"Pappelallee" - Andreas H. Apelt las aus seinem neuen Roman

Gestern hatten wir den Publizist und Autor Andreas H. Apelt in unserem Besucherzentrum zu Gast. Er war Bürgerrechtler in der DDR, gründete 1989 die oppositionelle Gruppierung "Demokratische Union" und war ein Jahr später erst Mitbegründer, später Geschäftsführer und nun Vorstandsbevollmächtigter der Deutschen Gesellschaft e.V.. Von 1990 bis 2006 war er zusätzlich Mitglied im Berliner Abgeordnetenhaus. Gestern Abend las Apelt aus seinem kürzlich erschienenen neuestem Buch "Pappelallee" und stellte sich anschließend den Fragen des Publikums und unseres wissenschaftlichen Leiters, Dr. Stefan Wolle.
von Admin (25.02.2015)

Gestern hatten wir den Publizist und Autor Andreas H. Apelt in unserem Besucherzentrum zu Gast. Er war Bürgerrechtler in der DDR, gründete 1989 die oppositionelle Gruppierung "Demokratische Union" und war ein Jahr später erst Mitbegründer, später Geschäftsführer und nun Vorstandsbevollmächtigter der Deutschen Gesellschaft e.V.. Von 1990 bis 2006 war er zusätzlich Mitglied im Berliner Abgeordnetenhaus. Gestern Abend las Apelt aus seinem kürzlich erschienenen neuestem Buch "Pappelallee" und stellte sich anschließend den Fragen des Publikums und unseres wissenschaftlichen Leiters, Dr. Stefan Wolle.

"Pappelallee" spielt während der letzten Monate der DDR im Jahre 1989 im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Oder besser gesagt "Prenzlberg", wie der Berliner sagt. Es wird vom Protagonisten Hülsmann berichtet, dem "Kulissenschieber", der stets ein kleines Notizbüchlein in der Tasche trägt und dem statt des eingezogenen Personalausweises ein PM 12 ausgehändigt wurde. Dessen Biografie ähnelt auffällig der von Apelt selbst, der seit 1977 im Prenzlauer Berg wohnte, dort zunächst "Kulissenschieber" an der Volksbühne war und dessen Romane mehrheitlich auf Entwürfen und Manuskripten beruhen, die er vor Jahrzehnten niederschrieb. So ist es nicht verwunderlich, dass er auch selbst berichtet, er würde mit den Figuren und Charakteren in seinen Büchern gern realen Personen aus seinem Leben ein Denkmal setzen. Verfremdet, mit anderen Namen natürlich, aber doch auf Menschen beruhend, die er in seinem Leben kennengelernt hat, die seinen Weg kreuzten oder gar beeinflussten.

Vielleicht ist es also dieser Aspekt einer "verfremdeten" Autobiografie, der die Atmosphäre während des unerwarteten Revolutionsjahrs im sagenumwobenen Berliner Bohème-Kiez so lebendig werden lässt. Der Leser (oder Zuhörer gestern) wird hineinversetzt und ist mittendrin in diesem Mietshaus nahe der Gethsemanekirche, in dem Hülsmann mit einem bunt zusammengewürfelten Haufen typisch untypischer Gestalten wohnt. Da ist Getschmar, der linientreue Hausbuchführer, der über jeden Schritt im Treppenhaus Buch führt, und da sind die angepassten Frenzels. Da ist die "Hexe" Jankowitz im Erdgeschoss, deren schielende Augen aufgrund einer Krankheit fast aus dem Kopf zu quellen scheinen. Da ist ihr späterer Liebhaber Stolten, den die Augen nicht interessieren, sondern die Beine. Denn seine Frau liegt seit über 40 Jahren ohne dieselben im Bett, ein Bombentreffer nahm ihr 1944 erst die Beine, dann ihr ungeborenes Kind. In der Stammkneipe Luftikus trifft man auf die aufgedonnerte Kellnerin Angie mit den hennaroten Haaren, deren Freund aus dem Westen mit dem Opel Senator ihr Strumpfhosen und Parfum schenkt. Der Wirt, dessen Vater schon nicht das Bild des Führers an die Wand hängte, warum sollte er also die Kommunisten hängen, im Bilderrahmen versteht sich? Hemmlinger, der seine Audienzen hält, der seit zwei Dachboden-Ausstellungen in der Lychener und Raumerstraße als berühmter Künstler gilt und von seiner Reise nach Compostela träumt. Da sind Graustock, der Pfarrerssohn und Voss, der Fernwehsüchtige und Ausreiseantragsteller. Das sind Melancholie und Hoffnung, Umbruch, Aufbruch.

Der erfrischend ungewohnt lakonische Schreibstil Apelts zieht den Leser sofort in seinen Bann. Das wurde auch gestern Abend deutlich: Das Publikum hing gebannt und mucksmäuschenstill an seinen Lippen. Lediglich das ein oder andere Auflachen, oder aber eine dem Nachbarn zugeflüsterte Erinnerung durchbrach die Stille. Auch die lockere Fragerunde wurde recht unterhaltsam und nachdem Apelt auf Wunsch abschließend noch ein bisschen mehr aus seinem Buch las, wurde er mit begeistertem Applaus belohnt. Es war ein schöner Abend in unserem Besucherzentrum. Es ist ein schönes Buch, das ich Ihnen unbedingt empfehlen möchte. Und weil es so schön war, können Sie es ab sofort bei uns im Museumsshop kaufen… ;-)

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