisentore. Dann öffneten sich plötzlich die Tore. Nach einer Schrecksekunde strömten Tausende auf das Gelände. Liefen sie in eine Falle? War das Vordringen der Demonstranten von der Stasi selbst organisiert? Optisch eindrucksvolle Zerstörungen sprachen dafür. Aus den dunklen Fenstern regnete es Papier und es flogen wohl auch einige Blumentöpfe und Büromöbel auf das Pflaster. Das sonst so verschlafene DDR-Fernsehen unterbrach das laufende Programm und brachte eine Sonderausgabe der „Aktuellen Kamera“. Die politische Botschaft der Sendung lautete: Es drohen Chaos und Zerstörung. Allein die Sicherheitsorgane können uns noch schützen. Wenn dies die politische Absicht war, so ging sie vollkommen daneben. Der Sturm auf die Stasi gab der Demokratiebewegung neuen Auftrieb. Die Revolution hatte Laufen gelernt. In der Nacht vom 15. zum 16. Januar 1990 bildete sich das Bürgerkomitee Normannenstraße. Am nächsten Tag fand die erste Sitzung der Arbeitsgruppe Sicherheit des Zentralen Runden Tischs in jenem Vortragssaal statt, wo Erich Mielke bisher seine Mitarbeiter mit stundenlangen Reden gepeinigt hatte. Einige Tage später öffneten sich erstmals die geheimsten Archive des Landes. Die Zeit der Stasi war abgelaufen. 

 

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