Mode in der DDR

Malimo & Co. Mode in der DDR. Zwischen Traum und Wirklichkeit, 24. August 2011 – 8. Januar 2012, hrsg. v. Stadt Leipzig/Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Leipzig 2011.
von Elke Sieber (10.03.2016)

Malimo & Co. Mode in der DDR. Zwischen Traum und Wirklichkeit, 24. August 2011 – 8. Januar 2012, hrsg. v. Stadt Leipzig/Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Leipzig 2011.

Der umfassende Ausstellungskatalog zur Ausstellung über Mode in der DDR des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig nimmt die Mode nicht nur nach chronologischen Kriterien in den Blick, sondern auch nach ihren verschiedenen Ausprägungen. Die Einleitung stellt die Frage nach der Bedeutung der Mode in der DDR, die ganz anders als im Westen nicht immer das Neuste vom Neuen präsentieren sollte, sondern praktisch und langlebig den Alltag begleiten sollte. Mode sollte vor allen Dingen planbar werden. Jedoch bleibt die Frage, ob es tatsächlich eine sozialistische Form der Bekleidungskultur gab, ist der Begriff Mode doch eher im Sinne einer Momentaufnahme, die beim nächsten Blinzeln schon bedeutungslos sein konnte, zu verstehen. Denn die Einflüsse aus dem Westen waren in der DDR omnipräsent.

In der Nachkriegszeit diente, laut den Autoren, Kleidung zunächst als „Schutz und wärmende Hülle“, doch auch ein gesellschaftliches Leben begann sich wieder zu entwickeln und die Frauen versuchten aus vorhandenem Neues zu machen. Doch auch bunter sollte die Welt werden, weshalb Kleidung nun auch gerne selbst farbenfroh gefärbt wurde. Ab 1948 setzte dann eine Mode ein, die geprägt war von den weiblichen Schnitten Diors, die „Männerkleider“ der Trümmerfrauen wurden nach und nach abgelegt und machten Bleistiftröcken, taillierten Oberteilen und hüftbetonenden Gürteln Platz. Aber auch die Männer trugen nun modische breitschultrige Sakkos, kürzere, engere Hosen und bunt gemusterte Hemden.

In den 50er Jahren wurde auch die DDR von der Rock n´ Roll- und Schlagerwelle aus dem Westen erfasst, ein Dagegenhalten der DDR-Regierung durch den Lipsi und eigene Schlager stieß nicht auf die Resonanz der Jugendlichen. Zu modischen Vorbildern wurden in diesem Sinne ebenfalls die westlichen Stars erkoren. Angesagt waren nun Dufflecoats und Puttenmäntel in Hängerform. Pressetechnisch propagiert wurde ab jetzt außerdem das Selbernähen, dafür wurden vielseitige Angebote veröffentlicht. Problematisch blieb allerdings das Angebot an Kleidung, insbesondere für mollige Frauen war die Auswahl gering.

Darüber hinaus entstand 1959 der Markenname Dederon in Abgrenzung zu den westlichen Pendants Perlon und Nylon, der ab den 60er Jahren zum beliebtesten Kleiderstoff der DDR werden sollte. Bevor jedoch auf die 1960er Jahre eingegangen wird, werden die einzelnen Modezeitschriften Sibylle, Pramo, Modische Maschen und Saison sowie der Verlag für die Frau und ihr Einfluss auf die DDR-Bekleidungskultur beleuchtet.

Auch eine weitere Entwicklung der 50er wird noch speziell in den Blick genommen: die Versandhäuser. Mit Gründung der HO 1948 wurden zwar in größeren Städten Einkaufsmöglichkeiten geschaffen, auf dem Land jedoch blieben die Versorgungsmöglichkeiten rar. Abhilfe sollte deshalb die Bestellung per Katalog schaffen. Passend zur staatlichen Idee der selbstbewussten, berufstätigen Frau und Mutter wurde hier in den ersten Jahren schicke Mode für Frauen mit kräftigerer Statur präsentiert. Für den Mann wurde Mode zu praktischen und festlichen Anlässen angeboten. Außerdem waren einige Seiten für spezielle Arbeitskleidung reserviert. Da die Versandhauseinrichtung derart gern von der Bevölkerung benutzt wurde, stieß das Leipziger Versandhaus bald an seine Grenzen, sodass bereits 1960 ein zweites, das „Konsument-Versandhaus“ Karl-Marx-Stadt gegründet wurde. Aufgrund diverser Rohstoff- und Warenmängel wurde die Arbeit der beiden Versandhäuser 1976 allerdings eingestellt.

Neben den Beatmusik- und Schlagerstars aus dem Westen hatte auch der DEFA-Film ein „heißer Sommer“ großen Erfolg in der DDR. Mode und Musik gehörten auch in den 60er Jahren zusammen. So kleideten sich die Jugendlichen nach dem Stil der Beat- oder Schlagerikonen wie Alexandra, die unangepassten orientierten sich an Janis Joplin, den Beatles oder Rolling Stones. Während die Frauen Anfang der 60er Jahre noch immer Petticoats und bunte Kleider trugen wandelte sich dies nun im Laufe des Jahrzehnts hin zu legereren Formen. Hosen und Pullover wurden verstärkt von Mann und Frau getragen. Selbstverständlich kam im Osten aber auch der Bikini und der Minirock an, auch wenn dafür häufig kurzerhand ein langer Rock abgeschnitten oder ein Saum mehrfach umgenäht werden musste.

Darüber hinaus begann in dieser Zeit der Siegeszug des Malimo-Nähwirkverfahrens. Verschiedenste Gebrauchstextilien, wie Vorhänge oder Handtücher, aber auch Kleidung wurden nun nach diesem Verfahren gefertigt. Im Bereich Oberbekleidung blieben diese meist farblich schrillen Textilien allerdings weitgehend verschmäht. Ganz im Gegensatz zu den Präsent 20- Textilien aus Grisuten, eine vollsynthetische Bekleidungskollektion zum 20. Jahrestag der DDR. Jedoch verpasste man den Absprung in den 70er Jahren und setzte konsequent weiter auf die Großrundstricktextilien a la Präsent 20, während die Nachfrage wieder hin zu natürlichen Materialien tendierte. Die „Plastikmode“ wurde zum Ladenhüter, Präsent 20 zum Synonym dafür.

Mit der Discomusik der 70er und Bands wie ABBA, David Bowie und den Bee Gees änderte sich erneut die Mode in Ost und West. Brauchten die Trends aus dem Westen auch etwas länger bis sie über den Eisernen Vorhang schwappten, so wurden sie dennoch bald auch in der DDR übernommen. Insbesondere machte allerdings ein Kleidungsstück aus dem Westpaket das Rennen um das beliebteste Kleidungsstück: der Parka. Daneben brachten auch die Weltfestspiele der Jugend eine eigene Kleidungskollektion in die DDR, die sich beliebig kombinieren ließ. Für die Damen spielte außerdem Anfang der 70er Jahre die Hot Pants, oft kombiniert mit Stiefeln, eine wichtige Rolle, sie wurde allerdings ab Mitte des Jahrzehnts von so genannten wadenlangen Bananenröcken abgelöst. Daneben fanden auch bunte lange Kleider im Hippiestil und Schlaghosen großen Anklang.

Die Bedeutung von Mode für die Jugend wurde nun auch ab 1968 vom Staat aufgegriffen. Erste Jugendmodekollektionen und –läden entstanden. Sogar Jeans (aus Ungarn) waren hier zu kaufen. Auch die Modeprämissen „langlebig und praktisch“ wurden dafür ausgehebelt, so nahm man in Kauf, dass die Mode aus „Vliesett“ lediglich circa fünf Wäschen überstand. Das Angebot reichte jedoch nie aus.

Ein eigenes Kapitel widmet der Ausstellungskatalog auch dem Politikum der Jeans, die lange von der Staatsführung verpöhnt wurde, deren Eigenproduktion in der DDR allerdings ab den 70er Jahren vorangetrieben wurde, da deutlich im letzten Jahrzehnt von den Jugendlichen klargelegt wurde, dass sie sich die „Cottino-Hose“ nicht nehmen lassen.

Im Anschluss werden das „Modeinstitut“ und die exquisitere Kleidung der DDR genauer betrachtet, die es in den Exquisit-Läden ab 1970 zu kaufen gab. Davor existierten nur vereinzelt Mode-Boutiquen für den gehobenen Bedarf. Darüber hinaus ist einer ganz besonderen Festtagskleidung ein eigenes Kapitel gewidmet. Die Mode zur Hochzeit wird hinsichtlich ihrer Entwicklung in sozialhistorischer und kulturgeschichtlicher Perspektive untersucht.

Die 80er Jahre boten gleich eine Vielzahl an modischen Strömungen, die durch die unterschiedlichen Musikstile und ihre Vertreter sowie Fernsehsendungen wie Denver Clan und Dallas geprägt wurden. Punk, Hard-Rock, Heavy Metal, New Wave und Pop a la Madonna sind nur einige Stilrichtungen, die sich auch auf die Mode auswirkten. Schwarze Kleidung mit der Frisur des Depeche Mode-Frontmanns kombiniert, war genauso vertreten wie poppig bunte, kurze und lange, schmale und weite Outfitmixe oder verwaschene Jeans, Leggings und Karottenjeans mit Blusen mit breiten Schulterpolstern. Das Markenbewusstsein, das im Westen mittlerweile eine große Rolle spielte, war allerdings nicht so ausgeprägt in der DDR.

Ein schönes Fazit zur Bekleidungskultur in der DDR findet sich auf Seite 140: „Mangel macht erfinderisch und das zu allen Zeiten. Die Bürger der DDR waren Meister im Erfinden.“ Wer mehr über die Mode und Textilien sowie den kulturhistorischen Hintergrund der Modeentwicklung erfahren möchte, ist mit diesem Ausstellungskatalog hervorragend versorgt. Ran an die Maschen!

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