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Ich habe Nein! gesagt - Zivilcourage in der DDR

Heute stellen wir Ihnen einen Schatz aus unserer Bibliothek vor, der jenen gewidmet ist, die 'Nein!' gesagt haben. von Melanie Alperstaedt (22.07.2014)

Heute stellen wir Ihnen einen Schatz aus unserer Bibliothek vor, der jenen gewidmet ist, die 'Nein!' gesagt haben. Nein zu Spitzeltätigkeiten, Nein dazu, ihre Kollegen, Nachbarn, Freunde oder gar die eigene Familie auszuspionieren. Einige der Nein!-Sager erhielten harte Strafen, landeten im Gefängnis oder hatten unter beruflichen und privaten Nachteilen zu leiden. Einige sind 'glimpflich' davon gekommen - die Mitarbeiter des MfS ließen es auf sich beruhen.

Im vorliegenden Werk findet sich als allererstes, noch vor dem Inhaltsverzeichnis, eine Seite nur mit dem Satz "Nur wer die Vergangenheit begreift, kann die Zukunft gestalten."

Es folgt ein Geleitwort von Wolfgang Thierse. Dieser schreibt gleich zu Beginn: "Die mediale Vermarktung der DDR-Vergangenheit zu Skandalgeschichten von Feigheit und Verrat provozierte einen merkwürdigen Trotz: Es identifizierten sich im Nachhinein viel mehr DDR-Bürger mit ihren einstigen Bewachern, Bespitzlern, Unterdrückern als zuvor vorstellbar war. [...] Man darf erinnern: Die meisten Menschen in der DDR haben unter schwierigen Bedingungen anständig, vernünftig, intelligent gelebt. So ehrlich, so solidarisch und so gut, wie es ihnen möglich war. Die Verkürzung der eigenen Alltagserfahrungen auf Stasi- und Spitzelgeschichten hat die Atmosphäre im Osten verdorben. [...] Was kann man dagegen tun? Aufklären! Die Menschen selbst mit ihrer biografischen Erfahrung zu Wort kommen lassen." (vgl. Geleitwort). Genau das tut dieses Buch.

In „Ich habe Nein! gesagt“ finden sich vor allem ausführliche Erlebnisberichte, direkt geschildert von den Betroffenen, belegt und bebildert mit zahlreichen Kopien aus den originalen Stasi-Akten. Ganz normale Menschen, sogenannte „Kleinen Leute“ – wie z. B. Kellner, Hochseefischer, Postbotin, Näherin – erzählen, auf welchen Wegen und unter welchen Umständen und Begründungen sie von der Stasi angesprochen wurden. Oft wurde versucht, diese Menschen zu einer sog. Inoffiziellen Mitarbeit zu erpressen. Drohungen wurden ausgesprochen, gegen die Betroffenen direkt, oder aber gegen nahe Verwandte. Gefängnisstrafen und berufliche Nachteile wurden im Falle der Weigerung in Aussicht gestellt – und oft genug auch tatsächlich verhängt. In einigen Fällen wurden andererseits Vergünstigungen oder gar Geschenke (bspw. ein West-Auto) versprochen. Eines aber haben alle diese ‚Fälle‘, alle diese Menschen gemeinsam: Sie fanden den Mut, „Nein!“ zu sagen. In ihrem Zwiespalt zwischen der Loyalität zur SED oder ihrer Angst vor dem mächtigen Staatssicherheitsdienst, siegte ihr Gewissen.

Im hinteren Teil des Buches finden sich außerdem Analysen und Forschungsberichte von Helmut Müller-Enbergs unter dem Titel „Über Ja-Sager und Nein-Sager“ und von Johann Legner unter der Überschrift „Meine Akte gehört mir!“.

Im Anschluss sind zahlreiche Kurzbiografien, 28 an der Zahl, zu lesen, von Menschen, die selbst von der Stasi observiert wurden oder zu einer Tätigkeit als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) gedrängt werden sollten. Diese Kurzbiografien sind Leserzuschriften nach einem Aufruf der Zeitschrift SUPERillu, in dem Leser, die sich einer Spitzeltätigkeit für die DDR-Staatssicherheit einst verweigerten, gebeten wurden, ihre Geschichte zu erzählen.

Die Autoren Gerald Praschl und Marco Hecht haben mit dem Buch „Ich habe Nein! gesagt“ ein wichtiges Plädoyer für Zivilcourage geschaffen. Ein Plädoyer, das wohl nie an Aktualität verlieren wird.

Das Buch ist im Kai Homilius Verlag erschienen und hat die ISBN 978-3-89706-891-9.

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