Veranstaltung

Lesung "Stasiratte" - Unsere erste Veranstaltung im neuen Jahr

Gestern Abend fand die erste Veranstaltung dieses Jahres in unserem Besucherzentrum statt. Und was für eine Veranstaltung! Jeder Sitzplatz war belegt, selbst nach Veranstaltungsbeginn trudelten noch die einen oder anderen Besucherinnen und Besucher ein.
von Admin (23.01.2013)

Gestern Abend fand die erste Veranstaltung dieses Jahres in unserem Besucherzentrum statt. Und was für eine Veranstaltung! Jeder Sitzplatz war belegt, selbst nach Veranstaltungsbeginn trudelten noch die einen oder anderen Besucherinnen und Besucher ein. Diese enorme Resonanz verdanken wir sicherlich unter anderem den vielen Programmhinweisen in Funk und Fernsehen, die viele Zuhörer anlockten. Nachdem dann alle Gäste Platz genommen hatten und das Gemurmel verebbte, wurde begonnen.


Zunächst sprach unser wissenschaftlicher Leiter, Dr. Wolle, in gewohnt sympathischer Manier einige einleitende Worte. Er informierte das Publikum, dass dies das allererste Buch aus der Feder der Autorin Jana Döhring und zudem auch die erste Publikation des jungen Hartriegel Verlages ist. Als nächstes erinnerte er sich an eine Diskussionsrunde, an der er vor 22 Jahren teilgenommen hatte. Damals fiel der Satz „Stasi? Das interessiert doch keinen mehr." - „Falsch", sagte Dr. Wolle gestern. Denn wer vor Ort war konnte genau sehen: „es ist ein Jahrhunderthema." Diese Thematik treibt Menschen aus Ost und West bis heute um. Die Fragen, wie es geschehen konnte, was die Beweggründe waren, was die Hintergründe waren, die so viele Menschen zu ‚Spitzeln‘ machte. Doch dazu später mehr.
Dr. Wolle ließ er es sich auch nicht nehmen, auf ein ganz besonderes Detail hinzuweisen. „Lassen Sie uns den Geist des Ortes beschwören", schmunzelte er. Denn in dem Buch „Stasiratte" ist das Berliner „Palasthotel" (im Buch „Spreehotel" genannt) ein bedeutender Dreh- und Angelpunkt der Geschehnisse. Und wo stand das Ost-Berliner Nobelhotel von 1979 bis Anfang 2001? Genau an dem Ort, an dem wir uns gestern befanden! Denn das DDR Museum und das dazugehörige Besucherzentrum fanden nicht zufällig hier ihren Platz - bewusst wurde dieser geschichtsträchtige Standort für unsere Dauerausstellung gewählt. Nebenbei bemerkt ebenso wie unser Restaurant „Domklause" - denn schon im Palasthotel gab es eine Gastronomie des gleichen Namens.
Abschließend stellt er noch klar, dass das vorgestellte Buch ein auto-biografischer Roman sei, der „spannend, aufregend und anspruchsvoll" geschrieben ist und dass im Anschluss an die Lesung genügend Zeit für eine ausgiebige Fragerunde sei.


Bevor Frau Döhring zu lesen beginnt, dankt sie herzlich ihren Eltern, die an diesem Abend in der ersten Reihe zugegen sind und natürlich auch dem Verlag. Dann beginnt sie verschiedene Kapitel des Buches vorzulesen. Zunächst natürlich den Anfang des Buches, wie sie unruhig auf den Beginn einer Gerichtsverhandlung gegen einen ehemaligen Kollegen und Freund wartet. Dann springt sie etwas vor zu der Zeit, als sie bereits im Palasthotel angestellt war. Wie sie in eines der Zimmer bestellt wurde, das als Büro umfunktioniert wurde und dort zum ersten Mal ihren Führungsoffizier, Hauptmann Gerber, trifft. Wie sie sich hat blenden lassen von dem Gefühl, wichtig und gebraucht zu sein. Und schließlich liest sie, wie sie im Zimmer ihres Babys am Fenster steht und erst verwundert, dann überwältigt einen schier endlosen Zug „aufrechter", „würdevoller" Demonstranten bemerkt, der durch ihre Straße zieht. „Da machten sich meine Mitbürger auf, um unsere Welt zu verändern".
(Eine ausgiebigere Schilderung des Buches finden Sie hier in meiner Rezension zu „Stasiratte")


Die erste Frage in der Stille, die auf die Lesung Frau Döhrings folgt, kommt direkt von Dr. Wolle. Der fragte nämlich, ob sie noch wisse, welche Demonstration das gewesen sei. Denn er ist nicht nur unser wissenschaftlicher Leiter sondern ein aktiver Zeitzeuge, der selbst das ein ums andere Mal an Demonstrationen teilnahm. Und tatsächlich war diese, die Frau Döhring beschrieb, die Demonstration am Tag, als Egon Krenz zum Generalsekretär gewählt wurde. „Wir kennen uns also schon", stellt Dr. Wolle herzlich lächelnd fest. „Sie am Fenster, ich auf der Straße".
Damit wurde die Fragerunde eingeläutet. Unter anderem wurde gefragt, ob sie sich bei ihrem Kollegen entschuldigt habe, was die Autorin bejaht. Und ob der Kollege denn Schaden durch ihre Berichte erlitten habe, die sie bei der Stasi zu Protokoll gab. Nein, sagt Frau Döhring, zumindest nicht dass sie wüsste. Denn da sie beide gute Freunde waren, habe sie ja eh nur „blabla" abgegeben. Leider ließe sich das nicht genau rekonstruieren, da ihre Akte offensichtlich vernichtet wurde, ehe sie diese lesen konnte.
Ob sie denn anderen Schaden zugefügt hätte? Leider, ja, an ein Beispiel kann sie sich erinnern und das wird auch in dem Buch beschrieben.
Ein weiterer interessanter Einwurf war, dass sie ihre inoffizielle Stasi-Mitarbeit ja schlussendlich nicht nur ihrer Familie und ihrem Mann gebeichtet habe, sondern auch ein ganzes Buch schrieb. Wie es dazu kam? Hierauf erklärt die Autorin, dass ihr Mann, West-Deutscher, natürlich eine ganz feste, negative Einstellung zur Stasi und deren Mitarbeitern hatte. Daher ihre jahrelangen Hemmungen, ihm von ihrer Mitarbeit zu berichten. Als er dann allerdings ihre Geschichte hörte, war er neben dem zu erwartenden Entsetzen auch auf morbide Art fasziniert von dieser „Banalität des Bösen". Wie leicht es geschehen konnte, eine junge Frau aus einer Familie, die das Regime absolut ablehnte, dann doch zur Mitarbeit überreden zu können. „Schreib das doch mal auf" und das tat sie dann auch. Schrieb sich alles von der Seele und es fühlte sich an wie ein Befreiungsschlag. Dr. Wolle merkte hierzu an, dass offene Aussprache und eine Art Gesprächstherapie in jedem Fall das aller wichtigste sei. Und meint schmunzelnd, dass das Buch zeigt, dass die Gesprächstherapie in ihrem Fall ein voller Erfolg gewesen ist.
Sie wird gefragt, ob der ehemalige Kollege denn auch schon von dem Buch weiß und es schon eine Reaktion seiner Seite gegeben hätte. Ja, er wisse davon, eine Reaktion gab es allerdings noch nicht, sie hat ihm das Buch ja auch erst vor einigen Wochen geschickt.
Ein anderer Gast fragt, ob dieser Fall Döhrings denn ein typischer war, ob sich in der Vorgehensweise der Stasi ein bestimmtes Muster erkennen ließe. Diese Frage beantwortet Dr. Wolle mit einem ausdrücklichen ja. „Ausgesprochen typisch, typischer geht's kaum!". Denn entgegen der allgemeinen Wahrnehmung wurde die Mitarbeit weniger durch Erpressung oder Drohung bewirkt, viel eher waren es Verlockungen, Versprechen, Vergünstigungen und kleine Geschenke. Der Appell ans „wichtig genommen werden" und „dem Volk helfen". Darauf fragt ein Zuschauer, ob Zahlen genannt werden könnten, wie viele Mitarbeiter die Stasi denn gehabt hätte. „Offizielle waren es zum Stichtag 1990 92.000, Inoffizielle über 200.000 (das entspricht etwas über einem Prozent der Bevölkerung), gesamt jemals mitgearbeitet haben über 600.000." Dr. Wolle nennt die Vorgehensweise der Stasi allerdings ineffizient „diese abnormen Unmengen an Papier".
Um den Weg wieder zurück zum Buch zu schlagen, meldete sich ein West-Deutscher Gast zu Wort, der beschreibt, dass er sehr ähnliche Erfahrungen gemacht hat, wie in dem Buch beschrieben. „Ein Besuch im Osten, ganz entspannt auf'm Sofa, Club-Zigarette, mitgebrachtes Grönemeyer-Album gehört und später erfahren, 2 von 3 Leuten waren Stasi-Spitzel! Dieses Buch ist so wichtig, denn es waren verdammt viele und keiner spricht darüber, wie das kam."
Auf die Frage nach ihrer persönlichen Motivation antwortet die Autorin ganz klar „Leichtfertigkeit, Dummheit". Sie war das „naive Doofchen vom Lande" die sich hat einreden lassen, etwas Besonders zu sein.
Zum Ende hin kommt auch der Vater Döhrings zu Wort und erzählt, dass er zwar auch offensichtlich von Verwandten bespitzelt wurde, denn in seiner Stasi-Akte fanden sich Fotos von Familienfeiern. Allerdings kann der oder die Verwandte nicht viel erzählt haben, lacht er, „sonst wäre ich sofort in Handschellen abgeführt worden".


Als Schlusswort sagt Dr. Wolle nochmals mit aller Nachdrücklichkeit, dass dieses Buch zeigt, wie Menschen instrumentalisiert wurden und es nur ein einziges Mittel gibt: offen darüber sprechen!


Die Gäste zerstreuten sich nach Veranstaltungsende nur langsam. Viele Gespräche wurden noch geführt, einige in der Domklause bis in die Nacht hinein fortgesetzt. Einige nutzten auch noch die Möglichkeit, das Buch vor Ort zu kaufen und sich sogleich von der Autorin eine Widmung hineinschreiben zu lassen.
Ein höchst interessanter, spannender und informativer Abend in unserem Besucherzentrum, der definitiv im Gedächtnis bleiben wird.


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