Seelenwanderung - Die Schwestern Susanne und Anna Schädlich lesen aus ihrem neuen Buch "Ein Spaziergang war es nicht"


von Admin (22.11.2012)


Am Dienstagabend sind zwei Schwestern der Einladung unseres wissenschaftlichen Leiters Dr. Wolle gefolgt. Susanne und Anna Schädlich haben in jungen Jahren die DDR mit ihren Eltern verlassen müssen - gefragt wurden sie nicht. Und da sind sie kein Einzelfall.


Sie haben ein Buch verfasst, das aus vielen Kurzgeschichten besteht: 18 Autoren insgesamt hatten hier die Gelegenheit, ihre Erfahrungen zu teilen, zu erzählen, wie es war, als Kind das Heimatland verlassen zu müssen. „Über die Kinder hat sich nie jemand Gedanken gemacht", sagt Susanne an diesem Abend einleitend. Anna ergänzt „Während der Recherche zu Susannes vorigem Buch („immer wieder im Dezember", Droemer Verlag) unterhielten wir uns immer wieder über unsere Erlebnisse als Kinder."
Und bemerkten dabei, wie unterschiedlich diese sind, denn Susanne war 12 Jahre alt, als die Familie ausreisen musste, Anna war 4. Eine Schwester kann sich also noch auf eigene Erinnerungen und Erlebnisse berufen, die andere hingegen nur auf Erzählungen und Geschichten anderer. Sie begannen sie sich zu fragen „wie erging es den anderen Kindern? Auch den jüngeren?" Sie fingen an, andere damalige Kinder zu suchen - und fanden sie auch. Und die Reaktion war „endlich fragt mal jemand nach unseren Erlebnissen!" Sie erwähnen noch, dass alle die Option hatten, nicht selbst zu schreiben, sondern sich von den Schwestern interviewen zu lassen, die es dann niederschreiben würden - doch alle wollten ihre Geschichte selbst erzählen. Dann beginnt Susanne zu lesen.


Sie liest die Geschichte von Anna Langhoff, einer der Autorinnen. Sie heißt „bis zum Mond", ist recht poetisch geschrieben und erzählt von den widersprüchlichen Eindrücken einer 12-jährigen, die von der Familie ‚gezwungen‘ wird, ihre Heimat zu verlassen. Wie es sie verwirrt, dieser Gegensatz zwischen der kundgetanen Ansicht ihrer Eltern und der durch die Schulerziehung tief verwurzelten Meinung über die DDR. Wie sie vor dem Umzug sowohl Ablehnung als auch Neid erfährt. Von der Begrüßung des West-Grenzers „Willkommen in der Freiheit". Von Vorurteilen, die ihr im Westen begegnen („ich dachte, drüben sprechen sie nur russisch"). Von dem Gefühl, dass es in der neuen Heimat im Vergleich zur alten an Freigiebigkeit und Gemeinschaftssinn mangelt - niemand verleiht spontan eine Jacke oder ein Fahrrad. Wie die Familie die Fotoalben zensiert. Wie sie auch Jahre später nie wirklich ankommt, nachdem sie einfach entwurzelt wurde. „Meine Heimat ist nirgendwo. Ich fühle mich wohl, wenn ich jederzeit gehen kann."


Als Susannes Stimme verklingt, ist es still im Saal. Nachdem sie ihre Kehle mit einem Schluck Wasser befeuchtet hat, erklärt sie, wie gut sie das Gefühl kenne, nirgendwo hinzugehören. „Man hängt nicht mehr so sehr an dem was war. Das ermöglicht aber auch eine schnellere Eingewöhnung in neue Orte - es war also nicht nur ein Verlust, sondern auch ein kleiner Gewinn."
Anna erzählt, wie sie eines Tages ins Ausland reiste und endlich das Gefühl hatte „hier darf ich fremd sein". Denn ob Ost oder West - es blieb ja Deutschland. Wie könne man sich denn hier fremd fühlen? „Man sprach die gleiche Sprache ohne die gleiche Sprache zu sprechen."
Susanne beschreibt den Eindruck, dass die Kindheit in der DDR bei den neuen West-Mitschülern wie ein Makel behandelt wurde. „Die DDR existierte für viele Mitschüler nicht, was wir kannten, kannten sie nicht." Die Eltern hatten einen Freundeskreis in der BRD - die Kinder nicht. Auf dem Schulhof waren sie allein.
Anna verrät, dass sie ihre Schwester beneidet, weil die sich erinnert. Weil sie vergleichen kann. Anna selbst hat keine Erinnerung an den Umzug, die Anfangsjahre, nur die Geschichten der anderen. „Ich spürte die Heimatlosigkeit, ohne die Heimat zu kennen". Ein diffuses Gefühl.
Aus dem Publikum kommt die Frage, ob die Schwestern in ihrer Zerrissenheit überlegt hätten, wie es wäre geblieben zu sein. Susanne antwortet, dass sie natürlich Sehnsucht hatten, denn der äußere Teil der Familie war ja dort geblieben. Anna erklärt, dass unterschieden werden muss zwischen der Sehnsucht nach dem politischen System und der nach Kindheit. Das Gefühl, dass man wieder nach Hause will, auch wenn die Vernunft sagte, dass das nicht geht.


Nun fängt Anna an zu lesen. Ihre Geschichte heißt „erzählte Erinnerung". Und das sind es auch - Erzählungen der Anderen an die Zeit des Umzuges, an die sie sich aufgrund des geringen Alters nicht erinnern kann. Dass die Ost-Kindergärtnerin beispielsweise auf die Eröffnung, dass die Familie rüber gehe, gesagt haben soll „das arme Kind!". Dass sie, als sie die Grenze erreichten, gefragt haben soll „Sind wir jetzt im Land der Indianer?" - denn in ihrer kindlichen Fantasie hatte sie den Westen mit dem ‚wilden Westen‘ gleichgesetzt. Dass sie irgendwann auf einen Bauernhof zogen, wo der Möbeltransporter anscheinend ihre Schwester verloren hatte - diese blieb in Hamburg - und sie zum Trost eine Katze bekam. Dass sie einmal aus dem Kindergarten getürmt sei, weil sie zu Hause nachsehen wollte, ob ihre Mutter und Schwester noch da waren. Und auch mit fast 12 Jahren noch einmal türmte, diesmal im Zug bis kurz vor Italien kam als Interpol sie fand.
Auch sie erzählt von Zerrissenheit, Entwurzelung, Trennungsschmerz. „Ich will nicht in der DDR geboren worden sein, aber ich bin es." Von den vielen Umzügen, Hamburg, Stuttgart, auf's Land, in die Stadt. „Es gab kein ‚ankommen‘" Und davon, wie Jahre später, 1992, ihr Vater, nachdem er Einsicht in seine Stasi-Akte hatte, erschüttert anruft: „Onkel Karl-Heinz war IM, also bei der Stasi! Verstehst du was ich sage?" und sie beide am Telefon in Tränen ausbrechen. Wie sie anfängt, die Schule zu schwänzen, bis es zur Schulkonferenz zwecks Verweises kommt, bei der ihre Mutter mit dem Gremium spricht: „Es fallen Worte wie ‚Stasi‘, ‚Spitzel‘ und ‚Umzüge‘ - ich durfte bleiben.", erzählt sie. Dass der Onkel sich 15 Jahre später recht Medienwirksam selbst tötet, indem er sich auf einer Parkbank in Prenzlauer Berg erschießt.
Wie Mutter und Schwester einst zu ihr sagen, es sei ein Segen, dass sie sich nicht erinnern könne, woraufhin sie ihnen nur einen skeptischen Blick zuwirft.


Wieder herrscht tiefes Schweigen nachdem sie geendet hat. Zögerlich beginnt ein Gespräch, als sich eine Dame im Publikum zu Wort meldet und ihre Erfahrungen beschreibt. Dass, als sie in den Westen ging, zu hören bekam „sie sind doch keine Deutsche". Es wird über das Vorurteil der Westdeutschen Arroganz gesprochen. Über Unterschiede in zwischenmenschlichen Beziehungen. Dass zum Beispiel im Westen sich Besuch stets angemeldet hätte, während man im Osten einfach vorbei ging, „man hatte meistens ja eh kein Telefon". Das durch diese Umstände eine Wahrnehmung von Gemütlichkeit in der DDR aufkam.


Auch als die Veranstaltung endet ist es still. Viele Minen sind nachdenklich. Einige Traurig.
Es war ein gefühlsgeladener Abend in unserem Besucherzentrum.

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