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„Original Wolfen“ Magnetband- und Filmproduktion in der DDR

Jeder Technikinteressierte aus der DDR kannte die Produkte der Firma ORWO. Nicht verwunderlich, da die Firma das Monopol auf die Herstellung chemischer Datenträger in der DDR hatte. Doch die Geschichte des Produktionsstandorts Wolfen ist vielen Menschen weniger bekannt. von Jörn Kleinhardt (12.05.2016)

Jeder Technikinteressierte aus der DDR kannte die Produkte der Firma ORWO.  Nicht verwunderlich, da die Firma das Monopol auf die Herstellung chemischer Datenträger in der DDR hatte. Doch die Geschichte des Produktionsstandorts Wolfen ist vielen Menschen weniger bekannt.

Die „Gesellschaft für Anilin-Fabrication“ wurde bereits 1867 in Rummelsburg bei Berlin, von Paul Felix Abraham Mendelssohn Bartholdy und Carl Alexander Martius gegründet. Knapp sechs Jahre später ging aus ihr die „Actien-Gesellschaft für Anilin-Fabrication“ hervor. Die bis heute geläufige Bezeichnung „Agfa“ wurde 1897 als Warenzeichen für  „chemische Präparate für photographische Zwecke“ eingetragen. Die expandierende Firma wurde schnell zum größten europäischen Hersteller von fotografischen Filmen und Laborausrüstung und hielt diese Vormachtstellung über Jahrzehnte. Um den Bedarf an Filme zu decken wurden neue Produktionsstandorte außerhalb Berlins aufgebaut.

So gründete die Agfa AG im Jahr 1909 die Filmfabrik in Wolfen, unweit der schon bestehenden großen Standorte der Chemischen Industrie zwischen Dessau und Halle. Ab 1925 war Agfa Teil der I.G. Farben, vier Jahre später wurde Wolfen sogar Leitbetrieb der Sparte III der I.G. Farben.  In den 1930er Jahren wurde in Wolfen der erste praktikable Farbfilm „Agfacolor Neu“ entwickelt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der Betrieb in Wolfen zu einer Sowjetischen Aktiengesellschaft (SAG) umgewandelt. Große Teile der Fabrikationsanlagen und Teile der Produktion gingen in den Folgejahren als Reparation in die Sowjetunion. Die westdeutschen „Agfa“ Standorte begannen ebenfalls kurz nach Kriegsende mit der Produktion der bewährten Produkte. Ab 1953 firmierte der Wolfener Betrieb unter dem Namen „VEB Film- und Chemiefaserwerk Agfa Wolfen“. Mit dem 1958 beschlossenem „Chemieprogramm“ erfolgte ein massiver Ausbau der Filmsparte bei gleichzeitiger Reduzierung der Chemiefasersparte. Chemiefasern wurden nun verstärkt an anderen Standorten produziert.

Nach einem jahrelangen Streit um Namens- und Patentrechte zwischen der DDR und der Bundesrepublik erfolgte 1964 die Warenzeichenumstellung von „Agfa“ auf „ORWO“. „ORWO“ steht hierbei für Original Wolfen. Mit dem neuen Namen erhoffte sich die DDR-Führung eine Abgrenzung zu der westdeutschen „Agfa“ Sparte. Fortan wurden die Produkte aus Wolfen unter neuem Namen aber dennoch in bewährter Qualität vermarktet. Im Jahr 1970 wurde das Fotochemische Kombinat mit Stammsitz in Wolfen gegründet. Zusätzlich gab es noch weitere Betriebsteile wie etwa der VEB Chemiefaserwerk „Friedrich Engels“ Premnitz, der VEB ORWO Plast Schmölln oder der VEB Fotopapierwerk Dresden.

Mit der politischen Wende im Jahr 1989 und 1990 scheiterten Versuche den Stammbetrieb des Fotochemischen Kombinates in Wolfen zu privatisieren. Das Unternehmen wurde 1994 liquidiert. Ab Ende der 1990er Jahre nahmen kleine Teile des zerschlagenen Betriebes, unter dem Markenzeichen „ORWO“ den Betrieb auf. Im Jahr 2014 waren bereits wieder ca. 300 Personen bei den Spartenbetrieben in Wolfen beschäftigt.

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