Geschichte

Markt- und Bedarfsforschung als Quelle der DDR-Sozialgeschichte

Annette Kaminsky: „Warenproduktion und Bedürfnisse in Übereinstimmung bringen“. Markt- und Bedarfsforschung als Quelle der DDR-Sozialgeschichte, in: Deutschland Archiv. Zeitschrift für das vereinigte Deutschland 1998, S. 579-593.
von Elke Sieber (24.02.2016)

Annette Kaminsky: „Warenproduktion und Bedürfnisse in Übereinstimmung bringen“. Markt- und Bedarfsforschung als Quelle der DDR-Sozialgeschichte, in: Deutschland Archiv. Zeitschrift für das vereinigte Deutschland 1998, S. 579-593.

Dr. Anna (Annette) Kaminsky ist promovierte Sprachwissenschaftlerin, die nach ihrem Studium in der Sozialforschung arbeitete und dann historisch tätig wurde. Sie verfasste zahlreiche Publikationen zur Konsumkultur der DDR und sitzt in verschiedenen Beiräten für historische Einrichtungen. Bereits seit 15 Jahren ist sie Geschäftsführerin der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Kaminsky untersucht in ihrem Aufsatz die Bedeutung der Markt- und Bedarfsforschung der DDR als heute nutzbare Quelle für eine sozialgeschichtliche Betrachtung der DDR. Dabei weist sie zuerst darauf hin, dass die Themen Alltag und Versorgung in der DDR in der öffentlichen Darstellung selten angesprochen wurden, höchstens im Rahmen von Begrifflichkeiten wie der „sozialistischen Lebensweise“. Obwohl Einkaufs- und Versorgungsfragen intern bei der SED insbesondere seit der nahezu systemsprengenden Wirkung des 17. Juni 1953 sehr wohl besprochen wurden, blieben sie offiziell Randthemen. Das Ministerium für Handel und Versorgung stand bei der Versorgung mit Waren, die täglich benötigt wurden, allerdings vor dem großen Problem: Wie lässt sich der Bedarf vorausplanen und das in einem Land, in dem seit Anbeginn durch die Wirtschaftsorgane versucht wurde Mangel zu verwalten und zu verteilen? Bei den Grundnahrungsmitteln konnte dies zumindest im Ansatz über den Pro-Kopf-Verbrauch ermittelt werden, doch schon bei Kaffee und Genussmitteln stieß man an seine Grenzen. Bei Textilien, die zusätzlich unmodern werden konnten, war es ein Ding der Unmöglichkeit.

Das Institut für Bedarfs-/Marktforschung

Anfang der 50er Jahre begann deshalb das Fachinstitut für Binnenhandel mit einer „sozialistischen Handelsforschung“. Die Abschaffung der Lebensmittelkarten 1958 erforderte dann aber die Arbeit professioneller zu gestalten. Das Institut für Bedarfsforschung wurde 1961 in Leipzig geschaffen, 1966 umbenannt in Institut für Marktforschung. Ziel des Institutes sollte es sein „die Warenproduktion mit den Bedürfnissen in Übereinstimmung zu bringen“ (Wolfgang Heinrichs: Die Grundlagen der Bedarfsforschung, Berlin/DDR 1955, S. 7.). Dazu musste nicht nur der Bedarf im Voraus ermittelt werden, sondern auch die Warenstreuung, die Lenkung der Warenströme, kontrollierter ablaufen. Die Arbeit des Instituts, beauftragt durch das Ministerium für Handel und Versorgung, beinhaltete hauptsächlich die „Markt- und Konsumentenbeobachtung“. Dies bedeutete, dass Erhebungen zum einen im Großhandel und bei den Zentralen Warenkontoren, zum anderen bei Einzelhändlern und Endverbrauchern durchgeführt wurden. Man nutzte Fragebögen, Haushalts- und Konsumentenbefragungen, Interviews und glich die Ergebnisse mit volkswirtschaftlichen Kennziffern ab. Eine enge Zusammenarbeit erfolgte deshalb auch mit der Staatlichen Zentralverwaltung für Statistik. Neben den Vorhersagen der Angebots- und Nachfragesituation für das kommende Jahr, sollte das Institut Konsumentwicklungen ganzer Jahrzehnte skizzieren. Auf dieser Grundlage wurde produziert. Doch auch wenn die Einschätzungen des Instituts vollkommen ins Schwarze getroffen hätten, so hätte es dennoch Versorgungsprobleme gegeben, die aus der Warenstreuung und dem Einkaufsverhalten der Bürger resultierten. Mit der straffen Planung und der geringen, produzierten Warenmenge war eine Zufriedenstellung der Kunden auch mit exakter Bedarfsforschung überhaupt nicht möglich.

Die 60er Jahre

Die Rationalisierung der beginnenden 60er Jahre brachte für die Einzelhandelskunden weiteren Unmut: es erfolgten Sortimentsbereinigungen, die zu einer zunehmenden Gleichförmigkeit der Waren führten, eine Standardisierung und die Einrichtung spezialisierter Selbstbedienungsläden, die an Stelle der kleinen „Tante-Emma-Läden“ traten. Wirtschaftspolitisch verbarg sich hinter der Rationalisierung das Ziel Landwirtschaft, Handwerk und Einzelhandel in die staatlich propagierten Produktionsgenossenschaften zu drängen. Der rigorosen Wirtschaftspolitik folgte eine erneute Fluchtwelle, die letztlich am 13. August 1961 mit dem Mauerbau gestoppt wurde. Die wirtschaftspolitische Lage stabilisierte sich tatsächlich. Materielle Wünsche der Bevölkerung sollten besser berücksichtigt werden. Allerdings musste gleichzeitig der Bedarf mit der Produktion in Übereinstimmung gebracht werden. Die Kunden sollten fortan das kaufen, was verfügbar war und nicht nach ihrem drängenden Bedürfnis. Das Institut für Bedarfsforschung hatte deshalb ab jetzt weniger die Bedürfnisse zu erforschen als dafür Sorge tragen, den Bedarf der Bevölkerung zu lenken. Aus diesem Grund wuchs die Bedeutung der Werbung in den 60er Jahren. Die Möglichkeiten der Erziehung zu „sozialistischen Verbrauchsgewohnheiten“ durch Werbung stellten einen breiten Forschungsbereich des Instituts dar. Werbung sollte dabei nicht, wie im kapitalistischen Ausland, Bedürfnisse wecken und zum Konsumieren animieren, sondern beispielweise zeitlose Mode und Haltbarkeit von Materialien propagieren. Neben die Bedarfslenkung aus wirtschaftlichen Gründen gesellte sich eine pädagogische Komponente, die allerdings nicht völlig getrennt von den wirtschaftlichen Notlagen zu sehen ist. Gesunde Lebensweise wurde zur neuen Devise. Dies bedeutete zuerst hauptsächlich den Konsum von Fetten und Butter zu reduzieren, Waren, die im Vergleich zu Westdeutschland in der DDR in viel größerem Umfang konsumiert wurden. Doch auch der Gedanke, dass gesunde Arbeiter produktivere Arbeiter wären, blieb in der Produktwerbung nicht außen vor.

Die 70er Jahre

In den 70er Jahren zeigte sich erneut die politische Brisanz der Versorgung. Die DDR-Bürger verlangten eine westliche Konsumwelt, die ihnen die DDR nicht bieten konnte. Das Institut durfte nur noch Teilergebnisse seiner Forschungen veröffentlichen, die keine Rückschlüsse auf den tatsächlichen Lebensstandard zuließen. Die Forschungsthemen wurden an sich unverfänglicher. Nach Kaminsky glichen die Studien der 70er Jahre weniger der eigentlichen Bedarfsforschung als soziologischen Studien, die eine Konsum- und Versorgungssituation der DDR rekonstruierbar machten. Auch der Anspruch, dass wirklich auf die Nachfrage und Bedürfnisstruktur der Konsumenten lenkend eingewirkt werden könne, wurde zunehmend unbedeutender. In den 80er Jahren erlebten die Versorgungsschwierigkeiten einen neuen Tiefpunkt. Das Institut räumte mittlerweile ein, bei seiner Beeinflussung des Konsums gescheitert zu sein. Die Befriedigung der Bedürfnisse war nun das letzte probate Mittel zur Stabilisierung. Doch dies war aus wirtschaftlichen Gründen nicht möglich. Der Rest ist Geschichte. Kaminsky ermöglicht uns in diesem Aufsatz, einen Einblick in den Alltag der DDR-Bürger mit Konsumwünschen und Versorgungsschwierigkeiten, der den Zusammenbruch von 1989 nicht von den großen politischen Aufbrüchen betrachtet, sondern die alltäglichen Sorgen über eine besondere historische Quelle zu beleuchtet. Ein lesenswerter Aufsatz für alle, die sich für die wirtschaftlichen Nöte der DDR-Bevölkerung und die Konsumgeschichte interessieren.

Bild:  Archiv Kirchert

 


 

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