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Landwirtschaft in der DDR

Jens Schöne ist Stellvertretender Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen in Berlin und Lehrbeauftragter an der dortigen Humboldt-Universität. Er verfasste bereits viele Veröffentlichungen zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte der DDR. In seiner Publikation befasst er sich mit der Landwirtschaft in der DDR.
von Elke Sieber (27.05.2016)

 

Jens Schöne: Die Landwirtschaft der DDR 1945-1990, Erfurt, 2. Aufl., 2015.

Jens Schöne ist Stellvertretender Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen in Berlin und Lehrbeauftragter an der dortigen Humboldt-Universität. Er verfasste bereits viele Veröffentlichungen zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte der DDR. In seiner Publikation befasst er sich mit der Landwirtschaft in der DDR, die im Folgenden gemäß der Monographie dargestellt werden soll.

 

 

Landwirtschaft unter sowjetischer Besatzung

Mit der Konferenz der zukünftigen Siegermächte in Casablanca wurde die Aufteilung Deutschlands in vier Besatzungszonen nach dem Zweiten Weltkrieg beschlossen. Bereits im Februar 1944 trat eine Arbeitskommission des Zentralkomitees der KPD in Moskau zusammen um die zukünftige Politik in der sowjetischen Besatzungszone festzulegen. Grundziele dieser waren, das nationalsozialistische Erbe zu tilgen, für die Versorgung der Bevölkerung zu sorgen und ein enges Bündnis zwischen Arbeitern und „werktätigen Bauer“ zu begründen. Die Vorbedingung für all das war eine grundlegende Landreform.

1939 bestanden auf dem Gebiet der späteren DDR 9.050 Betriebe mit Wirtschaftsflächen von 100 und mehr Hektar. 1949 hatte sich dieses Bild bereits durch die Aktion „Junkerland in Bauernhand“ vollständig geändert. Gutsbesitzer waren enteignet und vertrieben worden und an ihre Stelle wurden 210.276 Neubauern gesetzt, eine neue soziale Gruppe, die den bündnispolitischen Vorgaben der Parteiführung entsprach. Bereits 1945 war es unter dem Deckmantel der Entnazifizierung zu wilden Enteignungen gekommen. Im September startete dann die oben genannte Aktion in Zusammenarbeit mit Bodenkommissionen, welche die Weisungen von Berlin durchsetzen sollten. Schnell zeigten sich allerdings Folgeprobleme. Aus verschiedensten Gründen weigerten sich Dorfbewohner Land zu übernehmen. Die Verteilung des Landes zwischen Neuankömmlingen und Alteingesessenen sorgte zusätzlich für Spannungen. Darüber hinaus fehlte es den Neubauern an Ausstattung und Arbeitsmaterialien. Sogar die neugeschaffenen Maschinen-Ausleih-Stationen (MAS) verfügten nicht über ausreichende Ressourcen.

 

Landwirtschaft in in der Aufbauphase

Diese Schwierigkeiten, staatliche Restriktionen und gleichzeitige mangelhafte staatliche Unterstützung führten dazu, dass bereits 1952 ein Drittel der Neubauern ihre Betriebe wieder aufgegeben hatten. Eine Neuvergabe gestaltete sich zunehmend schwieriger. Die SED-Führung scheiterte damit die mit der Bodenreform zu verwirklichenden ökonomischen und ideologischen Ziele durchzusetzen. Immer mehr landwirtschaftliche Nutzfläche lag brach, die Versorgung der Bevölkerung verschlechterte sich. Aus dieser Notlage heraus führte nach der marxistisch-leninistischen Weltanschauung nur eine Möglichkeit: die „sozialistische Umgestaltung“ in Form einer Kollektivierung.

Der Klassenkampf, der mit der Kollektivierung einherging, begann sich bereits 1948 zu verstärken, als Schauprozesse gegen Großbauern und traditionelle landwirtschaftliche Genossenschaften einsetzten. Wirtschaftlich leistungsstarke Betriebe sollten die Folgen der Bodenreform jedoch abmildern und hohe Ablieferungen bewerkstelligen, während ihnen gleichzeitig als Klassenfeinde der Kampf angesagt wurde. Viele Großbauern verließen die DDR in Richtung Bundesrepublik. Gerüchte darüber, dass eine neue „Vergenossenschaftlichung“ in einer weiteren Bodenreform in Angriff genommen würde, verstummten seither nicht mehr. Dafür bedurfte es allerdings des Rückhalts der Sowjetunion, die wirtschaftliche Notlage rückten sie jedoch immer deutlicher auf die politische Agenda. So reagierte die SED-Führung prompt, als Stalin den Weg für den Aufbau des Sozialismus freigab.

Stalin warnte allerdings vor einem zu harschen Vorgehen. Muster-Genossenschaften sollten deshalb gegründet werden, die dann in eine Massenbewegung überführt werden sollten. Dennoch war das Vorgehen in der DDR zunehmend kompromissloser, eine umfassende Transformation wurde schon in den Folgewochen vorbereitet. Detaillierte Anweisungen zum Kurswechsel gingen bereits Anfang Juni 1952 an die Kreissekretäre. Die SED wollte die Gründung der LPGs von Anfang an unter Kontrolle haben, offiziell jedoch im Hintergrund agieren, sodass die Umgestaltung als Prozess der Bauern wahrgenommen würde. Von einer Eigeninitiative der Bauern konnte allerdings nie die Rede sein.

 

Die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPGs)

LPG-Mitglieder waren zum Großteil Neubauern, denn für sie bot sich durch das „Bündnis“ mit der Politik der SED ein Ausweg aus der Notlage. Zumindest zu Beginn war ein großes Potential an Freiwilligkeit und Arbeitsbereitschaft unter den Genossenschaftlern auszumachen. Dennoch fehlte der Kollektivierung die Mehrheit unter der ländlichen Bevölkerung. Gerade diejenigen, die erfolgreiche Betrieb besaßen, sahen keinerlei Veranlassung sich in eine Gemeinschaft einzubringen. Zumal die Produktivität der LPGs weit unter derjenigen potenter Betriebe der Altbauern lagen.

Im Juli 1952 konnten die Bauern zwischen drei LPG-Typen wählen. Im Typ I wurde lediglich der Boden der Mitglieder gemeinschaftlich bewirtschaftet, im Typ II umfasste das Gemeinschaftseigentum ebenfalls das Ackerland, Maschinen, Zugtiere und Gerätschaften. Der Typ II sah sogar eine gemeinschaftliche Nutzung von Wirtschaftsgebäuden und Viehbeständen vor. In einem harten Vorgehen im Februar 1953 wurde die Eingliederung vieler Bauern in LPGs erzwungen. Republikflucht und eine weitere Verschlechterung der Versorgung folgten. Sogar die UdSSR forderte den Abbruch der Kollektivierung, doch die SED ließ sich nicht abbringen, bis sie von sowjetischer Seite im Juni 1953 unmissverständlich zum „Neuen Kurs“ aufgefordert wurde.

 

„Neuer Kurs“ und 17. Juni 1953

Die SED räumte Fehler ein, enteignete Bauern bekamen ihr Land zurück, eingesperrte wurden aus den Gefängnissen entlassen und „republikflüchtige“ durften straffrei in die DDR zurückkehren. LPGs wurde keine weiteren gegründet, unrentable aufgelöst.Fortan kam den bisher bekämpften Bauern die staatliche Förderung zugute. Diese Kehrtwende förderte jedoch Misstrauen und Ressentiments gegenüber der Regierung. Aufstände und Proteste brachen los, die im 17. Juni und Forderungen zum Rücktritt der Regierung, freien und geheimen Wahlen sowie deutscher Einheit ihren Höhepunkt erreichten. Wie in den Städten ging die Sowjetunion auch auf den Dörfern in aller Härte mit Militärgewalt vor. Der Protest auf dem Lande hielt jedoch an, LPGs lösten sich weiter auf, Mitglieder traten aus und wiederholte Streiks forderten die Abschaffung von Pflichtablieferungen und einem freien Markt. Auch weitere Zugeständnisse konnten die Stimmung nicht besänftigen.

Bereits im September 1953 wurden erneut von staatlicher Seite LPG-Gründungen unterstützt, der Aufnahmestopp aufgehoben. Damit sollten die brachliegenden Felder wieder bewirtschaftet werden, um die Versorgungsprobleme zu lindern. Doch die mangelhafte Ausstattung der LPGs vermochte die Not nicht zu lindern.

 

Zweite Kollektivierungswelle

Reformversuche in der Agrarpolitik wurden letztlich durch die Ereignisse in Ungarn und Polen zerstreut, sodass zu Beginn des Jahrs 1957 die Zeichen auf einer erneuten Kollektivierungswelle standen. Durch die Abschaffung der Rationierung 1958 stieg der Lebensmittelverbrauch sprunghaft an, die Landwirtschaft konnte dem nichts entgegensetzen. Die SED hielt in dieser schweren Versorgungskrise die weitere Vergenossenschaftlichung für die einzig gangbare Lösung, um Produktionszuwächse zu erzielen. 1960 fiel deshalb der Startschuss für den sozialistischen Frühling: die vollständige Kollektivierung der Landwirtschaft. Eine Beschwerdeinstanz für die Bauern war nicht vorhanden, Kritik wurde sofort als Provokation durch den „Klassenfeind“ verstanden. Willkürakte der Werbebrigaden und Verhaftungen standen auf der Tagesordnung, die Republikflucht nahm erneut zu. Doch trotz der Negativfolgen verkündete Ulbricht im April die Vollendung der Kollektivierung.

Die Lebensmittelversorgung verbesserte sich allerdings nicht. Hauptursache dafür war die geringe Produktivität der LPG. Doch auch weitere Krankheiten der Planwirtschaft unterstützten die Versorgungsmisere. Letztlich blieb keine andere Möglichkeit als die Grenze zu Westberlin zu schließen, um das Überleben des sozialistischen deutschen Staates zu sichern.

 

Dies nur die Zusammenfassung des ersten Teils von Jens Schönes Monographie zur Landwirtschaft in der DDR. In seinen weiteren Ausführungen betrachtet der Autor die folgenden turbulenten Jahre der Planwirtschaft und ihre besonderen Ausprägungen im Bereich Landwirtschaft. Für diejenigen, die sich mit der Wirtschaftsgeschichte und ihrer Verknüpfung mit der Konsumpolitik und Weltanschauung in der DDR auseinandersetzen möchten, ist dieses Werk ein Muss: Eine kurze und spannende Übersicht über vierzig Jahre Landwirtschaft in der DDR!

 

 

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