Playing History – Spiele als Medium der Wissensvermittlung

Spiele gab es schon immer, in jeder Region und jedem Kulturkreis der Welt – und das nicht nur im Kinderzimmer. Insbesondere komplexe Gesellschaftsspiele, die den Spielern Logik, Kreativität und Ausdauer abverlangen, erfreuen sich auch bei vielen Menschen im Jugend- und Erwachsenenalter ungebrochener Beliebtheit. Zu diesem Personenkreis zählen auch Michael Geithner, Social Media Manager des DDR Museum und Martin Thiele, Medienwissenschaftler aus Berlin. Die beiden Spieleforscher und -entwickler sprachen gestern im Besucherzentrum des DDR Museum über nachgemachte Spiele in der DDR und die Faszination dieses Kulturphänomens.
von Maria Bartholomäus (29.07.2015)

Spiele gab es schon immer, in jeder Region und jedem Kulturkreis der Welt – und das nicht nur im Kinderzimmer. Insbesondere komplexe Gesellschaftsspiele, die den Spielern Logik, Kreativität und Ausdauer abverlangen, erfreuen sich auch bei vielen Menschen im Jugend- und Erwachsenenalter ungebrochener Beliebtheit. Zu diesem Personenkreis zählen auch Michael Geithner, Social Media Manager des DDR Museum und Martin Thiele, Medienwissenschaftler aus Berlin. Die beiden Spieleforscher und -entwickler sprachen gestern im Besucherzentrum des DDR Museum über nachgemachte Spiele in der DDR und die Faszination dieses Kulturphänomens.

Am Anfang stand die Frage, was Spiele als Medium von anderen Vermittlungsformen wie beispielsweise Filme oder Ausstellungen unterscheidet. Die Referenten führten in diesem Zusammenhang einige charakteristische Eigenschaften auf, welche das Spielerlebnis so einzigartig machen. Hierzu zählen neben dem Vergnügungsaspekt und der Aktivität der Mitspieler auch die Probehandlung, also die Möglichkeit, verschiedene Szenarien durchzuführen und in andere Rollen (unter Umständen auch in die einer/s Anti-Heldin/en) zu schlüpfen. Ganz besonders wertvoll ist weiterhin das Potenzial zur Vermittlung von Komplexität. Somit lassen sich mithilfe eines entsprechend entwickelten Spiels auch ernsthafte und konfliktbehaftete Themen vermitteln.

Herr Geithner und Herr Thiele erkannten diese großen Potenziale und forschen seit einiger Zeit über selbst gebastelte und nachgemachte Spiele aus der DDR. In ihrem Buch „Nachgemacht“ gehen sie der spannenden Tatsache nach, dass viele ehemalige DDR-Bürger mit großer Leidenschaft Spiele aus dem Ausland bzw. Westdeutschland nachmachten und so eine eigene „Ostversion“ schufen. In Interviews mit den „Herstellern“ lernten die Autoren diese Objekte als historische Artefakte zu betrachten, mit denen wertvolle Biografiearbeit und Zeitgeistforschung geleistet werden kann.

Aus diesem Forschungsprojekt entstand ebenfalls die Neuauflage des DDR-Spiels „Bürokratopoly“, welches Herr Geithner und Herr Thiele als kooperatives Lernspiel für Schüler und Lehrer schufen. Das Brettspiel wurde 1983 von einem Oppositionellen und Bürgerrechtler entworfen und nahm die Diktatur, insbesondere die SED, aufs Korn. Mithilfe dieses authentischen Zeitzeugnisses können sich Schüler/innen die Geschichte der DDR auf einer emotionalen Basis erschließen, was laut den Referenten ein äußerst nachhaltiger Weg ist, um Wissen dauerhaft zu speichern. Ebenso ist für Lehrkräfte auch die thematische Einbettung in Lehrinhalte möglich. 

Bezüglich des Themas Geschichtsvermittlung durch Spiele stellten Herr Geithner und Herr Thiele schließlich die Frage, wie weit dies gehen kann und ob es gewisse Tabuthemen gäbe. Die Resonanz aus dem Publikum stellte sich unterschiedlich dar: So sah eine Besucherin eine Gefahr darin, bei thematisch zu eng gefassten Spielen Inhalte wie den Holocaust oder Sklavenhandel auf zynische Weise zu verzerren. Ein anderer Gast jedoch betonte vor allem die geistige Freiheit der Autoren und der Spieler sowie die zunehmenden Tabubrüche gemessen an der verstrichenen Zeit bezüglich bestimmter historischer Ereignisse. So schloss sich an den spannenden Vortrag auch eine rege Diskussion an, bei der Pädagogen, Spielebegeisterte und Historiker ihre Meinungen mit den Referenten austauschten.

Wenn Sie sich für die aktuelle Arbeit der beiden Spieleexperten interessieren, empfehlen wir Ihnen ihr neuestes Projekt: „Saints“, ein von der katholischen Kirche in Auftrag gegebenes Quartettspiel, bei dem es um Heilige und ihre Geschichten geht!

 

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