Spurensuche zu Begrifflichkeiten von 1989

Lindner, Bernd: Begriffsgeschichte der Friedlichen Revolution. Eine Spurensuche, in: APuZ 24-26 (2014), http://www.bpb.de/apuz/185602/begriffsgeschichte-der-friedlichen-revolution-eine-spurensuche?p=all, abgerufen am 14.10.2015.
von Elke Sieber (15.10.2015)

Lindner, Bernd: Begriffsgeschichte der Friedlichen Revolution. Eine Spurensuche, in: APuZ 24-26 (2014), http://www.bpb.de/apuz/185602/begriffsgeschichte-der-friedlichen-revolution-eine-spurensuche?p=all, abgerufen am 14.10.2015.

Bernd Lindner ist Professor am Karlsruher Institut für Technologie sowie gleichzeitig wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig. Seine Forschungsinteressen liegen bei der Kultursoziologie und –geschichte, Kunstrezeption und Jugendforschung sowie bei der politischen Kultur der Straße mit besonderem Schwerpunkt auf dem Herbst 1989.

In seinem Aufsatz geht Lindner der spannenden Geschichte der für 1989 ganz prägenden Begriffe Bürgerbewegung, Friedliche Revolution, Wende und „Wir sind das Volk!“ ein. Er arbeitet heraus, wie, wo, warum und durch wen diese Begriffe entstanden sind oder entstanden sein könnten und betrachtet ihre Kontinuität oder inhaltliche Wandlung. Dabei nutzte er eine Vielzahl an Quellen von künstlerischen Werken, über Presseerzeugnisse, Transparente und Flugblätter bis hin zu Zeitzeugenaussagen. Er gelangt dabei gerade für 1989 zu der Überzeugung, dass auch kleine Gruppen durch entschlossenes Handeln gesellschaftliche Veränderungen in Gang setzen können, insbesondere wenn die Medien (im Falle 1989 hauptsächlich die westlichen Medien) ihren Einfluss geltend machten.

Heute spricht man bei der DDR-Opposition oftmals von einer Bürgerbewegung. Dieser Begriff war allerdings unter den Initiatoren und Trägern des Umbruchs von 1989/90 vollkommen ungebräuchlich. In den 1980er entstanden Arbeitsgruppen oder –kreise, Initiativgruppen oder Gesprächskreise, die sich für Frieden, Umwelt, Menschenrechte oder die „Dritte Welt“ einsetzten. Dies war auch Selbstschutz, da die „`Schaffung sogenannter Bürgerrechtsbewegungen` eine feindliche Absicht des Westens`“ (Ehrhardt Neubert: Bürgerrechtler, in: Hans-Joachim Veen et al. (Hg.): Lexikon Opposition und Widerstand in der SED-Diktatur, München 2000, S. 91, zit. n. Lindner, S. 1) sei. Sogar die SDP ging den Umweg über die Initiativgruppe.

Die Idee einer „landesweiten Sammlungsbewegung“ (Wieland Giebel: … geht die DDR-Opposition an den Start, in: taz vom 15.08.1989, zit. n. Lindner, S. 1) führte dann zur Gründung der „Bürgerbewegung Demokratie Jetzt“, die als einzige und erste den Begriff der Bürgerbewegung aufgriff. Aufbruch ´89 und andere Oppositionsgruppen bezeichneten sich zur gleichen Zeit lediglich als politische Plattformen.

Vor und nach dem Mauerfall gründeten sich weitere „Bürgervereinigungen“ wie die des Demokratischen Aufbruchs oder die Grüne Partei. Die Parteien betrachteten sich allerdings schon als eigenständig und nicht mehr nur als Teil einer Gesamtbewegung. Die Medien in Ost und West prägten nun jedoch den Begriff der Bürgerbewegung als Sammelbezeichnung für alle Formationen, die im Herbst 1989 entstanden waren.

Auch die Friedliche Revolution wurde so erstmals vom Westberliner Bürgermeister Walter Momper genannt. Friedlich war zwar ein überall präsenter Begriff im Herbst 1989, was durch die Gewalt des Machtapparats noch verstärkt wurde. Revolution wurde jedoch stets nur für die Vergangenheit verwendet oder im Sinne Gorbatschows als weiterer Schritt der großen sozialistischen Revolution. Im November 1989 sprachen die Aktivisten der Umweltbibliothek immerhin erstmals von einer „gewaltlosen Revolution“. Durch die Medien wurde Mompers Begriff der Friedlichen Revolution in Umlauf gebracht, setzte sich bei den Herbstrevolutionären hingegen vorerst nicht durch, im westdeutschen Sprachgebrauch fand er ab jetzt aber Benutzung.

Des Weiteren nimmt Lindner die Begriffe Wende und „Wir sind das Volk!“ in den Blick. Zuerst von der Opposition eingefordert, wird der Begriff der Wende letztlich von Egon Krenz benutzt, um sich und die Partei als Erneuerer darzustellen und an die Spitze der neuen Bewegung zu setzen. Und auch der Ruf „Wir sind das Volk“ oder „Wir sind ein Volk“ veränderte sich in der inhaltlichen Bedeutung im Laufe der 80er Jahre. Doch lesen Sie selbst, ich möchte hier noch nicht alles verraten und halte den Aufsatz für sehr lesenswert…

 

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