Veranstaltung

Rolf Henrich: Was wir wollten - was wir sind.

Gestern Abend war der Rechtsanwalt und bedeutende Bürgerrechtler der Friedlichen Revolution,  Rolf Henrich, zu Besuch im DDR Museum. Er ließ die eigene Vergangenheit Revue passieren und gab den Gästen des DDR Museum Einblick in die Gedankenwelt der Bürgerrechtsbewegung der 80er Jahre.
von Elke Sieber (06.11.2015)

Gestern Abend war der Rechtsanwalt und bedeutende Bürgerrechtler der Friedlichen Revolution,  Rolf Henrich, zu Besuch im DDR Museum. Er ließ die eigene Vergangenheit Revue passieren und gab den Gästen des DDR Museum Einblick in die Gedankenwelt der Bürgerrechtsbewegung der 80er Jahre.

Die Veranstaltung vermochte neue Erkenntnisse und einen spannenden Abend zu bringen und war demgemäß gut besucht. Nach einer kurzen Vorstellung und Einführung in die neue Museumsreihe „Was wir wollten – was wir sind“ durch den wissenschaftlichen Leiter des DDR Museum, Stefan Wolle, führte Historiker Christian Booß, der die Ereignisse von 1989/90 direkt als Rundfunkreporter miterlebt hat, durch den Abend und lockte Rolf Henrich durch pointierte und kritische Fragen aus der Reserve.

Zuerst ging Henrich auf den bahnbrechenden Aufruf des Neuen Forums „Aufbruch 89“ ein, den er zusammen mit Jens Reich verfasst hatte ein. Er beschrieb, dass die Ziele des Neuen Forums darin lagen, Menschen in der gesamten DDR anzusprechen und nicht nur Vertreter der oppositionellen Keimzelle Prenzlauer Berg und dass auch ein möglichst breites soziales Spektrum in der Bürgerbewegung vertreten sein sollte. Das Übergewicht an Pastoren in der Opposition sollte sich im neuen Forum nicht wiederfinden, hier sollten vom Maurer bis zum Arzt alle an einem Strang ziehen.

Spannend waren vor allem auch seine Anekdoten zur Entstehung des Flugblattes. So hatten sowohl er als auch Jens Reich einen vollen Text bereits in der Tasche, als man sich zusammensetzte. Besondere Bedeutung nahm auch die rechtliche Grundlage dieser Vereinigung beim Schreiben ein. Henrich schilderte, dass auch DDR-Bürger „legalistisch orientiert“ waren. So kam eine Verordnung über die Gründung von Vereinen gerade recht, die in den 70er Jahren aus ganz anderen Gründen verabschiedet wurde.

Doch Henrich war nicht immer überzeugter Regimekritiker gewesen, vielmehr strebte der 1944 in Magdeburg geborene „stramme Sozialist“ zu Beginn eine Karriere innerhalb des Funktionärsapparates an. Er trat 1964 in die SED ein, studierte Jura an der Humboldt-Universität und wurde SED-Parteisekretär des Kollegiums der Anwälte in Eisenhüttenstadt. In vielen Aspekten änderte er seine Ansichten über die Jahre. Zuerst Mauerbaubefürworter, Anwalt, der sich den politischen Grenzen seiner Arbeit durchaus bewusst war und Angeworbener des MfS, veröffentlichte er im April 1989 eine Abrechnung mit Mauer, Recht und Staat der DDR. „Der vormundschaftliche Staat“ beging sogar den Tabubruch über die Arbeit der Stasi zu sprechen und rechtsstaatliche Defizite aufzudecken.

Als Ausschlag für seine Kehrtwende benannte Henrich die Verhaftung und Verurteilung von Rudolf Bahro aufgrund dessen systemkritischen Buches „Die Alternative“. Mit der Veröffentlichung des eigenen Buches sieht er sich als Ergänzung von Bahros Schaffen und ging bewusst das Risiko der eigenen Verhaftung ein. Soweit kam es jedoch nicht, er wurde allerdings aus der Partei ausgeschlossen und ihm wurde ein Berufsverbot auferlegt. Dennoch ließ der Staat ihn gewähren, als er sein Buch bei Lesungen und öffentlichen Diskussionen vorstellte.

Vom „strammen Sozialisten“ und „Feigenblatt auf der Blöße der DDR-Justiz“ wurde er zum Ende der 1980er durch sein kritisches Denken und sein oppositionelles Umfeld meiner Meinung nach zum Salz in der Wunde der Partei.

Zuletzt blickte Henrich auf das Erreichte zurück und ordnete für sich den Erfolg der Wiedervereinigung ein. Alles in allem ein spannender und aufschlussreicher Abend, über den ich mir -  und bestimmt auch die anderen Gäste - danach noch einige Gedanken mache.

 

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