Konservative, Reformer und das „Neue Ökonomische System“

von Elke Sieber (26.11.2015)

Jörg Roesler: Konservative, Reformer und das „Neue Ökonomische System“. Die Auseinandersetzungen innerhalb der SED-Führung um die Lenkung der DDR-Wirtschaft Anfang der 1960er Jahre, in: DA 15.05.2013, http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutschlandarchiv/160233/neues-oekonomisches-system, abgerufen am 25.11.2015.

Jörg Roesler ist Wirtschaftshistoriker in Berlin, der sich schwerpunktmäßig mit der DDR und ihrer Planwirtschaft sowie der Sozialgeschichte der Arbeit auseinandersetzt. Er ist außerdem Mitglied der Leibniz-Sozietät und der Historischen Kommission der Partei die Linke.

In seinem Aufsatz befasst sich Roesler mit den Wirtschaftsreformen in der DDR der frühen 1960er Jahre. Sie stellen eine große Umwälzung in der DDR dar, da mit dem Neuen Ökonomischen System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft eine Mischwirtschaft oder so genannter Marktsozialismus eingeführt wurde. Dies bedeutete zwar eine weitere Lenkung der Wirtschaft durch einen Plan, jedoch eine zusätzliche Orientierung am Markt.

An die Spitze dieser Veränderung stellte sich Ulbricht, der das Wirtschaftskonzept der konservativen, am sowjetischen Wirtschaftssystem festhaltenden Kräfte Ende 1962 mit einer Beendigung des Produktionsaufgebotes sowie klaren Worten rügte. Das Produktionsaufgebot war eine vom Bundesvorstand der Gewerkschaften lancierte Wettbewerbsinitiative, die auf dem Grundgedanken beruhte, dass „moralische Anreize“ an die herrschende Klasse der Arbeiterschaft ausreichten, um die Produktion und Arbeitsproduktivität zu steigern. Die Aktivisten- und Wettbewerbsbewegung der Konservativen sollte demnach ein natürliches Interesse der Arbeiter befördern und würde dementsprechend in nicht ferner Zeit dazu führen, dass Westdeutschland nicht nur einzuholen, sondern zu überholen wäre. Nach der „Störfreimachung“ der Wirtschaft durch den Mauerbau setzte das aus einzelnen Industriezweigministerien hervorgegangene Superministerium „Volkswirtschaftsrat“ deshalb darauf, dass in derselben Zeit und für denselben Lohn mehr produziert werden sollte: das Produktionsaufgebot.

Als den Arbeitern deutlich wurde, dass es sich hierbei nicht um eine vorübergehende Maßnahme handeln sollte, wuchs die Gereiztheit in den Betrieben. Die Gewerkschaften verlangten eine Steigerung des Lohnes proportional zur Arbeitsproduktivität. Walter Ulbricht entschied sich daraufhin dazu, die gesamte Maßnahme zu kippen und mahnte deutlich, dass die Arbeitsmoral sich zwar auch durch Überzeugungsarbeit erhöhen ließe, materielle Interessiertheit aber auch eine bedeutungsvolle Rolle spielen würde.

Nachdem bereits führende Reformer nach dem Mauerbau in wichtige Positionen aufgerückt waren, wie etwa Günter Mittag und Erich Apel, wurde der Weg für Reformen mit einem Besuch in Moskau geebnet. Chruschtschow wurde über das Neue Ökonomische System, kurz NÖS oder NÖSPL, informiert und es wurde angekündigt, dass es im Januar 1963 auf dem VI. Parteitag der SED verkündet werden sollte. Dieser willigte ein und unterstützte die Reformer zudem durch seine Anwesenheit auf dem Parteitag.

Voran ging diesem Parteitag eine Klausur in Bernau, wo eine Gruppe von Wirtschaftspraktikern und Wirtschaftsexperten die Umwälzungen des NÖS festschrieb sowie die bisherige Wirtschaftspraxis einer kritischen Einschätzung unterzog oder vielmehr mit dem System abrechnete. Eine Wirtschaftskonferenz im Juni 1963 sollte alle bedeutenden Wirtschaftsinstanzen und – funktionäre auf die neuen Richtlinien einschwören.

Jedoch waren die Reformer nur kurze Zeit auf Siegeszug. Das NÖS selbst ging 1966 in die zweite Etappe und wurde ab 1968 als Ökonomisches System des Sozialismus weitergeführt. Zugeständnisse an die Konservativen wurden kurz nach dem Tod Apels im Dezember 1965 sowie nach Beendigung des Prager Frühlings 1968 gefordert. 1966 wurde die zuvor mit dem NÖS einhergehende, breiter geführte öffentliche Diskussion in Kunst und Kultur unterdrückt, 1968 sogar die öffentliche Auseinandersetzung über den Ausbau der Mischwirtschaft in wirtschaftswissenschaftlichen Fachzeitschriften unterbunden.

Angeführt durch Erich Honecker versuchten die Konservativen langsam wieder die Oberhand zu gewinnen. Mit dem Sturz Ulbrichts kehrte man dann endgültig zum zentralistisch-administrativen System zurück. Trotz wirtschaftlicher Notlage und Auslandsverschuldung rückte man davon nicht wieder ab. Ministerpräsident Hans Modrow startete 1989 erneut Versuche eines Marktsozialismus, doch ab Juli 1990 übernahm das Gebiet der DDR das bundesdeutsche System der Lenkung durch den Markt.

Für mich ist Roeslers Aufsatz eine spannende Einsicht in die Wirtschaftsgeschichte der DDR, der interessante Neuerungen der 60er Jahre anspricht, die vielen wahrscheinlich nicht geläufig waren.

Bild: aus unserer Sammlung

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