Hier und drüben und drunter - packende Lesung im Besucherzentrum am 09.07.2013

Am gestrigen Abend lockte das Besucherzentrum des DDR Museum wieder mit einer sehr spannenden Veranstaltung. Und dieses Mal sogar mit einem echten Star!
von Admin (10.07.2013)

Am gestrigen Abend lockte das Besucherzentrum des DDR Museum wieder mit einer sehr spannenden Veranstaltung. Und dieses Mal sogar mit einem echten Star!

Der Schauspieler Peter Reusse gehörte zu den Stars der DEFA. Oft war er im DDR-Fernsehen zu sehen, stand so manches Mal im Deutschen Theater auf der Bühne. Im Gedächtnis geblieben sein wird er dem Einen oder Anderen durch seine Schülerrolle 1964 „Die Abenteuer des Werner Holt" oder vielleicht auch durch den 1965 verbotenen Film „Denk bloß nicht, dass ich heule".

Inzwischen hat er die Schauspielerei an den Nagel gehängt und widmet sich der Literatur. Sein 1997 erschienenes Erinnerungsbuch „Hier und drüben und drunter - Ironische und satirische Kurzgeschichten" ist eine Sammlung von Erzählungen, die ein breites Spektrum von amüsant und unterhaltsam über bewegend abdecken, die zum Nachdenken anregen, den Leser zum Schmunzeln bringen und immer wieder Lust auf die nächste Geschichte machen.

Die Anwesenheit von Peter Reusse zog eine beträchtliche Schar Zuschauer an. Das Besucherzentrum war bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Spannung stieg mit jeder Minute, bis es endlich 19 Uhr war und der Schauspieler und Schriftsteller den Saal betrat. Für seinen Platz am Podium hatte er sich eine Leselampe und ein großes Glas stilles Wasser gewünscht. Nach der obligatorischen Begrüßung seitens Dr. Wolle und einigen warmen Worten zu und über unseren „Star-Gast" ging es endlich los.

„Ich wollte das Wende-Buch schreiben", erzählte Reusse. Aber dies wollte nicht so recht klappen. „Und was macht ein Schriftsteller, wenn ihm nichts einfällt? Er geht zurück zu seinen Erinnerungen." So viel wie er erlebte, kurioses, spannendes, trauriges, lustiges - mit seinen Erinnerungen füllte er schließlich ein ganzes Buch. Welches, nebenbei bemerkt, gar nicht so leicht zu bekommen ist. Unser wissenschaftlicher Leiter, Dr. Wolle, hat sich für die Veranstaltung ein Exemplar aus der Bibliothek besorgt. „Ich bringe es morgen früh gleich zurück - dann können Sie es haben" schmunzelt er auf Nachfrage eines Besuchers.

Reusse las mehrere Geschichten über Menschen, die seine Wege kreuzten und die eine oder andere tiefe Spur in seiner Erinnerung hinterließen. Über einen zerschossenen Ami-Schlitten auf der Ost-Seite der Grenze, über eine Polen, dem er unverhofft bei der Flucht über die Grenze half, über mobile Radiogeräte, Filmproduzenten, Grenzsoldaten oder auch ‚Gaskopp‘, den unbeliebten Mitschüler. Letzterer, mit bürgerlichem Namen Wolfgang Becker, war in der Schule stets Opfer von Hohn und Spott, es wurde gehänselt und gestichelt, auch von Reusse selbst. „Die Schwächeren benutzen ihn gelegentlich, um auch mal Siegerluft zu schnuppern." Gaskopp, über den sich, als die Schulzeit schon beendet war, plötzlich das Gerücht verbreitete, er hätte einen Tunnel gegraben. Unter der Grenze hindurch. Nach drüben. Gaskopp, bei dem sich von einen Tag auf den anderen die Leute die Klinke in die Hand gaben. „Hallo Gaskopp, alter Freund". Gaskopp, der in der Nacht der geplanten Flucht erklärte, er würde voran gehen und schauen, ob es sicher ist, dann würde er ein Zeichen geben, damit die anderen hinterher könnten. Nur, dass plötzlich Grenzoffiziere den Keller stürmten, in dem die Jugendlichen auf Gaskopps Zeichen warteten. Und ein Offizier großmütig erklärte, es gäbe zum Glück auch klassenbewusste Jugendfreunde in ihren Reihen, die wissen, wie man zu seinem Staat zu stehen hat. „Herr Becker, kommen sie bitte." Ein suchender Blick ins Loch. „Herr Becker, kommen Sie zurück, die Aktion ist beendet!" Nichts rührt sich. Gaskopp hatte seinen großen Abgang. Er hatte sie alle geschafft. (s. S. 48)

Für die Geschichte „Gaskopp" erhielt Reusse 2006/2007 den Zeitzeugenpreis Berlin-Brandenburg.

Reusses Geschichten sind nicht nur packend und mitreißend geschrieben - als ehemaliger Schauspieler entsteht ein besonderer Zauber, wenn Reusse selbst liest. Jede Figur bekommt seine eigene Stimme. Der schrullige Filmproduzent, der stets mit schnarrendem R spricht, der Pole, die Grenzer und viele mehr; schließt man die Augen, hat man das Gefühl, sie wären mit im Raum.

Ich bin sehr froh, an diesem Abend dabei gewesen sein zu dürfen. Peter Reusse versteht es, Stimmung zu erzeugen. Wir haben gelacht, wir haben mitgefiebert, wir waren nachdenklich. Eine Lesung von ihm ist jedem ans Herz zu legen.

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